Hörbuch-Oratorium: Am Grund der Hölle in Auschwitz

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Die Frage, ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben dürfe, wie sie Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ 1951 aufwarf, war für den polnischen Autor Tadeusz Borowski unerheblich: Er musste sie einfach schreiben nach alldem, was er erlebt hatte. In einem seiner Gedichte heißt es: „Sieh, aus allen Gefängnissen der Welt / kehre ich zurück zu dir wie einst / auf den Flügeln der Poesie.“ Die Gefängnisse kannte er gut, auch wenn sie durchaus als symbolische Orte zu verstehen sind.

Geboren wurde Borowski im Jahr 1922 als Sohn polnischer Eltern in der ukrainischen Stadt Schitomir. Mutter und Vater hatten Jahre in sowjetischen Gulags hinter sich, ehe die Familie 1932 nach Polen ausreisen durfte. Während der Besatzung durch die Nationalsozialisten studierte Tadeusz Borowski Literatur an einer Untergrunduniversität in Warschau, arbeitete nebenbei als Nachtwächter, verfasste erste Gedichte und Prosastücke. Nach der Verhaftung durch die Gestapo im Februar 1943 wurde er im Konzentrationslager Auschwitz interniert.

Auszüge aus den Sterbebüchern von Auschwitz

Er war nicht jüdisch, wurde also nicht umgebracht, sondern als „Funktionshäftling“ zum Dienst im KZ-Betrieb gezwungen. Danach kam er in die Lager Dautmergen bei Stuttgart und Dachau bei München. Als dieses im Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde, wog Borowski gerade mal 35 Kilo. Er ging später nach Polen zurück, schloss sich der Kommunistischen Partei an, begann wieder zu schreiben. Seine Erzählungen, die 1946 unter dem Titel „Bei uns in Auschwitz“ veröffentlicht wurden, waren für die zeitgenössische Leserschaft ein Schock. Wegen seines kühlen Blicks und der sachlichen Distanz warf man ihm Nihilismus und Amoralität vor. 1949 wurde er als Kulturreferent nach Berlin entsandt. Das Trauma des Lagers wurde er indes nie mehr los. Drei Tage nach der Geburt seines ersten Kindes verübte er 1951 in Warschau Selbstmord, indem er in der Küche den Gashahn aufdrehte.

Cover von „Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“Cover von „Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“Verlag

Bereits 1945 erschien in München, wo Borowski über ein Jahr als Displaced Person lebte, in polnischer Sprache sein Gedichtband „Imiona nurtu“ (Die Namen der Strömung). Die darin enthaltene Lyrik ist überwiegend in den Lagern entstanden. Nun hat sie der Regisseur und Autor Kai Grehn zusammen mit Aleksandra Ambrozy übersetzt. Auf einer Auswahl daraus basiert sein „Hörspiel-Oratorium“ mit dem Originaltitel: „Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“. Dafür hat er die Gedichte mit Auszügen aus den Sterbebüchern von Auschwitz verbunden.

Diese verzeichnen in 46 Bänden die Namen von rund 69.000 Häftlingen, die zwischen Ende Juli 1941 und Ende Dezember 1943 getötet worden sind. Zum Beispiel: „Martha Köhler. Geboren am 25. September 1939 in Ravensburg. Ermordet am 28. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.“ Oder: „Albert Zunz. Geboren am 20. Oktober 1874 in Frankfurt am Main. Ermordet am 30. Oktober 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.“ So werden hier schier endlos die Namen und Orte durch Besucher des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vorgelesen, die den Toten in verschiedenen Sprachen ihre Stimme leihen.

Auch Angehörige von Theatern in ganz Europa haben sich an Kai Grehns Kunstprojekt beteiligt. Auf diese unspektakuläre Art rückt das Grauen des Vernichtungslagers nahe, die nackten Zahlen sprechen kalt und klar von Leid, Schmerz, Tod, ob es sich bei den Mordopfern um alte oder junge Menschen handelt, ob aus Turin oder London, Berlin oder Wien, Danzig oder Tartu. In den Sterbebüchern wurden sie alle gleich gemacht, jetzt werden sie wieder zu Individuen.

Das leere Zentrum der Welt nach der Schoa

Diese seriellen Passagen strömen durch Zeit und Raum und wechseln sich mit den Gedichten von Tadeusz Borowski ab, die von den Schauspielern Alexander Fehling auf Deutsch und Rafael Stachowiak an drei Stellen im polnischen Original vorgetragen werden. Es sind abgrundtief beklemmende, hoffnungslose, herzzerreißende Gedichte, denen man anmerkt, wie sehr der Autor um Form und Inhalt gerungen haben muss, wenn es etwa heißt: „Nur noch Menschenkörper. Nur noch Menschenasche, / nur noch der Widerschein des gewaltigen Himmels in den Augen. / Hierher sind wir gekommen aus allen Winkeln Europas, Fremde, / und wir gehen den einen Weg – in den Wald, ins Totenreich …“

Sämtliche Gedichte kreisen um das leere Zentrum der Welt nach der Schoa: „Wir werden den Vorübergehenden in die Augen sehen, / Ausschau halten – nach denen, die ins Gas gingen. / Finden werden wir – heitere Mienen / und nichtssagende Gesichter.“ Oft fast stockend, tastend, wie nach den richtigen Worten suchend trägt Alexander Fehling die Zeilen vor, als müsste sich Borowski mit seiner Stimme die Sprache neu erobern und sich erinnern, was man mit ihr ausdrücken kann. Jedoch könnte man sich auch eine größere Bandbreite in seiner Deklamation vorstellen, die den Facetten in Borowskis expressiver Lyrik variabler und heterogener nachspürte. Demgegenüber ist die Aufzählung aus den Sterbebüchern kleinteilig und vielschichtig, wie Stolpersteine in der Grenzenlosigkeit der Poesie.

Die CD mit dem Hörspiel ist Bestandteil einer zweisprachigen gedruckten Gedichtausgabe. Auf ein Booklet mit Basisinformationen zu Biographie und Werk von Tadeusz Borowski, von einem Begleitessay gar nicht zu reden, hat man allerdings verzichtet, was äußerst schade ist, denn sie hätten dem besseren Verständnis wirklich genützt.

„Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“ ist eine Koproduktion von SWR und DLF, unterstützt durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. So wurde es möglich, Geräuschaufnahmen in den ehemaligen Häftlingsbaracken zu machen. In einem offenen Klangraum ist fast durchgängig ein schiefer Wind zu vernehmen, der durch die Ritzen pfeift und für eine akustisch höchst unwirtliche Atmosphäre sorgt. Die Stimmen fangen dieses raue, harsche Rauschen ab, als wollten sie eine Präsenz behaupten, die („Niemandskörper im Wind“) schon längst zerstört wurde. Ohne Angst vor der Vergeblichkeit wehren sie sich mit Wärme und Empathie gegen die Apokalypse des Holocausts. Schließlich benannte Tadeusz Borowski unumwunden den Horror seiner Erfahrungen und die Verzweiflung an der Conditio humana: „Birkenau – verfluchtes Birkenau, / mit Blut getränkt und Tränen, / Gottverlassener Grund der Hölle! / Birkenau – Dornenweg, / Massengrab von Zigtausenden, / Reich des Grauens, kein Gott, nirgends – / Das ist Birkenau!“

Die Lager konnte Borowski ertragen, die Folgen nicht. Mit seinem großartigen „Hörspiel-Oratorium“ würdigt ihn Kai Grehn als Opfer wie als Zeitzeugen, als Überlebenden wie als Autor, der schrieb: „Die Toten schweigen für immer“. Ein wenig zumindest wird dieses Schweigen hier aufgehoben.

Tadeusz Borowski/Kai Grehn: „Imiona nurtu. Die Namen der Strömung“. Verlag Zweitausendeins, Leipzig 2026. 1 CD, 82 Min., 22,– Euro.

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