Lehren aus der Literatur: Warum sich Menschen freiwillig Tyrannen unterwerfen

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Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – einer Freundschaft, wie sie, das darf man wörtlich nehmen, im Buche steht –, als Michel de Montaigne nach der Lektüre des Traktats „Von der freiwilligen Knechtschaft“ den Kontakt zum Autor suchte und von diesem herzlich aufgenommen wurde. Étienne de La Boëtie, drei Jahre älter als Montaigne, war für den Dichter-Philosophen ein Leben lang Quelle der Inspiration. Dieser Begegnung verdanken wir den Essay „Über die Freundschaft“, der bis heute als vorbildlich gilt für diese literarische Gattung.

Étienne de La Boëtie beschäftigt sich in seiner Abhandlung mit einer einfachen Frage: Warum sind es zuvorderst die Unterdrückten, die ihrem Unterdrücker die Macht verleihen, sie zu unterdrücken? „Warum so viele Menschen, so viele Städte, so viele Nationen einen Tyrannen dulden können, der nicht mehr Macht hat, als man ihm gibt, der keine Gewalt hat, anderen zu schaden, als sie es dulden wollen, der ihnen nichts zuleide tun kann, sobald sie ihm lieber widersprechen, als leiden zu wollen.“

Warum diese fanatische Verehrung?

Hinzufügen möchte ich: Je krasser sich der Tyrann von ihnen abhebt, je kälter er sie verachtet, je rücksichtsloser er sie ausbeutet, desto mehr Zustimmung erfährt er, bis hin zur fanatischen Verehrung, bis hin zur Vergottung. Dass Étienne de La Boëties Essay bis heute auf der Stirn brennt, als wäre seine Frage uns unter die Schale tätowiert worden, das erübrigt sich zu erwähnen.

Gut, dass wir die Literatur haben. Manchmal, selten, sehr selten gelingt es einem Autor oder einer Autorin in einer Erzählung, einem Stück, einer Ballade, ein archaisches, jeden Realismus überbietendes Porträt des Menschen aufzureißen, das den alten Adam in einem Spiegel zeigt, in dem er erkennt, was er zu dem, was er über sich selbst zu wissen glaubt, noch ist – die Maske vor der Maske vor der Maske, aber die Masken verbergen hier das Gesicht nicht, sie zeigen es in seiner Vielgestaltigkeit, seiner Gestaltwandelei, seiner Vieldeutigkeit, in seinen geheimsten Zügen, manchmal als Fratze: Mary Shelley mit ihrem „Frankenstein“, Robert Louis Stevenson mit seinem „Dr. Jekyll and Mister Hyde“, auch Oscar Wilde mit dem „Bildnis des Dorian Gray“. – Und: Max Frisch mit „Biedermann und die Brandstifter“.

Wie bei Étienne de La Boëtie ist das Thema in diesem Stück Weltliteratur die Freiwilligkeit. Nur stellt Frisch die Frage noch radikaler: Warum stimmt der Mensch freiwillig nicht nur seiner Versklavung zu, sondern gar seiner Vernichtung? Und stimmt nicht nur zu, sondern bietet, ja biedert sich als Gehilfe an.

Von Étienne de La Boëtie bis zu Max Frisch

Eine Antwort auf die Fragen von Étienne de La Boëtie und Max Frisch habe ich wiederum bei einem Dichter gefunden, bei Dostojewski nämlich. In der Legende „Der Großinquisitor“, einer Binnenerzählung in dem Roman „Die Brüder Karamasow“, legt der alte, böse, dürre, kalte Kardinal dem stummen Jesus die Gründe dar, warum so viele Menschen ihrer eigenen Unterdrückung nicht nur zustimmen, sondern sie begeistert unterstützen und ihre Unterdrücker gegen ihre Befreier verteidigen. Nach 1500 Jahren kehrt der Heiland auf die Erde zurück, am Morgen nach einem Autodafé, bei dem hundert Ketzer verbrannt wurden, schreitet er über den Platz vor der Kathedrale von Sevilla. Traurig ist er. Und wird von den Menschen erkannt. Er macht einen Blinden sehend und ruft ein totes Kind ins Leben zurück. Die Menschen jubeln ihm zu, knien vor ihm nieder.

Und wird vom Großinquisitor verhaftet. „Warum bist du gekommen, uns zu stören?“, fragt der. Und fährt fort: „Gleich morgen werde ich dich verurteilen und als den schlimmsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dieses selbe Volk, das heute deine Fuße geküsst hat, wird morgen schon auf einen Wink von meiner Hand herbeistürzen, um Kohlen an deinen Scheiterhaufen heranzuscharren … Fünfzehn Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit abgequält; aber jetzt ist es mit ihr zu Ende, gründlich zu Ende.“

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Und das ist so, wie der Kardinal den Heiland belehrt, weil die meisten Menschen die Freiheit nicht ertragen. Sie wollen sie nicht. Sie hassen sie. Sie macht ihnen ein schlechtes Gewissen. Sie dürfen nicht sein, wie sie sind, sie müssen sein, wie sie sein sollen. Sind sie aber nicht, sie sind unbelehrbar, sie haben keine Manieren, keinen guten Geschmack, sie schimpfen gern, fluchen gern, sind ungerecht, rauchen, trinken, haben Übergewicht und Bluthochdruck, aber keine Ideale, sie gehen auch am Sonntag in Trainingshosen durch die Stadt, sie essen Junk Food, und wenn der Präsident die siegreiche Baseballmannschaft zum Essen einlädt und den Männern McDonald’s-Cheeseburger serviert, dann sagen sie, schaut her, er ist einer von uns, auch wenn er ihnen, um seinen Saus und seinen Braus zu finanzieren, die Krankenversicherung streicht.

Sie werden ausgelacht von denen, die einen anderen Präsidenten gewählt haben, einen, der den Sportlern das feinste französische Menü kredenzte, dessen einzelne Gänge sie nicht aussprechen können. Sie wollen nicht frei sein. Sie wollen als das ästimiert werden, was sie sind: passive Demokraten. Der passive Demokrat ist ein Gleicher unter Gleichen, ein Unfreier unter Unfreien. Aber ein Gleicher. Das schlechte Gewissen ist der Dorn in seinem Fleisch. Wer diesen Dorn zieht, wird als Befreier bejubelt, auch dann, gerade dann, wenn mit dem Dorn auch die Freiheit gezogen wird.

Den Kanister ins Haus tragen

Das schlechte Gewissen ist das Kreuz des Abendlandes. Es ist die Kehrseite der Freiheit, es gehört zur Freiheit wie der Nagel zum Hammer, wie der Durst zum Wasser. Biedermann hat ein schlechtes Gewissen. Er will nett sein, er will nicht einer mit Vorurteilen sein. Er ist reinlich und durchaus nicht ungebildet. Er will an das Gute glauben, und er will zeigen, dass er an das Gute glaubt. Aber er ist nicht nett, er hat Vorurteile, er glaubt nicht an das Gute. Dafür bestraft er sich selbst über Gebühr. Er hilft den Brandstiftern, die Kanister in sein Haus zu tragen, und sorgt sich um Zündhölzer. Er wiegelt ab. Wiegelt sich selbst ab: „Nicht einmal eine Zigarre kann man sich heutzutage anzünden, ohne an Feuersbrunst zu denken … das ist ja widerlich.“

Das schlechte Gewissen ist das Kreuz des Abendlandes. An dieses Kreuz haben wir Abendländer einen Gott geschlagen. Das kriegen wir nie mehr los. Biedermann hat Dostojewskis „Großinquisitor“ gelesen, aber er hat ihn nicht richtig verstanden, oder er hat ihn als Einziger richtig verstanden. Jesus sagt kein Wort. Er hört zu. Keine Empörung. Am Ende der Legende erhebt er sich, geht zu dem großen, dünnen, ausgetrockneten Greis und küsst den Teufel, denn niemand anderer ist der Großinquisitor, auf den Mund. Vergibt der gefolterte Gottessohn sogar dem Vernichter? Heißt „Du sollst deinen Feind lieben“, du sollst ihm dabei helfen, dein Haus anzuzünden? Über diesen Kuss ist wahrscheinlich mehr geschrieben worden als über jeden anderen Kuss in der Literatur. Montaigne, Frisch, Dostojewski – die Dichter haben mich gelehrt, dass ich weder mein Leben noch die Welt, in die es gebettet ist, in ein System bringen kann. Es wäre ein Roden, Jäten und Mähen, ein Übersehen und Zertreten.

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