Film „Good boy“: Diese Familie hat ein düsteres Geheimnis im Keller

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Um die Häuser ziehen, Party machen, tanzen, trinken, Filmriss – diese Skala der jugendlichen Exzesse, die von Bierchen am Lagerfeuer bis Absturz im Club reicht, ist für Tommy Kindergarten. Der von Anson Boon gespielte junge Mann ist gleich in den ersten Minuten von Jan Komasas bösem Genrehybrid „Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“, die regelrecht auf einen hineinprügeln, in völligem Ausnahmezustand. Er zieht mit einer Clique von Club zu Club, schüttet den Schnaps in sich hinein, als gäbe es kein Morgen mehr, zieht die pulvrigen Lines meterweise durch die Nase, übergibt sich, macht weiter, als wäre nichts gewesen. Am Ende dieser Nacht wird er in ein Auto verfrachtet, und was dann folgt, wird sein Leben für immer verändern.

Was mit Tommy passiert ist, das erzählt der Film zunächst durch die Augen von Rina. Die illegal eingewanderte Mazedonierin heuert bei Chris, seiner apathischen Frau Kathryn und dem gemeinsamen, fast schon gruselig perfekt lächelnden Sohn Jonathan als Hausmädchen in deren Villa an, die zwischendurch derart von außen gefilmt wird, dass man unweigerlich an Norman Bates Motel in Hitchcocks „Psycho“ denken muss. Rina wird mit dem Metalldetektor überprüft, muss eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben und bekommt beim Rundgang im Keller den angeketteten Tommy präsentiert, den sie laut Chris einfach ignorieren soll. Chris will ihn umerziehen und aus ihm einen „guten Jungen“ machen.

Tanz der Ambivalenzen

Der polnische Regisseur Komasa geht gerne dahin, wo es wehtut, und lotet das Verhältnis von System und Individuum aus. In seinem oscarnominierten Hochstaplerdrama „Corpus Christi“ soll ein Verbrecher durch Arbeit wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden; er gibt sich in der Provinz als Mann Gottes aus und wird Priester der Gemeinde. Zuletzt deklinierte Komasa in „The Change“ den Siegeszug des Faschismus als Familienkammerspiel durch – ein sehr aktueller Film, der sich allerdings arg nach Reißbrettentwurf anfühlte.

Mit „Good Boy“ gelingt ihm ein in weiten Teilen gekonnter Tanz der Ambivalenzen. Als Zuschauer wird man von Komasa, der nach einem Drehbuch von Bartek Bartosik und Naqqash Khalid inszeniert, fies zwischen die Stühle gesetzt. Hat Tommy, der vor allem für seinen reichweitenstarken Social-Media-Account ein Arschloch vor dem Herrn ist, diese Umerziehung nicht doch auch ein bisschen verdient? Und meint es der zunächst humanistisch wirkende Chris nicht einfach nur gut mit dem Jungen? Er zwingt ihn, sich seine eigenen abscheulichen Social-Media-Videos und pädagogisch wertvolle Erziehungsfilme über Verkehrssicherheit, Drogenprävention oder den gepflegten Umgang anzuschauen.

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Nachdem Chris seine Frau erstmals in den Keller gelassen hat und Tommy sie mit einer vollgepinkelten Unterhose bewirft, wird er gezüchtigt. „Das ist das Problem mit eurer Generation: Ihr neigt dazu, euch als Opfer zu sehen“, sagt Chris und prügelt den „bösen Jungen“ grün und blau. Stephen Graham, spätestens seit seinem Auftritt als Vater eines wegen Mordes angeklagten dreizehnjährigen Sohnes im Netflix-Miniserien-Hit „Adolescence“ weltweit bekannt, spielt diesen Mann hier mit solch diabolischer Nettigkeit, dass es wehtut.

Natürlich drängt sich der Gedanke an Stanley Kubricks Klassiker „Uhrwerk Orange“ auf. Auch dort ging es, allerdings vielschichtiger und abgründiger als bei Komasa, um einen moralbefreiten eskalativen und gewalttätigen Jugendkriminellen, der sich für die im Film staatlich eingesetzte Ludovico-Aversionstherapie entscheidet, um frühzeitig aus dem Gefängnis resozialisiert zu werden. Beide Filme fragen, ob der Mensch, wenn Freiheit als höchstes Gut gilt, diese auch nutzen darf, um schlecht zu sein.

Komasa stellt diese fundamentale philosophische Frage in einem Kammerspiel, das Horrormotive triggert, ohne diese jemals zu erfüllen. Interessant ist auch, wie sich die Dynamiken unter den Figuren entwickeln. Ist Chris der Treiber der Umerziehungsmaßnahme, oder vielmehr seine von Andrea Riseborough gespielte Frau, die immer mehr auftaut? Als sie beim eigenen Sohn Zigaretten findet, fordert sie ihn auf, die ganze Schachtel zu rauchen: „Vernichte, was dich vernichtet!“

Als die zusammenwachsende Familie gemeinsam Ken Loachs „Kes“ schaut, überkommen Tommy die Tränen. Wird er geläutert? Und was heißt das hier überhaupt? Seine Freiheiten werden größer, je mehr er sich fügt. Bald schon darf er, anstatt in die Flasche zu pinkeln, aufs Klo, irgendwann erlaubt ihm eine absurd anmutende Mechanik, sich mit Halsband durch das gesamte Haus zu bewegen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich das repressive Regime, das die Eltern in ihrem Haus führen, als Metapher auf einen Staat vorzustellen. Die Doktrin lautet: alles für die Moral und die Familie. Was die Eltern antreibt, ihre Motivation, das deutet der Film gekonnt an, auch Tommys eigene Hintergründe bleiben im Vagen.

Und auch wenn Komasa einigermaßen hemdsärmelig mit Haushälterin Rina umgeht, die in der Erzählung ein Stück weit hinten runterfällt, so zeigt „Good Boy“ doch eindrücklich und leiser als erwartet, wie ein toxischer Typ von einem reaktionären System gewaltvoll gemaßregelt wird. Freiheit um jeden Preis tut weh, aber was bleibt sonst? Der Film endet mit einer verstörenden Pointe.

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