Gremliza-Ausgabe fortgesetzt: Gibt es noch Journalisten, die so scharf analysieren wie er?

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Die nun vorliegenden Gremliza-Bände 3 und 4 der Werkausgabe enthalten die zwischen 1979 und 1981 sowie die zwischen 1982 und 1984 erschienenen Schriften; sechs Jahre, die außenpolitisch im Zeichen der Revolution in Iran, des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan, der Reagan-Wahl sowie der amerikanischen Interventionen in Mittelamerika und schließlich des polnischen Kriegsrechts, innenpolitisch im Zeichen der Schmidt-Wiederwahl sowie der im Herbst 1982 gebildeten Regierung Kohl/Genscher stehen.

Gremliza insistiert darauf, dass es sich bei der im Westen so genannten Nachrüstung, die Dreh- und Angelpunkt vieler Auseinandersetzungen war, um eine Aufrüstung handelt, weil der Warschauer Pakt der NATO auch atomar unterlegen sei. Und über, neben, unter allem steht der Lieblingsfeind Theo Sommer, damals Chefredakteur der „Zeit“, dessen Kommentare zur Lage der Nation Gremliza auf Schritt und Tritt verfolgt und witzig auseinandernimmt, bis der gegen null gehende Gehalt seiner Metaphernsalate vollends am Tag liegt.

Sozialisten unter sich

Das alles ist Stoff genug. Stoff, an dem sich Gremlizas Kardinaltugenden, nennen wir sie: analytische Schärfe und Sprachwitz, prächtig entfalten. Wieder schreibt ein geradezu manischer Zeitungsleser und Literaturkenner, der praktisch die komplette Presse attackiert, sodass man sich ein ums andere Mal wundert, was alles gedruckt wurde. Aufschlussreich ist das lange Interview mit Hermann Kant vom Schriftstellerverband der DDR, unter dessen Präsidentschaft neun Mitglieder am 7. Juni 1979 ausgeschlossen worden waren. Zwar sind da Sozialisten unter sich, aber wer meint, es ginge unkritisch zu, der irrt.

 „Gesammelte Schriften in 18 Bänden“.Hermann L. Gremliza: „Gesammelte Schriften in 18 Bänden“.Konkret Verlag

Gremliza geht Kant von links an und stellt klare, präzise Fragen, die auch für ein westdeutsches Publikum plausibel sind und auf die Kant, ganz Apparatschik, mit einer gleichsam verschleierten Offenheit antwortet. Daraus wird eine Lektion zum Thema Geist und Macht, das Gremliza gleichsam unter das zeitgemäßere Begriffspaar „Literatur und Gesellschaft“ bugsiert. Des Weiteren fällt die Abrechnung mit Enzensberger auf: „Alles ist, wie es war, falsch, aber originell, absurd, aber federnd, wertlos, aber glänzend, und wer hineintritt, merkt: Kacke mit Glasur.“ Auch Rühmkorf gibt er einen mit. Er kann es nicht haben, wenn jemand seine Meinungen so schnell oder überhaupt ändert wie diese Herren.

Hermann L. Gremliza ist nach wie vor SPD-Mitglied und bleibt dies bis zum Mauerfall, sorgt sich also um den Machterhalt seiner Partei und grämt sich, bei allem Realismus, über deren Machtverlust; denn mit Kohl, Genscher und der seinerzeit ausgerufenen „geistig-moralischen Wende“ sieht er wahrhaft frostige Zeiten anbrechen. Scharf geht er dabei mit so gut wie sämtlichen Kabinettsmitgliedern ins Gericht, auch mit Blüm, den er erst noch gemocht hatte. Gift und Galle spuckt er in Bundespräsidenten-Richtung (Carstens, Weizsäcker).

„Lesen, was andere nicht wissen wollen“

An der schlagfertigen, jederzeit mit Überraschungen aufwartenden Sprachmacht erfreut man sich natürlich schon deswegen, weil es dergleichen seit Gremlizas Tod nicht mehr gibt. Und man sieht mit Genugtuung, wie seine kritische, auch philologische Tiefenschärfe um Gerechtigkeit bemüht ist, so im Falle Alice Schwarzers, der Henryk M. Broder leichtfertig Antisemitismus vorgeworfen hatte; so auch in der bitteren Auseinandersetzung mit Manfred Bissinger, den er damals zum Chefredakteur von „konkret“ gemacht, der aber von sich aus vorzeitig hingeworfen hatte.

Was mag Bissinger dazu bewogen haben? Beim Lesen bekommt man nicht den Eindruck, Gremliza wäre als Herausgeber zu mächtig gewesen. Womöglich agierte Bissinger von Anfang an in dem Bewusstsein, dass mit dem Magazin letztlich doch nur Minderheitenmeinungen verbreitet würden, deren Nachfrage jedenfalls nicht mehr steigen werde, dass also immer weniger sich an das Motto halten: „lesen, was andere nicht wissen wollen“. Aber „konkret“, wo das allermeiste aus der gewaltigen und hoffentlich fort- und zu Ende geführten Gremliza-Ausgabe zuerst erschienen war, ging es damals noch gut – erst recht verglichen mit heute: Im November-Heft steht die Mitteilung, dass das kommende das letzte ist; dann war es das mit Print. Hoffentlich ist das E-Paper ein vernünftiger Ersatz.

Hermann L. Gremliza: „Gesammelte Schriften in 18 Bänden“. Konkret-Verlag, Hamburg 2025. Bd. 3: 1979-1981, 586 S. Bd. 4: 1982-1984, 618 S. Jeweils geb., 30,- Euro.

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