NS-Suche im Netz: Die trügerische Gewissheit der Karteikarten

vor 1 Tag 1

„Es reicht.“ Dieser Satz blitzt in mir auf, wenn ich an die Nazikartei denke. Er stammt von einer Frau. Sie richtete ihn an mich erst neulich, auf einer meiner Lesungen. Ich war im Norden Westfalens unterwegs: weites Land, viele Pferde und kleine Städte, in denen noch Kirchglocken schlagen und Schützenfeste gefeiert werden, die Hotels aber rar gesät sind. Seitdem wir miteinander sprachen, schleppe ich die Worte der Frau mit mir herum wie einen Stein. Und ich verstehe erst allmählich, woran das liegt.

Ich bin ein Spurensucher. Mein Großvater war ein Nazi, der im Zweiten Weltkrieg Zehntausende Menschen zu ermorden half. Mein Vater hat darunter gelitten – und starb. Ich forschte – und schrieb ein Buch. Als vor ein paar Monaten das amerikanische Nationalarchiv die erhalten gebliebenen Bestände der NSDAP-Mitgliederkarteien veröffentlichte, erfasste mich zunächst Euphorie: Da standen auf einmal über zwölf Millionen Karteikarten der Naziparteizentrale und ihrer Ortsgruppen im Netz; frei verfügbar, jederzeit durchsuchbar. Gut, dem Ansturm der Nutzer waren die Server der Amerikaner anfangs nicht gewachsen. Auch die Suche in den riesigen Dokumentensammlungen, voll mit handschriftlichen Notizen, blieb Sisyphusarbeit. Aber mithilfe der Kollegen der „Zeit“ und des „Spiegels“ lassen sich die Bestände in Deutschland mittlerweile ziemlich komfortabel durchforsten.

 Sassenberg, im Norden WestfalensZwischen Kirchturm und Schützenfest: Sassenberg, im Norden WestfalensLorenz Hemicker

Ob die Vorfahren in der NSDAP waren, diese Frage lässt sich in den meisten Fällen nun rasch klären. „Meist“, weil die Parteikarten nicht vollständig der Vernichtung entgingen, eingestampft und recycelt wurden, so wie es der Plan der Nazis kurz vor Kriegsende war. Der Direktor einer Münchner Fabrik, Hanns Huber, versteckte sie stattdessen unter einem Berg aus Altpapier. Die Amerikaner beschlagnahmten die Karteien. Sie brachten sie nach Westberlin und lagerten sie in einem Archiv. Nach der Wiedervereinigung übergaben sie die Bestände an das Bundesarchiv. Die Amerikaner selbst sicherten in Washington nur Mikrofilmkopien. Das sind jene Dateien, die nun sichtbar geworden sind.

Zwei Klicks, ein Parteimitglied – oder auch nicht

Dank ihnen kann jeder nachvollziehen, wie sich Millionen deutsche Nazis nach dem Krieg selbst recycelten. Zwei Klicks, ein Parteimitglied – oder auch nicht. Der Reiz der schnellen Nummer. Für die Großmutter, den Uropa oder auch die Vorfahren aus der Nachbarschaft wird es, so sie überhaupt noch leben, nun viel schwerer, sich herauszureden, dachte ich zunächst. Auch der oftmals unerschütterliche Glaube der Nachfahren an die Legenden, die ihnen aufgetischt wurden, die millionenfach Familien in Sicherheit wogen, dürften nun wie marode Fassaden zu bröckeln beginnen. Opa war kein Nazi? Alles Lüge. Die, die uns als Enkel umarmten, beschenkten, ins Bett brachten – sie waren Nazis. Täter mitunter. Menschen wie wir. Das ist ja das Gefährliche.

Meine Euphorie ist verflogen. Und ich würde der Frau aus Nordwestfalen Unrecht tun, sie dafür verantwortlich zu machen. Ihre Argumente waren für mich nachvollziehbar. Ich hatte sie nur ausgeblendet, vielleicht auch verdrängt, was leicht für mich war, weil ich sie auf meinen Lesungen selten höre. Dort, wo die Engagierten und Wissbegierigen meist unter sich sind. Die Frau, ein Kriegskind, später Lehrerin und inzwischen in einer Lebensphase angelangt, in der ihr der Aufzug näher als die Treppe ist, hatte jahrzehntelang im Unterricht die NS-Zeit und den Holocaust mit ihren Schülern durchgenommen. Dass die Nationalsozialisten böse waren, so ging aus ihren Worten hervor, hatte sie den jungen Menschen voller Überzeugung beigebracht. So wie die meisten ihrer Generation. Nur dass nun auf einmal, über 80 Jahre nach Kriegsende, das Böse überall ihr so nahe kam, so persönlich werden konnte, das schien sie offenkundig nicht annehmen zu wollen. Nicht auch das noch. So wie bei ihrem Vater. Der sei auch „dabei“ gewesen, aber mehr „hineingeraten“ als gewollt. Es müsse doch irgendwann auch mal gut sein. Wir, die Deutschen, hätten aktuell „ganz andere Probleme“. Mit denen sollten wir uns beschäftigen. So klingen Schlussstrichgedanken, ganz ohne rechtsextreme Note.

Adolf Hitler 1933 in Berlin am Volkstrauertag mit Werner von Blomberg, Franz von Papen, Franz Seldte, Hermann Göring, Wilhelm Frick und Konstantin von Neurath (v. l.)Adolf Hitler 1933 in Berlin am Volkstrauertag mit Werner von Blomberg, Franz von Papen, Franz Seldte, Hermann Göring, Wilhelm Frick und Konstantin von Neurath (v. l.)Picture Alliance

Ich kenne solche Argumente aus meiner Familie. Wenn bekannt ist, dass der Opa ein Nazi oder gar ein Täter war, führt das mitnichten zwangsläufig dazu, dass das Leben der Person weiter hinterfragt wird. Selbst als bekannt war, dass mein Großvater für die Beteiligung an einem Massaker angeklagt werden sollte, dass er die Gruben geplant hatte, in denen Tage später mehr als 25.000 Juden aus dem Rigaer Ghetto erschossen wurden – die meisten von ihnen Frauen, Alte und Kinder –, selbst da setzte sich das Eingeständnis in meiner Familie nicht richtig durch. Es wurde relativiert. Seinen Ausflüchten geglaubt. Er sei da nur in etwas „hineingeraten“, der Auftrag eine reine Fachaufgabe gewesen, er habe keine Wahl gehabt, wäre mit den Juden erschossen worden, hätte er sich geweigert. Und er habe nie eine Waffe gegen einen Juden erhoben. Alles Lügen, wie ich nach jahrelanger Recherche mittlerweile weiß. Verurteilt wurde er nie. Die Alliierten entnazifizierten ihn als Mitläufer.

Kaum einlösbare Versprechen

Auch aus zahllosen Gesprächen mit anderen Spurensuchenden habe ich mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass die meisten Menschen nur die argumentative Verteidigungslinie wechseln, so sie mit der Schuld aus der NS-Zeit konfrontiert werden. Der Mensch versucht, sich so gut es geht mit der Wirklichkeit zu arrangieren. Mit ihr leben zu können. Diese Gefahr ist mit der NSDAP-Datenbank mitnichten gebannt. Hat man die Registrierungsnummer seines Vorfahren in einer Kartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei erst mal gefunden, kann sie dazu verführen, sie schon für das Ergebnis einer tiefgehenden Recherche zu halten – und danach mit ihr abzuschließen. „Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat“ – dieses Versprechen, wie es der „Spiegel“ in einer Überschrift zu seiner Suche formuliert, lässt sich kaum einlösen. Wie viele Menschen lesen schon die weiterführenden Hinweise und gehen die weiten Wege weiter, die von ihnen aufgezeigt werden?

 Auf dieser NSDAP-Parteikarte stehen zwei Beitrittsdaten.Verwirrend: Auf dieser NSDAP-Parteikarte stehen zwei Beitrittsdaten.BArch, R 9361-II KARTEI/394919

Wer eine Parteikarte seines Vorfahren findet, hat einen Schritt getan. Doch viel geht aus ihr meist nicht hervor. Wer früh in die NSDAP eintrat (oder manchmal auch sehr spät), war mit höherer Wahrscheinlichkeit ideologisch überzeugt. Wer 1937 aufgenommen wurde, hatte oft den Antrag schon gestellt, nachdem Hitler im Frühjahr 1933 an die Macht gelangt war. Er galt dann als ein „Märzgefallener“, wie die Nazis die Volksgenossen spöttisch nannten. Die Zahl der Menschen, die in die Partei drängten, war zu jener Zeit siebenstellig – und überforderte die Partei. Die Folge war ein Aufnahmestopp, der Jahre hielt, auch, um den Eliteanspruch der Partei zu schützen. Dennoch waren die Leute, die 1937 dann mit einem Schlag aufgenommen wurden, mitnichten alle Opportunisten oder Karriereristen. Unter ihnen fanden sich auch frühe SS-Angehörige, die zwischenzeitlich keine Möglichkeit gehabt hatten, einzutreten, und diesen Schritt nachholen wollten.

Weitere Schritte bleiben anstrengend. Das Bundesarchiv, in dem neben den Original-NS-Parteikarten auch Hunderttausende Unterlagen der SA, der SS und weiterer NS-Gliederungen gehütet werden, registriert pro Jahr rund 75.000 Anfragen zur NS-Zeit. Ein Sprecher schrieb mir, in den vergangenen Monaten sei das Interesse nochmals deutlich gewachsen. Aber von einem  Ansturm, wie er bei der Suche der NSDAP-Datenbank registriert wurde, ist offenkundig nichts zu sehen. Auch aus den Landesarchiven, wo die meisten Dokumente zu den Entnazifizierungsakten liegen oder aus Städten, wo die Lebensläufe angestellter Nazis zu finden sind, ist bislang nichts von einer Anfragelawine zu vernehmen.

Die Profanisierungsgefahr der schnellen Suche

Gemessen an den 83 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, bleibt die Gruppe der Spurensucher überschaubar. Eine Minderheit. Von einer Erneuerung der deutschen Erinnerungskultur, die so wichtig wäre, wo gerade jetzt die letzten Opfer und Täter uns unwiderruflich nach und nach verlassen, ist bislang kaum etwas zu sehen. Die Suche nach der NSDAP-Karteikarte, sie könnte die Suche nach den familiären Spuren in der Nazizeit sogar zu einem Small-Talk-Thema verkümmern lassen. Sie profan machen. Der Reiz der schnellen Nummer. Im schlimmsten Fall können sie auch jene Kräfte instrumentalisieren, die unsere Demokratie schleifen wollen. Parolen auf Tiktok lassen sich ohne große Anstrengung ausmalen: „Alle waren Nazis? So what! Hineingeraten 2.0. Schluss mit dem Schuldkult.“

Dabei ist es ein großes Missverständnis, anzunehmen, dass es bei der Suche nach den Spuren um familiäre Schuld oder gar Erbschuld geht. Waren die eigenen Vorfahren Nazis, ist das unerfreulich. Waren sie Täter, mag das ein Schock für die Verwandten sein. Aber am Ende geht es um Erkenntnis und um eine Lektion für die Zukunft. Eine Terrorherrschaft können weder Sadisten noch Fundamentalisten errichten, solange sie für sich bleiben. Dafür sind sie stets zu wenige. Die Nazis konnten nur deshalb den Holocaust vollstrecken, weil sich zuvor das Gros der Gesellschaft auf sie eingelassen hatte. Millionen Menschen, die hofften, dass es schon so schlimm nicht kommen würde, die nur in einigen Punkten mit den Nazis übereinstimmten oder die schlicht überzeugt waren, zunächst an ihre Familie denken zu müssen. Das Böse ist oft banal. Und es schlummert in jedem von uns.

Vielleicht ist diese Erkenntnis eine Sackgasse, vielleicht ist sie aber auch ein Ausweg. Das Interesse an der NS-Vergangenheit ist vorhanden. Davon zeugen nicht nur die Datenbankensuchen, sondern auch erfolgreiche Filme, virale Podcastfolgen und viel diskutierte Texte über das Dritte Reich. Die Neugierde ist auch keine Altersfrage. Ich merke in den Schulen, in denen ich zu Gast bin, wie die Spuren der Urahnen oder sogar Ururahnen in der Zeit des Dritten Reichs die jungen Menschen noch in den Bann schlagen können. Vielleicht auch, weil sie rechtsextremer Tiktok-Propaganda stärker ausgesetzt sind als ihre Eltern.

Vielleicht sind die NSDAP-Suchen schlicht nur ein Anfang. In den kommenden Jahren könnten sich die Möglichkeiten vervielfachen. Künstliche Intelligenz kann, wenn sie umsichtig eingesetzt wird, einem bei persönlichen Recherchen enorm helfen. Auch Historiker und Recherchedienste werden Menschen mit weit weniger Ressourcen als  Journalisten dabei noch besser unterstützen können, die nächsten Schritte zu gehen. Das deutsche Datenschutzrecht wird dabei ab 2028 kein Hindernis mehr darstellen. Bislang müssen sich Archive dreimal überlegen, ob und, falls ja, welche Daten veröffentlicht werden dürfen. Aber bald sind über hundert Jahre um, seit auch die jüngsten NSDAP-Mitglieder geboren wurden. Danach können die deutschen Archive ihre Unterlagen aus der Zeit des Dritten Reichs öffentlich zugänglich und durchsuchbar machen; vorausgesetzt, dass sie dafür über die nötigen Ressourcen verfügen.

Es reicht. Der Satz der Frau wird mich weiter begleiten. Er kann ein Ansporn sein, die Rolle der Vorfahren in der Nazizeit aufzuklären. Mit mehr als ein paar Klicks. Nicht aus Schuldgefühlen, sondern aus Verantwortung.

Tipps für die NS-Spurensuche

Waren die Vorfahren Nazis? Die Frage lässt sich, über 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, oftmals nicht mehr sicher beantworten. Aber die Indizien, die erhalten geblieben sind, lassen sich so gut zusammentragen wie noch nie; vorausgesetzt, man investiert Zeit, Geld oder beides.

Am leichtesten zu klären ist oftmals die Frage, ob die Vorfahren in der NSDAP Mitglied waren. Im Auftritt des amerikanischen Nationalarchivs lassen sich die erhalten gebliebenen Mitgliederkarteien durchsuchen. Sie umfassen zwischen 80 und 90 Prozent aller Menschen, die der NSDAP beigetreten sind.  Einfacher durchsuchen lassen sich die Bestände in den Suchmaschinen der „Zeit“ und des „Spiegels“.  Suchmaske und Datenaufbereitung unterscheiden sich in Trefferqualität und Filtermöglichkeiten. Es lohnt sich, mehrere Wege zu vergleichen. Die journalistischen Angebote benötigen zudem einen Zugang.

Wer in den NSDAP-Suchen nicht fündig wird, auf Nummer sicher gehen oder den nächsten Schritt gehen will, wenn er eine Parteikarte eines Vorfahren angezeigt bekommt, der kann sich an das Bundesarchiv wenden. Es ist die zentrale Quelle für Anfragen zur Nazizeit. Dort lagern nicht nur die originalen NSDAP-Karteien. Im Bundesarchiv finden sich umfangreiche Sammlungen aus allen Gliederungen der NSDAP und der Sicherheitsorganisationen, von der Polizei über SA und SS bis hin zu Reichsarbeitsdienst und Wehrmacht. Wer einen Rechercheantrag stellt, dem helfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Auskünften. Bei größeren Aufwänden können Entgelte anfallen. Benötigt werden Name, Vorname und Geburtsdatum der Person. Und Geduld. Die Zahl der Anträge lag zuletzt bei 75.000 pro Jahr. Und sie dürfte im Zuge der NSDAP-Suchmaschinen weiter steigen. Wer schneller Gewissheit haben und auch nicht digitalisiertes Material herausgesucht bekommen möchte, der kann sich an private Recherchedienste wenden, die auf den Seiten des Bundesarchivs ebenfalls beauftragt werden können.

Wurden die Vorfahren entnazifiziert, finden sich die Unterlagen in der Regel in den Landesarchiven; dort, wo die Person in der Nachkriegszeit lebte. Die Akten werden aktuell digitalisiert. Dort lassen sich auch Anträge stellen. Doch Vorsicht. Viele Aussagen in Entnazifizierungsverfahren sind mit Skepsis zu betrachten.

Auch in Kreis-, Stadt- und Ortsarchiven lassen sich mitunter wertvolle Informationen finden. Etwa über die Funktionen von NSDAP-Mitgliedern, Personalkorrespondenzen zwischen NSDAP-Stellen und der Stadt, etwa, wenn ein Vorfahr dort beschäftigt war. In Gemeinderegistern lassen sich, so die Glaubenszugehörigkeit des Vorfahren bekannt ist, Eckdaten ausfindig machen oder kontrollieren.

Informationen über NS-Ermittlungen oder mögliche Gerichtsverfahren finden sich in der Zentralen Stelle in Ludwigsburg und beim Institut für Zeitgeschichte München.

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