Hallenbäder sind prosaische Orte. Steril, hygienisch gekachelt, das Becken in Bahnen abgeteilt, Querschwimmen verboten. Chlorgeruch als Erinnerung daran, dass Menschsein Bazillentragen bedeutet. Als Selbstausdrucksstätte taugt das Hallenbad eigentlich nicht, vor allem zu Beginn der Young-Adult-Rom-Com „Mermaids to Lovers“.
Das Hallenbad hier ist Sinnbild des Konformitätsdrucks. Ein Ort, der Unwohlsein erzeugt, an dem sich viele unangenehm exponiert vorkommen, insbesondere, wenn ihr Körper als Normabweichung definiert wird. Ein Ort, an dem vor allem die Vulnerabilität Heranwachsender sich zeigt und gleichzeitig verstärkt wird. Schon das Wort Sportstätte klingt ja maximal unsexy.
Die beiden jungen Frauen, die im privaten Hallenbad von Willy (Thomas Balou Martin) trainieren, begreifen ihre Körper zumindest zu Beginn dieser unaufdringlich edukativen, liebevoll gestalteten und sehr sehenswerten RTL-Serie als Instrumente, aber eben nicht im künstlerischen Sinn wie bei Musikern oder Tänzern, sondern im durch Zwang zugerichteten mechanischen. Jedes Körperhaar abrasiert, wie es bei Schwimmern üblich ist, wirken ihre Bewegungen nicht elegant und schön, sondern effizient.
Wer zuerst ankommt, hat gewonnen. Echt jetzt?
Der junge Trainer Konstantin (Oscar Nadermann) feuert sie vom Beckenrand aus verbissen und mit hochrotem Kopf an. Genau so sieht er beim Sex mit seinem Protegée, der achtzehnjährigen Trixie (Serena Oexle), aus. Es gilt das Prinzip schneller, höher, weiter. Wer zuerst ankommt, hat gewonnen. Echt jetzt? Trixie jedenfalls fragt sich, ob das alles so passt. Ob sie ewig Orgasmus-Jungfrau bleibt. Ob etwas mit ihr nicht stimmt.
Dass mit dem Primat des Erste(r)-Seins etwas nicht stimmt, wird sie in diesem Sommer erfahren. Durch den anfangs verachteten sechzehnjährigen Finn (Philip Günsch) und seine Merpeople-Gruppe, der ihr Vater Willy das Bad auf Zeit untervermietet hat, weil die in die Jahre gekommene Anstalt sonst schließen muss.
Finn trägt selbstbewusst Schmuck, Achselhaar und emotionale Offenheit und erscheint mit schillerndem Fischunterkörper, dessen Schwanzflosse sich im Wasser hin und her bewegt. Mit Finn kommt Glanz und ein Hauch Glamour in den Siebzigerjahre-Charme des Hallenbads. Die Körperformen seiner Follower sind unterschiedlich, und ihr Tauchen und Schwimmen wirkt wie geschmeidig wandelnde Selbstentwürfe.

Zwischen Trixie mit dem stählernen Wettkämpferinnenherz und Meerjungmann Finn kracht es bald gewaltig, das ist klar. Wobei Trixie für die Auseinandersetzung sorgt und Finn dafür, dass sie ahnt, was es mit dem Element Wasser auf sich haben kann – als Überlebensmittel, Element des Schwebens und der Poetisierung des vorschnell angepassten Lebens.
Hoppla, sollte die erzählerische Substanz dieser Tiktok-schnell gefilmten, von Philip Günsch und Serena Oexle glaubwürdig gespielten RTL-Jugendserie tatsächlich in einem romantischen Kunstmärchen liegen? Sollte ihr Personal, Nix Finn und die verkniffene Trixie, etwa bei Novalis und E. T. A. Hoffmann, von einem Heinrich von Ofterdingen und aus „Der goldene Topf“ produktiv geborgt worden sein?
Die Frauenumkleide als Refugium
Auf aktualisierte Weise erinnert in „Mermaids to Lovers“ die Kritik an Social Media an die Kritik am preußischen Berufsbeamtentum der Romantiker und erweist sich gleichermaßen als Abkehr von der Zurichtung des (jungen) Menschen. Was einen guten Fernsehstoff ausmacht, ist halt nichts anderes als das, was eine bemerkenswerte Erzählung ausmacht. Wo in der Romantik, als Protestbewegung gegen die Mechanisierung des Menschen durch die Aufklärung, Undinen, Punschdämpfe, schuppenglitzernde Eidechsen und Maulbeerbäume als Einfallstor der Verzauberung auftauchen, leistet hier das Verwandlungselement des Wassers ein Ganzes.
Trixie hat sich ihre Rückzugshöhle in der Frauenumkleide gebaut, mit atmosphärischen „Fairy Lights“, wo sie ihr Leben und den Verlust ihrer verstorbenen Mutter bedenkt; Finn wird in der Männerumkleide heimisch. Aber auch sein „Safe Space“ ist nicht frei von Schmerz. Hier kratzt sich der Meerjungmann blutig, denn er ist zwar ein freier Geist, aber auch ein gefeierter Social-Media-Star, dem der ganze Zinnober reicht, als seine Mutter Merchandising verkauft, auf dem Finns Gesicht auf eine Schildkröte montiert ist. Ein Video wird geleakt, einen Shitstorm später steht Finn für sich auf. Auf seine Weise.
Mache Echtes! Erlebnisse, auch das vermittelt die Serie, sind so viel besser als das Leben im Schein des Netzes. Wer ab und an in einen Fischschwanz schlüpft und sich einer Gemeinschaft anschließt, in der alle willkommen sind, wächst für sich besser auf als jemand, der glaubt, dass die Zukunft nur aus zweiter Hand und aus Verdrängung besteht. Was für die Jugendlichen hier das „Mermaiding“ ist, in dem Trixies schlaue kleine Schwester „Bubbles“ (Sofiya Root) zum Schluss eine veritable Krone davonträgt, ist für die Erwachsenen die Welt der Metal-Musik und des Headbanging.
Im Finale vereinen sich die Passionen generationenübergreifend. Schon mal eine Metal-Mermaid gesehen? Hier wird es zum Ereignis. Die Serie von Lia Zebra und Larissa Dold (Regie Olga Alexandra Müller, Kamera Berta Valin Escofet) ist Gewinner des RTL-Storyteller-Wettbewerbs, wie zuvor die Serie „Angemessen Angry“. Bei den Öffentlich-Rechtlichen, verbissen auf der Suche nach den jungen Zuschauern, mag man sich die Haare raufen. Tipp: einfach loslassen, Flosse ins Wasser tauchen und so wertschätzend, warmherzig, lustig und kreativ werden wie hier.
Mermaids to Lovers läuft bei RTL+

vor 2 Stunden
1









English (US) ·