Ivanka Trump dächte bei „Adriatic Flyway“ wahrscheinlich an ein Drehkreuz des internationalen Flugverkehrs, womit sie gar nicht unrecht hätte. Auf der zu Hochzeiten stark ausgelasteten Strecke sind Weißstörche, Rauchschwalben, Bienenfresser, Grasmücken unterwegs, je nach Jahreszeit von Nord- und Mitteleuropa nach Afrika oder umgekehrt. An der Adria legen sie Zwischenstopps ein, bevorzugt an einem Teil der albanischen Küste, der so „unbelievably beautiful“ ist, dass Ivanka Trump und ihr Ehemann Jared Kushner ihm helfen möchten, „sein Potential zu entfalten“. Das sagte die Präsidententochter kürzlich in einem faszinierend liebedienerischen Interview mit einem amerikanischen Podcaster.
Viele Menschen in Albanien finden allerdings, dass die Vjosa-Narta-Lagune und die vorgelagerte unbewohnte Insel Sazan als Biodiversitäts-Hotspots und Rast- und Brutplatz von Zugvögeln, Pelikanen, Flamingos, Meeresschildkröten ihr Potential schon ziemlich gut ausschöpfen. Am Wochenende demonstrierten wieder Tausende gegen die Pläne des Ehepaars und anderer Investoren, dort „Hotels und Resorts und Wellness und einfach alles“ entstehen zu lassen, so die Zusammenfassung Ivanka Trumps im Podcast. Dass die Staatsanwaltschaft für Korruption ebenfalls am Wochenende Haftbefehle gegen zwanzig Personen erließ, von denen einige in Verbindung mit den Projekten stehen könnten, dürfte die Wut noch vergrößern.
Kein Wunder, dass Ivanka begeistert war: Flamingos Anfang Juni in der Narta-LaguneAP Photo/Hameraldi AgolliDie größte Protestbewegung in Albanien seit den Neunzigerjahren richtet sich nicht nur gegen eine Regierung, die sich so sehr nach Luxustourismus als Einnahmequelle sehnt, dass alles andere offenbar ziemlich egal ist. Zwar geht es einem Teil der Demonstranten sicher um das Recht, die eigenen prächtigen Küsten selbst dem Tourismus auszuliefern und nicht amerikanischen Millionären auf Shopping-Tour den Zuschlag zu geben. Viele der vorwiegend jungen Albaner, die in Tirana und anderen Städten Flamingoschilder, -luftballons und -schwimmringe hochhalten, stehen aber für etwas anderes auf: für Natur als gemeinsames Gut und Erbe, das zu bewahren stolz machen und ein Gefühl von Zugehörigkeit erzeugen kann.
Dem EU-Beitrittsprozess Albaniens ist die Aufmerksamkeit, die auf den Umgang mit den geschützten Gebieten gelenkt wird, nicht förderlich. Die Europäische Kommission hat signalisiert, dass man genau beobachten werde, inwieweit hier den EU-Umweltstandards entsprochen wird, an die sich Albanien im Fall eines Beitritts angleichen müsste. Eine Gesetzesänderung wie 2024, die die Genehmigung großer Infrastrukturprojekte in Naturschutzgebieten durch den Regierungschef ermöglicht, gehört sicher nicht zu diesen Standards. Die Haltung, Umweltvorgaben vor allem als Hemmnis zu sehen, setzt sich allerdings gerade auch in der EU durch. Junge Europäer, die für Natur um ihrer selbst willen kämpfen, könnte diese darum sehr gut gebrauchen.

vor 3 Stunden
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