„Charlotte Temple“: Der erste amerikanische Bestseller

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Charlotte Temple geht es nicht gut. Den Protagonistinnen eines Verführungsromans geht es selten gut, bestenfalls kurz vor und während der Verführung. Charlotte Temple hat sich im Alter von fünfzehn Jahren von einem Offizier verführen lassen, der sich dazu moralisch freizügiger Freunde bediente. Das war der Beginn vieler Enttäuschungen. Der sentimentale Verführungsroman war Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein beliebtes Mittel, Gefühle zu erzeugen. Eine junge Frau verfällt vorehelich einem Mann, der sie danach seinerseits mal nolens, meist volens fallen lässt. Am Ende stirbt sie verarmt und verachtet. Vergnügen lohnt sich nicht.

Das gefiel den Amerikanern. Das Urmodell für den Zeigefingerkitsch war ein französisches. In Jean-Jacques Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ von 1761 verliebt sich ein Hauslehrer in seine adlige Schülerin und sie sich in ihn. Unterrichtsbedingt bekommt sie ein Kind, das sie durch einen Sturz wieder verliert, weil Adlige keine Kinder von Hauslehrern bekommen sollen. Aus der Ehe wird nichts, weil adlige Mädchen keinesfalls Hauslehrer heiraten. Das verhindert der Vater. Als der Hauslehrer von einer Weltumseglung – um 1761 war so etwas in Mode – zurückkehrt, findet er Julie standesgemäß verheiratet und als Mutter. Das Kind fällt ins Wasser, Julie springt hinterher, verkühlt sich, stirbt.

Zeigefingerkitsch als Erfolgsrezept

Die Leser weinten sehr, das Buch wurde ein Erfolg. Die europäischen Verleger verlangten nach mehr solchen Plots. Goethe lieferte 1774 einen, der von den Leiden eines Herrn Werther handelte. Standesschranken der Liebe, auf denen Rousseau empört herumgeritten hatte, spielten hier keine Rolle mehr.

Susanna Haswell Rowson tat es ihm 1791 nach. Die Autorin lebte als Schauspielerin und Autorin zwischen England und Nordamerika. Als „Charlotte Temple“ 1794 dort herauskam – drei Jahre zuvor war die „wahre Geschichte“ in London erschienen –, wurde es der erste amerikanische Bestseller; er hatte Hunderte von Auflagen. Schon im Vorwort treten Rowson Tränen des Mitleids über ihre Erfindung in die Augen. Das Buch diene der Aufklärung junger unbeschützter Frauen, die leicht zum Opfer des anderen Geschlechts und ihrer eigenen Bereitschaft zum Vergnügen würden. „Oh, meine lieben Mädchen, denn nur für die schreibe ich, hört nicht auf die Stimme der Liebe, sofern sie nicht von euren Eltern zugelassen wurde.“

Charlotte konnte die Warnung noch nicht hören, bekommt ein Kind, wird übervorteilt, die Verführer ziehen sich zurück, sie wird krank und stirbt. Der Offizier tötet einen Mitintriganten und wird depressiv. Mademoiselle La Rue – welch ein Name! –, die als Lehrerin an der Verführung beteiligt war, stirbt elend. Aus Lust, sagt uns das Buch, entsteht nichts Gutes. Die sentimentalen Autoren haben nämlich, wie ihre Leser, die härtesten Herzen.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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