Kammermusik im Kühlhaus: Im Bunker der Hoffnung

vor 2 Stunden 1

Der Trost ist groß, bei Alfred Schnittke wie bei Johannes Brahms. Die Düsternis zuvor ebenso. Nach dem Tod seiner Mutter, 1972, begann Schnittke sein Klavierquintett zu komponieren, als ein „Requiem“, bei dem er bald nicht mehr weiterwusste. Wie ein Werk zu Ende bringen, das von Beginn an vom Ende und sonst von nichts erzählt? Schwere Glockentöne im Klavier und sirenenhaft sich reibende Klänge in den Streichern sind wiederkehrende Motive dieser Musik, ein Walzer auf die Tonfolge B-A-C-H mag zunächst von verschwundenen, besseren Tagen erzählen, entwickelt sich im verhedderten Knäuel der Stimmen aber bald zum Fröhlichkeits-Missverständnis. Und dann tut sich doch plötzlich der Himmel auf, und an die Stelle der Schicksalsglocken im Klavier treten Glöckchen, die in mantraartig wiederholter Tonfolge von Frieden, Ruhe und Helligkeit erzählen.

Die Wirkung ist ähnlich wie bei den „Vier ernsten Gesängen“, die Johannes Brahms in Vorahnung des Todes von Clara Schumann schrieb: auch hier die tief berührende Öffnung, wenn Brahms ans Ende seiner Zusammenstellung von Bibeltexten eine Passage aus dem „Hohelied der Liebe“, dem ersten Korintherbrief, stellt. Umwerfend, mit welcher Emphase Brahms den Sieg der Liebe über den Tod vertont. Dass Elena Bashkirova, die künstlerische Leiterin des Intonations-Kammermusikfestivals in Berlin, bei Schnittke wie bei Brahms selbst am Flügel sitzt, zeigt, wie wichtig ihr beide Werke sind. Schlüsselmomente sind es, die vorführen, wie nah Düsternis und Hoffnung beieinanderliegen können. Wollte man einen roten Faden offenlegen, der dieses Festival durchzieht, dann vielleicht diesen Wechsel zwischen Hell und Dunkel, wobei die Aufhellung immer das letzte Wort behält. Aus dem Kühlhaus am Gleisdreieck, diesem bunkerartigen Gebäude mit fensterlosem Raum, soll keiner heraustreten, ohne hoffnungsfroher gestimmt zu sein als zuvor. Insofern bewegt sich die Wirkungskraft des Festivals in erstaunlichem Gegensatz zum brutalistischen Stil des Veranstaltungsortes.

DSGVO Platzhalter

Die Geschlossenheit des Kühlhauses kontert Bashkirova mit programmatischer Weite. Nahezu alles hat Platz in den Programmen des Festivals. Dass dabei dennoch kein loses Sammelsurium entsteht, ist eine weitere Erstaunlichkeit. Richard Wagners „Wesendonck-Lieder“ umgeben von zwei leichtfüßigen Violinsonaten Ludwig van Beethovens? Klingt ungewöhnlich, verträgt sich aber ohne Nachbarschaftsstreitigkeiten, sogar wenn Dorothea Röschmann, ehemaliges Ensemblemitglied der Staatsoper Unter den Linden, die Intimität dieser Lieder in die Nähe opernhafter Dramatik führt. Das steht in denkbar großem Gegensatz zu Beethovens Es-Dur-Violinsonate zuvor, die Tatiana Samouil gemeinsam mit Martha Argerich spielt. Samouils kraftvoll eingefasster Ton trifft auf ein Klavierspiel, das bei Beethoven die Emanzipation der Klangfarbe sucht.

Leichtfüßiger als bei Argerich klingt bei niemandem sonst der Konzertflügel des Kühlhauses, die monströse Mechanik eines solchen Instrumentes: Argerich, die das Klavier in die klangliche Nähe einer Harfe bringt, macht sie nahezu vollständig vergessen. Das mag zum Altersstil der 85 Jahre alten Pianistin gehören, die nach wie vor mit einer atemraubenden Fingergeläufigkeit gesegnet ist. Ebenso die diebische Freude an starken Pointen, die dann sehr entschieden die klanglichen Möglichkeiten des modernen Konzertflügels auskosten: Bassnoten, die aufgespießt sind wie Maikäfer auf einer Nadel, rhythmische Reibereien zwischen zwei Stimmen, heftiges Sich-ins-Wort-Fallen. Über alldem wölbt sich eine sanft einschließende Geste, in der sich auch die Mitspielerin aufgehoben fühlen darf.

Neben Tatiana Samouil treten mit Fedor Rudin und Marc Bouchkov zwei weitere, exzellente Geiger der jüngeren Generation auf. Bashkirovas weites Netzwerk umfasst Altersgruppen ebenso wie Nationalitäten und Instrumente. So gehört zu den Besonderheiten des Festivals, dass immer nach einem Gleichgewicht gesucht wird zwischen Bläsern und Streichern. Da bricht Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, die Phalanx der Geiger auf, die einen großen Teil der beethovenschen Violinsonaten spielen, und führt gemeinsam mit der Pianistin Julia Hamos die G-Dur-Violinsonate op. 30 in einer eigenen Bearbeitung auf. Karl-Heinz Steffens, ehemals Soloklarinettist der Philharmoniker, mittlerweile vor allem als Dirigent tätig, greift für Brahms’ Klarinettenquintett wieder zum Instrument und zeigt, wie sich Bläser- und Streicherklang verschmelzen lassen: mit verschattetem, stets Melancholie in sich tragenden Ton.

Der Oboist François Leleux wiederum verkörpert das exakte Gegenteil: Vor musikalischer Phantasie und Spielfreude nahezu berstend in Mozarts Oboenquartett, als führende Oberstimme in der Bläser-Serenade „Gran Partita“. Daniel Barenboim greift zum Taktstock, leitet bei diesem Stück, das nicht unbedingt einen Dirigenten braucht, aber viel mehr durch die bloße Präsenz und die Kraft des Zuhörens. Aus der Aufmerksamkeit für Barenboims sparsame Gesten wächst bei den Musikern eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Musik, Gewicht hat diese Aufführung, ohne schwer zu wirken, Glanz ohne Härte. Wie bei diesem Festival aber Gegensätze vereint werden, wie Zwanglosigkeit den guten Geist bestimmt, unter dem sich die meist befreundeten Künstler hier versammeln, wie ein kleines, aber sachverständiges Publikum zusammenkommt, wird das Festival selbst zu einem Ort von Hoffnung.

Gesamten Artikel lesen