Niklas Luhmann 100: An der Schwelle zu welchem System stehen wir?

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Eigentlich sind die Bereitschaft zur distanzierten Beobachtung und eine neugierige Offenheit gegenüber der Unberechenbarkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen Teil der inneren Grundhaltung von Systemtheoretikern. Entgegen den normativ aufgeregteren soziologischen Schulen, die ihre Aufgabe und ihre Legitimation nicht allein in der Beschreibung, sondern auch in der Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse sehen, wie sie hierzulande beispielsweise am Frankfurter Institut für Sozialforschung geprägt wurden, zeichnet die Systemtheorie eine deutlich wertneutralere – und dadurch für so manchen: kühlere – Verfahrensweise aus.

Sosehr damit der Wert der Distanziertheit im Berufsethos verankert ist: Ein kleiner Hauch von Wehmut war dennoch zu spüren bei der diesjährigen Tagung „Luhmann 100. Zur Gegenwart eines Theorieprogramms“, die an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen stattfand. Jenseits des vordergründigen Anlasses eines Festakts für den großen Denker und Begründer der soziologischen Systemtheorie, Niklas Luhmann, wurde die Tagung auch Anlass für eine Selbstbefragung über den Status der Systemtheorie in der Gegenwart.

Zwei Faktoren – ein wissenschaftsimmanenter und ein zeitdiagnostischer – gaben dazu Anlass. Zwar weise die Systemtheorie außerhalb der Universität eine außerordentliche Wirkungsgeschichte vor, habe sie doch seit den Achtzigerjahren einen erheblichen Einfluss auf die Modernisierung und Enthierarchisierung unternehmerischer Praxis ausgeübt. Doch innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften habe sich die systemtheoretische Schule nicht großflächig Geltung verschaffen können, wie der Soziologe Rudolf Stichweh, Nachfolger auf Luhmanns Lehrstuhl an der Universität Bielefeld, anmerkte. Indiz dafür sei, dass es kein Exzellenzcluster oder einen anderweitig geförderten Forschungsverbund gegeben habe, der systemtheoretisch ausgerichtet war.

Autopoiesis und Systemkrise

Daneben stand die Frage, ob und inwiefern die Systemtheorie ein Angebot darstelle, der gegenwärtigen historischen Transformation, die mit dem digitalen Medienwandel in Gang gesetzt wurde, zu begegnen. Bereits 2007 hatte Dirk Baecker die These vertreten, die moderne Gesellschaft des Buchdrucks sei durch die Computergesellschaft abgelöst worden. Diese hatte er noch relativ wertfrei als „nächste Gesellschaft“ bezeichnet.

In den Einführungsreden zu der Konferenz war auffällig, dass sich das Vokabular zur Beschreibung dieses historischen Umbruchs verändert hat. Baecker selbst fragte nach der Aktualität von Luhmanns Theorieprogramm „in einer zunehmend nervösen Gesellschaft“. Jan Söffner stellte den Anspruch, Luhmanns Theorie müsse daraufhin gelesen werden, inwiefern sie der „Disruption der Gegenwart“ – und damit auch der drohenden „Disruption des Systems Wissenschaft“ – gerecht werden könne.

Die darunterliegende, schwelende Leitfrage schien folgende zu sein: Wenn es ein zentraler Gedanke Luhmanns ist, dass sich moderne Gesellschaften funktional in relativ autonome Subsysteme Wirtschaft, Politik, Bildung, Recht, Wissenschaft und so weiter differenziert haben und diese sich zudem durch ihren autopoietischen Charakter, also durch ihre Fähigkeit, sich durch ihre eigenen Netzwerkeffekte selbst erhalten zu können, auszeichnen, mit welchen Mitteln kann dann eine tiefgreifende historische Transformation erklärbar werden? Oder anders: Was ist der Status der Systemtheorie in Zeiten der Systemkrise? Diese lässt sich durch das Theorem der „operativen Geschlossenheit“ einzelner Subsysteme schwer erklären.

Die Nicht-Normativität der Systemtheorie

Sowohl Rudolf Stichweh als auch die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin, stellten jedoch die prinzipielle Leistungsfähigkeit der Systemtheorie zur Erklärung von historischen Transformationen heraus – zumindest im Historischen. Bei der Erklärung der Evolution von der Schichtengesellschaft in die moderne ausdifferenzierte Gesellschaft sei es – entgegen einer normativen Färbung – ihre Qualität, nicht in kausale oder teleologische Erklärungsansätze zu verfallen.

Letztere würden, wie Stollberg-Rilinger herausstellte, immer die Gefahr bergen, Vergangenes an gegenwärtigen normativen Erwartungen zu messen. Der Vorteil der Systemtheorie sei, dass sie Übergänge als kontingente, also als nicht-notwendige Endergebnisse eines Prozesses verständlich macht. Nicht die Absichten, Motive oder Handlungen einzelner Akteure, sondern die kommunikative Eigenlogik eines Systems sei von Relevanz. Doch sosehr diese Ansätze Potentiale für die Geschichtswissenschaft herausarbeiteten, blieben sie vor der Frage nach Erklärungsansätzen für die gegenwärtige Transformation stehen.

Die Vorträge der Medienphilosophin Sybille Krämer und des Kultur- und Medienwissenschaftlers Martin Warnke konfrontierten schon mehr Problemstellungen der Gegenwart. Würde man Luhmann ernst nehmen und mit ihm soziale Systeme primär als Funktionssysteme wechselseitiger Kommunikation begreifen, so müsse man die Funktion und den Status der Kommunikationsweise zwischen Menschen und „Künstlicher Intelligenz“ begreifen.

KI als Herausforderung für das Wissenschaftssystem

Denn die Kommunikation zwischen Menschen und KI, die auf großen Sprachmodellen (LLMs) basiert, ist unhintergehbarer Teil der Kommunikation geworden, die die Dynamik von Systemen mitprägt. Krämer stellte heraus, es sei zunächst ein Vorteil der Luhmannschen Theorie, auch bewusstseinsunabhängiger Kommunikation Rechnung zu tragen, um dieses Phänomen in den Blick zu bekommen. Die Soziologie Habermas’ hingegen würde beispielsweise aufgrund ihrer konsensuellen Kommunikationstheorie der Technizität und Medialität von Kommunikation nicht gerecht werden können und sie per se abwerten.

Doch sowohl Krämer als auch Warnke machten eine fundamentale Spannung aus, die die Systemtheorie herausfordert. Einerseits müsse immer wieder in Erinnerung gerufen werden, dass die Form der Sprachgenerierung durch KI eine rein statistische sei. Sie haben nichts mit der Funktionsweise von intelligenten neuronalen Netzen zu tun. Algorithmen seien Kommunikationspartner, ohne menschliche Intelligenz nachzuahmen oder zu besitzen, weshalb Krämer dafür plädierte, es müsse von „Künstlicher Kommunikation“ anstelle von „Künstlicher Intelligenz“ gesprochen werden. Jedoch habe dies – andererseits – nicht zur Folge, von den realen Effekten der Künstlichen Kommunikation auf die gesellschaftlichen Teilsysteme absehen zu können. Obwohl die KI nicht menschlich kommuniziert, hat sie einen ungemeinen Erfolg – mit ungemeinen Folgen. Dies dürfe theoretisch nicht verkannt, sondern müsse erklärbar werden.

Muss die Systemtheorie kritisch erweitert werden?

In Bezug auf die Folgen verwies Warnke auf die neuen, alltäglich gewordenen Erfahrungen aus der wissenschaftlichen Praxis. Das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten mit KI habe sowohl auf Studentenseite als auch in der Praxis des Peer-Reviewings dermaßen zugenommen, dass es die Eigenlogik des Wissenschaftssystems vor ernsthafte Herausforderungen stelle. KI, so Warnke, berge die Gefahr der Entdifferenzierung des Wissenschaftssystems – seine Grenze zum effizienzgeleiteten Wirtschaftssystem gerate unter Druck.

Handelt es sich hier um eine nicht mehr aufzuhaltende Entdifferenzierung, die das Wissenschaftssystem obsolet mache, oder doch – im Sinne der Autopoiesis – um eine innersystemische Reparaturoperation? Mit welchen systemtheoretischen Kriterien ließe sich eine tatsächliche Pathologie fassen? Hier scheint, wie Warnke und Krämer beide hervorhoben, tatsächlich ein Problem der genuinen Nicht-Normativität der Systemtheorie zu liegen.

Will man kritisieren, dass sich eine gesellschaftliche Konstellation ergeben hat, in der Maschinen so erfolgreich sind, gerade weil sie nicht wie Menschen kommunizieren, dann braucht man ein gesellschaftskritisches Instrumentarium, das die herrschaftlich gewordene Logik der Effizienz in die Schranken weist. Doch während auf der Konferenz angeregt über kritische Erweiterungen der Systemtheorie diskutiert wurde, konnte das die Wehmut, die in den Räumen der Zeppelin-Universität spürbar war, nicht ganz lindern. Denn fatalerweise hat sich das System Wissenschaft bereits so entwickelt, dass dies vorerst eine der letzten kritischen Konferenzen zur Systemtheorie an der Zeppelin-Uni gewesen sein wird: Die Kultur- und Gesellschaftsanalyse wurde aus Spargründen großflächig eingestellt, um durch die flach ansetzende Wirtschaftspsychologie ersetzt zu werden.

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