Es ist ein später Einschnitt in ein frühes Schlüsselwerk: Wim Wenders zieht seinen Film „Falsche Bewegung“ zurück. Der Film werde „aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen“, teilte die Wim Wenders Stiftung mit. „Streaming-, TV- und Vertriebspartner werden angewiesen, den Film nicht mehr öffentlich zugängig zu machen.“ Hintergrund ist eine Szene, in der Nastassja Kinski, damals dreizehn Jahre alt, mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Kinski versucht seit Jahren, die Szene aus dem Film entfernen zu lassen.
In seiner Mitteilung bittet Wenders Kinski nun ausdrücklich um Entschuldigung. „Als einziger der damals für ,Falsche Bewegung‘ handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.“ Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage hätten seinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter geschärft, erklärte Wenders. Zugleich sprach er davon, dass die Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts finden müsse.
Ein wichtiger Baustein in Wenders’ Werk
Damit vollzieht Wenders eine bemerkenswerte Wendung. Noch bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin, bei der er mit dem Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie ausgezeichnet wurde, hatte er den Fall vor allem als Frage des Filmerbes beschrieben. Er würde die Szene heute „nie mehr so machen“, sagte der achtzig Jahre alte Regisseur dort. Zugleich fragte er, ob man einen Film nachträglich kürzen dürfe oder solle, wenn eine Szene einer Schauspielerin heute Schmerz bereite. Er sei „ratlos“ und wolle diese Entscheidung nicht allein treffen, sagte Wenders, sondern bat die Deutsche Filmakademie um eine Debatte, besonders mit jüngeren Filmschaffenden.
Diese Verschiebung der Verantwortung war scharf kritisiert worden: Kinskis Anwalt Christian Schertz sagte der F.A.Z., Wenders habe „erneut keine Verantwortung übernommen“. Es gehe nicht um Cancel Culture, sondern um die Verantwortung des Regisseurs für seinen Film. „Nur er allein kann das Problem lösen. Er ist der Regisseur, es ist sein Film.“ Kinski selbst hatte der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, sie habe schon als Dreizehnjährige gespürt, „dass das nicht in Ordnung war“. Schertz hatte angekündigt, an Wenders, den Filmverleih Kinowelt und den WDR als Koproduzenten heranzutreten, um bestätigen zu lassen, dass die Szene nicht mehr verwendet wird.
„Falsche Bewegung“ entstand 1974 und kam 1975 in die Kinos. Der Film, nach einem Drehbuch von Peter Handke und frei nach Motiven aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, gehört zu Wenders’ frühen Arbeiten über das Unterwegssein, die Entfremdung und die Unfähigkeit zur Nähe. Rüdiger Vogler spielt Wilhelm Meister, der durch die Bundesrepublik reist und auf Figuren trifft, die wie aus einer beschädigten Nachkriegsgesellschaft herausgelöst erscheinen: Hanna Schygullas Therese, Hans Christian Blechs Laertes, Peter Kerns Dichter Bernhard Landau und Kinskis Mignon, ein stummes Mädchen.
Der Film galt lange als wichtiger Baustein in Wenders’ Werk und im Kino der siebziger Jahre. Gedreht wurde er nach einem Drehbuch Handkes, die Kamera führten Robby Müller und Martin Schäfer. „Falsche Bewegung“ wurde mit mehreren Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet, unter anderem für Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und Musik. In der Rückschau steht der Film nun nicht mehr nur für einen Aufbruch des Jungen Deutschen Films, sondern auch für dessen blinde Stellen.
Wenders’ Rückzug beantwortet die Frage nach dem Umgang mit problematischen Bildern des Filmerbes nicht endgültig. Aber er verlagert sie dorthin, wo sie in diesem Fall begonnen hat: zu der Verantwortung für ein konkretes Bild und für die damals Minderjährige, die darin zu sehen ist.

vor 8 Stunden
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