Peter Gordon über Benjamin: Folge der Spur des Wassers

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Ein mysteriöses Tier faszinierte den jungen Walter Benjamin besonders, wenn er den Berliner Zoologischen Garten besuchte: der Fischotter. Umgeben von einer künstlichen Grotte schwamm dieser in seinem dunklen Bassin und kam nur selten an die Oberfläche: „Gelang es endlich, war es sicher nur für einen Nu, denn augenblicklich war der gleißende Insasse der Zisterne wieder von Neuem in der nassen Nacht verschwunden.“

Benjamin erinnert diese Szene in der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“, und Peter E. Gordon stellt sie jetzt an den Anfang seiner Biographie. „Wenn ich in sein Wasser blickte, war mir immer, als stürze Regen in alle Gullis der Stadt, nur um in dieses Becken zu münden und sein Tier zu speisen“, heißt es weiter in Benjamins autobiographischer Skizze.

Die Symbolik des Wassers als Leitmotiv

Gordon interessiert weniger die Melancholie der Szene, vielmehr ist es Benjamins unverwechselbare Schreibweise: die Neigung, nahezu alles zur Metapher werden zu lassen, deren Schlüssel nur der Autor selbst zu besitzen scheint. Verborgene Durchgänge führen zu versunkenen Schätzen, die als kostbare Entdeckungen präsentiert werden. Für Hannah Arendt glich Benjamin durch diese Eigenart einem „Perlentaucher“. Der im Abwasser Berlins tauchende Fischotter ist sein animal symbolicum.

 „Walter Benjamin“Peter E. Gordon: „Walter Benjamin“Yale University Press

In „The Pearl Diver“ folgt Gordon demselben Impuls wie in seiner 2023 unter dem Titel „Prekäres Glück“ veröffentlichten Frankfurter Adorno-Vorlesung: die Kritische Theorie vom Vorwurf des Negativismus und der maßstabslosen Kritik zu entlasten. Der Band greift Arendts Charakterisierung auf und macht die Symbolik des Wassers zum Leitmotiv durch das Werk, die immer beides bedeutet: Melancholie und Zuversicht.

Bei einer Forschungslage, die längst unübersichtlich geworden ist, liegt keine geringe Leistung darin, auf diese Weise das geistige Erbe Benjamins und die Katastrophen seiner Zeit neu darzustellen. Wer eine umfassende Einführung in das Werk und die Biographie Benjamins sucht, wird hier aber eher nicht fündig. In der interpretativen Beschränkung und dem Verfolgen der Spur des Wassers liegt die Stärke des Buches.

Ein Komplement zu umfassenden Benjamin-Darstellungen

Gordon präsentiert Benjamin als Intellektuellen im Austausch. Er lässt sich beeinflussen, aber nie vereinnahmen. Kein isolierter Otter im Käfig, eher ein Fisch im Wasser. Der jugendbewegte Gustav Wyneken, der Kulturzionist Ludwig Strauss, die Gespräche mit Gershom Scholem über Messianismus und Judentum leiten ihn sein Leben lang. Die Promotion zur romantischen Kritik, die Ablehnung von Kants Rationalismus und Martin Bubers Vitalismus; all das ist gut bekannt und reichlich erforscht. Gordon bietet eine kompakte Darstellung, sodass das Buch gewissermaßen als Komplement umfassender Benjamin-Studien funktioniert; wie etwa des kürzlich erschienenen Werks von Georg Wiesing-Brandes, der allein die Pariser Exilzeit auf achthundert Seiten behandelt.

Die Symbolik des Wassers führt Gordon zum Essay „Goethes Wahlverwandtschaften“ (1924/25), mit dem Benjamin das unbescheidene Ziel verfolgt, der beste Kritiker im deutschsprachigen Raum zu werden. In Goethes Roman über amouröse Wechselverhältnisse zwischen vier Personen erkennt Benjamin zudem sein eigenes Leben wieder. Seine erste Frau Dora Kellner hat sich in seinen Jugendfreund Ernst Schoen verliebt. Benjamin selbst hegt eine Leidenschaft für Jula Cohn. Gordon erzählt das parallel und zeigt den Essay so mit dem Leben verschränkt: Benjamin widmet den Essay Jula Cohn, und das aquatische Element offenbart sich im Text als Strom der Leidenschaft; eine der „Okeaniden“ (Nymphen) heißt bei Benjamin „Schönfließ“ – der Name seiner Mutter und sein eigener Mittelname. Zugeordnet wird das schöne Gewässer der Entourage der im Meer geborenen Liebesgöttin Aphrodite.

Als flanierte man durch Kaufhäuser unter Wasser

Von den frühen Erinnerungen an die Berliner Kindheit über die „Wahlverwandtschaften“ bis hin zur Arbeit zu Kafka und dem „Passagen-Werk“ – man staunt beim Lesen, überall begegnet einem die Vieldeutigkeit des Wassers als Verborgenes, Spiegel oder tödlicher Abgrund. Man schaut dem Schriftsteller Benjamin über die Schultern und folgt seiner Dialektik, die noch aus dem Tragischsten eine verborgene Erkenntnis zutage fördert.

Wie etwa Goethes Roman in den erweiterten Suizid Ottilies im Wasser mündet, endet Kafkas „Urteil“ mit dem Tod des Sohnes in der Moldau. Die Pariser Passagen erscheinen Benjamin indes als zauberhafte Aquarien, deren grau-grünes Licht an versunkene Kathedralen denken lässt; als würde man durch ein Kaufhaus unter Wasser bummeln. Sein ausuferndes Sammeln von Zitaten, Beobachtungen und persönlichen Kommentaren gleicht, so Gordons schlüssige Beobachtung, selbst einem Tauchgang. Jedes einzelne Element werde wie eine Perle vom Meeresgrund gepflückt.

Nach Kriegsende verfasst Benjamin mit der lettischen Theaterregisseurin Asja Lacis das einflussreiche Denkbild „Neapel“ über eine Stadt, die mit dem Meer in symbiotischer Beziehung steht; mit „Fischerkneipen, die man in natürlichen Grotten eingerichtet hat“. Regelmäßig zieht es Benjamin ans Mittelmeer. 1932 etwa nach Ibiza, wo er mit Jean Selz und dem Enkel Paul Gauguins unbeschwerte Stunden verbringt. Ein Foto zeigt ihn auf einer Jolle – ganz, als sehe man hier wirklich den pausierenden Perlentaucher.

Zuletzt das Meer bei Portbou

Wie sich Benjamin seine intellektuelle Unabhängigkeit bewahrt, schildert Gordon schließlich in Beziehung zu Adorno und Brecht. Mit Ersterem verbinden ihn der skeptische Marxismus sowie Missverständnisse. Benjamin ist in den späten Dreißigern abhängig vom emigrierten Institut für Sozialforschung, und Adornos Kritik an seinen Baudelaire-Studien trifft ihn hart. Mit Brecht lässt sich im schwedischen Exil dagegen vortrefflich streiten: Kafka lehnt er entschieden ab, genauso Dostojewski. Chopin bezeichnet er als Würstchen. Wieder in Paris ist Benjamin viel allein, meist in der Bibliothèque nationale; 1939 sind fast alle Emigranten wegen des drohenden Krieges abgereist. Paul Klees „Angelus Novus“ wird ihm jetzt zwar nicht zum Freund, aber doch zum Alter Ego im Gespräch über das Wesen der Geschichte.

Am Ende führt Gordons lebhafte Biographie an die spanische Grenze, aber nicht bis zum Tod seines Protagonisten in der folgenden Nacht. Nachdem der beschwerliche Aufstieg über die Pyrenäen gelingt, öffnet sich der Blick auf das blau-grün strahlende Meer bei Portbou – ein Moment der Hoffnung und Möglichkeit. Bekanntlich hätte dem herzkranken Benjamin eine kleine Änderung der Geschichte das Leben retten können. Indem Gordon ihn hier entlässt, wird er dem Anspruch des Perlentauchers gerecht: Geschichte nicht von den Siegern her zu erzählen, sondern von den Trümmern, die sie am Grund des Meeres hinterlässt, das zur Oberfläche zu holen, was Zuversicht erlaubt.

Peter E. Gordon: „Walter Benjamin“. The Pearl Diver. Yale University Press, Yale 2026. 224 S., Abb., geb., 25,50 €.

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