Jeder, der einmal ein Asterix-Heft gelesen hat, weiß, dass das kleine Dorf, in dem die renitenten, zaubertrankbetankten Gallier wohnen, irgendwo in der heutigen Bretagne liegen muss, zwischen der Stadt Erquy und Le Yaudet; die Asterix-Forscher führen über den genauen Standort einen erbitterten und ergebnislosen Streit. Wer dieses Dorf aber betreten möchte, musste bisher dreißig Kilometer nördlich von Paris in den Parc Astérix fahren, in dem das gallische Dorf 1989 nachgebaut und mit ein paar klassischen Freizeitpark-Attraktionen umstellt worden war.
Bald wird es aber ein zweites gallisches Dorf geben – und das ausgerechnet bei Leipzig. Schrittweise soll der dortige Freizeitpark Belantis in den ersten Asterix-Park außerhalb Frankreichs verwandelt werden. Bis 2030 will das Betreiberkonsortium, die Compagnie des Alpes, die den Belantis-Park übernahm und der neun andere Freizeitparks, darunter der Parc Astérix bei Paris, gehören, bei Leipzig das größte gallische Widerstandsdorf bauen und zu einer internationalen Attraktion machen.
Nichts ist so attraktiv wie Widerstand – und Römer zu vermöbeln
Vielleicht ist das nur der Anfang: Werden in einer Zeit, in der die Hauptressource der Gallier, unbeugsamer Widerstand, Mangelware ist, bald überall gallische Dörfer errichtet, werden als ultimativer Triumph in Washington und vor Rom gallische Dörfer Millionen anziehen? Erst mal wird klein angefangen, mit einem nach Obelix’ Hund benannten Idefix-Abenteuerland, in dem durch einen Kanal gleitende Boote, ein Kettenkarussell und Rutschen „für Kinder ab 3 Jahren und einer Körpergröße von mindestens 0,95 Metern“ warten. Die freuen sich, für Menschen ab 1,10 Meter Körpergröße sind die neuen Attraktionen vielleicht ein bisschen zu langweilig. Wildere Fahrgeschäfte und Attraktionen sollen bald errichtet werden. Zur Idefix-Land-Eröffnung liefen zwei als Asterix und Obelix verkleidete Männer herum, die ein bisschen gruselig aussahen, weil sich ihre Augen nicht bewegten, und das Schöne bei den Figuren ist ja vor allem ihr Minenspiel.
Für die Kleinen: das neue Idefix-Abenteuerland im Belantis-Park bei Leipzig. In den Asterix-Park Deutschland sollen rund 100 Millionen Euro investiert werden.Picture AllianceDie Häuser im Idefix-Land sind mit ihren großen runden Steinen mit ein bisschen gutem Willen als gallisches Dorf zu erkennen: Es gibt einen Hinkelstein und Schilder mit Wildschweinen.
Der Wildschweinbraten ist echt
Die gibt es in den sächsischen Wäldern tatsächlich so zahlreich, dass Obelix seine Freude hätte, auch wenn die sächsischen Jäger bitterlich über den Rückgang der Wildbestände und die Ausbreitung des Wolfs klagen, den sie nicht schießen dürfen, wie sie wollen, was sie aber trotzdem tun („Schießen, schaufeln, schweigen“, sagte ein sächsischer Jäger, der anonym bleiben wollte, gegenüber der F.A.Z.). Angereist zur Eröffnung des Idefix-Landes war auch Anne Goscinny, die Tochter des Texters René Goscinny, der zusammen mit Albert Uderzo 1959 Asterix erfunden hatte und, wie man von seiner Tochter erfährt, Disneyland sehr liebte. Anne Goscinny sagte in die Kameras den schönen Satz: „Wir alle leisten Widerstand gegen etwas“, und erklärte noch einmal, was Asterix – neben den großartigen Dialogen, dem Römer-Vermöbelungs-Slapstick und der genialen Rückübersetzung aktueller Probleme und Phänomene in die Antike – zu einem weltweiten Erfolg gemacht hat: der Widerstand nämlich und der Eigensinn, den die Gallier gegen einen übermächtigen Gegner leisten, der sich dann als eine Pleiten-und-Pech-Brigade halb motivierter Soldaten und cholerischer Zenturios entpuppt, vor denen man keine Angst haben muss.
Sind mit den Römern die Amerikaner gemeint?
Es wurde seit 1959 viel spekuliert, ob Asterix’ Kampf gegen die Römer eine Parabel auf den Kampf der Franzosen gegen die politische und kulturelle Übermacht Amerikas sei, die Bretonen sahen darin ihren Kampf gegen die Zentralregierung in Paris verewigt, und auch Burkhard Jung, der SPD-Oberbürgermeister von Leipzig, gibt dem neuen Park eine Bedeutung als politischer Ort, als er zur Eröffnung erklärte, man fühle sich in Leipzig „ja auch wie ein gallisches Dorf innerhalb Sachsens, innerhalb Mitteldeutschlands“: Wir schreiben das Jahr 2026, ganz Sachsen wird bald von der AfD besetzt sein, nur ein kleines Dorf, in dem auch die Buchmesse stattfindet, leistet unter seinem Anführer Verwählnix erbitterten Widerstand? Vermutlich sehen sich auch die AfD-Wähler als Insassen eines Widerstandsdorfs, so wie in Frankreich der rechtsradikale Front-National-Politiker Louis Aliot eine Asterix-Zeichnung für seine Neujahrsgrüße verwendete und dafür von den Asterix-Verlegern abgemahnt wurde.
Im Idefix-Land geht es eher friedlich zu.Picture AllianceWie aber verwandelt man einen ostdeutschen Freizeitpark in eine französische Widerstandswelt – und warum? Den Belantis-Park gibt es seit 2003; damals glaubten Investoren, dass die neuen Bundesländer einen Freizeitpark nach dem Vorbild des Heideparks oder des Europaparks Rust brauchen könnten, wie es ihn im Osten lange nicht mehr gab. Leipzig hat dabei eine lange Geschichte mit Vergnügungsparks, schon 1914 eröffnete in einer ehemaligen Kiesgrube der Luna-Park am künstlichen Auensee, es gab Ausflugsboote und eine Berg-und-Tal-Bahn, die durch eine künstliche Alpenkulisse raste, und damals reichte es als Attraktion schon, wenn der Osten aussah wie Bayern.
Was finden Deutsche unterhaltsam?
Nach der Wende wurde intensive Marktforschung betrieben, was die Deutschen von einem Freizeitpark erwarten; man kann das Ergebnis also auch als ein kollektives Psychogramm lesen: Was wollen die Deutschen, wenn sie sich amüsieren wollen? Auf der 27 Hektar großen Fläche eines ehemaligen Braunkohletagebaus wurden 63 Millionen Euro investiert und acht Themenwelten errichtet. Für die im Osten stark vertretenen Mystery- und Fantasy-Fans gibt es das Verlies des Grauens, ein „mystisches Abenteuer auf Merlins Spuren“, dazu die üblichen Achterbahnen, Karussells und Buden, für humanistisch gebildete Antikenfreunde stehen das Wasserkarussell „Poseidons Flotte“, der Aussichtsturm „Säule der Athene“ und eine „Odysseus“-Bootsfahrt bereit. Nicht weit entfernt ragt eine riesige Pyramide über die Baumkronen. Es ist die größte Pyramide in ganz Europa, darauf ist man in Leipzig stolz; zwar ist sie mehr als hundert Meter niedriger als die Originale, dafür hat sie etwas, was man in Gizeh vergeblich sucht, obwohl man es dort in der Wüste sehr gut brauchen könnte: Oben in einer Öffnung erscheint in der Leipziger Pyramide ein Schlauchboot mit sechs schreienden Leuten und rast eine Wasserrutsche hinunter in einen See.
Vielleicht ist Milou alias Struppi , der Hund von „Tim und Struppi“, noch ein bisschen berühmter – aber einer der bekanntesten weißen kleinen Hunde der Welt ist Idefix allemal.Picture AllianceSie wird man dank „Asterix und Kleopatra“ ebenso leicht in einen Asterix-Park integrieren können wie, als Welt der „großen Überfahrt“, in dem es die Gallier nach Amerika verschlägt, die Belantis-Abteilung „Prärie“. Dort gibt es im „Dorf der Apachen“ für die Kinder „Indianertänze und -lieder zum Mitmachen“ und eine Wildwesteisenbahn. In amerikanischen Freizeitparks hat man sich von solchen heiteren Cowboy-und-Indianer-Welten angesichts der Gräueltaten der europäischen Siedler an Amerikas Ureinwohnern längst verabschiedet, und auch in vielen Berliner Kindertagesstätten sind „Indianerzelte“ und Federschmuck an Fasching als „Cultural Appropriation“ verbannt worden, obwohl man auch argumentieren könnte, dass das Rollenspiel der Kinder und ihre Verkleidung als Apachen ihnen mehr Einfühlung erlaubt als alle strengen Vorträge, die sie auf der Täterseite verorten. Belantis versucht mittlerweile, das Wort „Indianer“ zu vermeiden und schlägt vor, an „Ritualen der Ureinwohner“ teilzunehmen.
Was soll „Belantis“ heißen? Bei Asterix weiß man, worum es geht
In Sachsen ist der Mainstream an solchen Fragen sensibler Sprache allerdings ohnehin eher nicht so interessiert; nicht weit vom Belantis-Park hängt in einer Kneipe wie als Warnung ein Zettel über dem Tresen, auf dem der Satz „Gendern ist, wenn der Sachse mit dem Boot umkippt“ zu lesen ist. Zuletzt lief es nicht gut im Belantis-Park: 2024 kamen 300.000 Besucher, 2016 waren es noch mehr als 600.000. Und was sollte überhaupt „Belantis“ heißen? Der Name setzte sich aus „bella“ und „Atlantis“ zusammen, klang aber wie ein nicht unbedingt attraktiver koreanischer Mittelklassewagen oder ein süßliches Supermarkt-Deo.
Unter Asterix kann man sich mehr vorstellen. Und im Moment der großen transatlantischen Krise, wo Donald Trump sich aufführt wie ein verrückter römischer Imperator und die Franzosen den verunsicherten europäischen Ländern anbieten, unter ihren atomaren Schutzschirm zu rücken, der allein als Abschreckung schon geopolitische Zaubertrankqualitäten hat: In diesem Moment ist es vielleicht nicht die schlechteste Pointe, dass dort, wo früher die Völkerschlacht gegen die Franzosen tobte, aus einem halb untergegangenen ostdeutschen Atlantis ein großes gallisches Dorf wird.

vor 16 Stunden
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