Festival Literaturm 2026: Als die DDR unterging, löffelten sie fünf Kilo Beluga-Kaviar

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Bei diesem Festival führt der Weg ins Vertikale der Stadt Frankfurt: Mal schwebt man in der 53. Etage direkt über dem Main und der Taunusanlage, mal winkt man aus dem 26. Stock dem Europaturm zu oder der Alten Oper, oder man blickt aus dem Hochhausfenster auf ferne Taunushügel. Die Aussicht könnte nicht besser sein, das Wetter schon. Es ist grau und verregnet, ungewöhnlich graupelig für diese Jahreszeit.

In 25 Veranstaltungen verhandelte die 13. Ausgabe des städtischen Festivals „Literaturm“, das am Sonntag zu Ende ging, das literarische Spannungsverhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland. Die Relevanz des Themas unter der Programmleitung von Sonja Vandenrath leuchtet sofort ein, nicht nur wegen der bevorstehenden Landtagswahlen im Osten.

Wer seine Mutter versteht, befreit sich selbst

Was trennt, was verbindet uns? Vierzig Jahre nach dem Ende der DDR wiegt die Schwerkraft sozialer Herkunft immer noch enorm, auch jenseits des Materiellen. „Man vererbt nicht nur Geld“, sagte die Moderatorin Miriam Zeh am zweiten Abend im Gespräch mit den Schriftstellerinnen Daniela Dröscher und Marlen Hobrack, die sich mit dem großen Thema Mutterschaft und familiärer Prägung auseinandersetzten.

So erzählt Dröschers autofiktionaler Roman „Lügen über meine Mutter“, der 2022 erschien, vom Aufwachsen Elas und einem Erbe, das in Erzählungen über ihre Mutter bestehe. Mit dem Roman wollte sich die 1977 geborene Schriftstellerin weniger freischreiben, als ihre Mutter für sich, „als eigenen Menschen verstehen“, weil darin „eine unglaubliche Befreiung“ liege, sagte Dröscher.

Auch Hobracks Buch „Erbgut“ sei ein Versuch, die eigene Mutter zu verstehen. Die Tochter in der Geschichte erbt keine Erzählungen von der kaufsüchtigen Mutter, sondern Gegenstände und davon viel zu viel. Entstanden ist daraus eine Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft, aber auch ein soziales Panorama von Frauen in der DDR. Ihr Buch sei Verrat, sagte die 1986 geborene Autorin, weil sie eine Geschichte erzählte, die ihr nicht gehöre, die sie aber betreffe. Die Komplexitäten einer Mutter-Tochter-Beziehung prägten den durch und durch weiblichen Abend – auf dem Podium wie im Publikum.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem man alles aufschreiben muss

Einen Abend später waren es hauptsächlich Babyboomer und Wendekinder, die zur ausverkauften Lesung von Christoph Hein kamen. Der mittlerweile 82 Jahre alte Autor Hein kann wie kaum ein anderer von der DDR und der Zeit danach erzählen. „Als ich mich meinem achtzigsten Lebensjahr näherte, hatte ich das Gefühl, alles bis jetzt Erlebte einmal aufschreiben zu müssen“, beschrieb er den Impuls, sein Geschichtspanorama „Das Narrenschiff“ zu verfassen, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

Wo begegnen sich der Historiker und der Romancier? „Die Historiker sind nur für die Hinterlassenschaften der Geschichte zuständig. Die Romanciers müssen die Geschichte erzählen“, sagte er im Gespräch mit Sabine Rennefanz. Er berichtete von tradierten Irrtürmern, mit denen er in seinem Roman aufräumte, von Tabus der Geschichtsschreibung in Ost und West und natürlich vom 4. November 1989, dem Tag, an dem er seine legendäre Rede auf der Alexanderplatz-Demo in Ostberlin hielt. Kurz zuvor habe ihn der Geheimdienstchef Markus Wolf in sein Berliner Haus eingeladen, wo sie gemeinsam fünf Kilo Beluga-Kaviar gelöffelt hätten. Für seine Lesung fast vierzig Jahre später wählte er zwei Passagen aus seinem 750 Seiten langen Roman aus: die eine spielt um 1945, die andere um 1990.

Wenn die Geschichten den Rahmen sprengen

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel, 1994 in Räckelwitz geboren, ist kein Zeitzeuge der staatlichen deutschen Teilung wie Hein. Und in seiner Diskussion mit Simon Strauß, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, ging es nicht zuletzt um die Frage, wie er sich nun selbst wahrnimmt: als ostdeutschen, deutschen oder europäischen Autor?

Seit seinem gefeierten Romandebüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von 2018 gilt Rietzschel allerdings als Beobachter der ostdeutschen Gesellschaft und Experte für diese. Kürzlich erschien sein Roman „Sanditz“. Er handelt von einer fiktiven Kleinstadt, in der Rietzschel einer Familie von den Siebzigerjahren bis in die Corona-Pandemie folgt und dabei „ein Panorama von verschiedenen Biographien“ vorlegen wollte. Ein überbordender Stoff: Das 480 Seiten lange Buch sei ursprünglich fast doppelt so lang gewesen, sagt Rietzschel.

Auch in seinem Reportage-Essay „In der Nähe“ gehe es um Geschichten, die „in Biographien weiterwirken“, sagte Simon Strauß. Er hat sich dafür in den Ort seiner Kindheit begeben, die brandenburgische Kreisstadt Prenzlau, um mit verschiedensten Menschen zu sprechen und zu untersuchen, wie Gemeinschaft gelingen kann. Dazu gehört freilich auch der unverstellte Blick zurück, wie Ilko-Sascha Kowalczuk und Anne Rabe im Gespräch mit Sandra Kegel, Feuilletonleiterin dieser Zeitung, deutlich machten.

Eine knappe Woche lang wurde auf diese Weise die Landkarte unserer Gesellschaft zwischen Ost und West vermessen, nicht nur in den Hochhäusern, die dem Festival seinen Namen geben, sondern auch an traditionellen Literaturorten wie der Romanfabrik, dem Literaturhaus oder dem Haus am Dom. Dort fand am Sonntagmittag die Abschlusslesung statt.

Bereits drei Tage zuvor hatten Jürgen Kaube, Mitherausgeber dieser Zeitung, sowie die Schriftsteller Durs Grünbein und Péter Nádas, moderiert von Gregor Dotzauer, die Perspektive von Deutschland auf Europa geweitet und das Spannungsverhältnis zwischen dem Versprechen eines europäischen Aufbruchs und nationalen Narrativen in den Blick genommen. In der letzten Veranstaltung sprachen nun mit Iva Procházková und Marek Torčík zwei Schriftsteller aus Tschechien über die Gesellschaft ihres Landes nach der „Samtenen Revolution“ von 1989, über soziale Folgen der Marktwirtschaft und die Empfänglichkeit für Populismus. Der Lyriker Uwe Kolbe komplettierte das Podium und verband Ost und West mit einem der Elbe gewidmeten Zyklus von Gedichten. Das stimmte auf die Frankfurter Buchmesse im Oktober ein, bei der Tschechien Ehrengast sein wird. Und pünktlich zum Abschluss des Festivals kam dann die Sonne heraus.

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