„Michael Kohlhaas“ in weiblich: Das Miteinander in die Knie gezwungen

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Inmitten der Napoleonischen Kriege arbeitete Heinrich von Kleist an der Erzählung über Michael Kohlhaas, das „Muster eines guten Staatsbürgers“, dessen „Rechtgefühl“ ein neuer Willkürherrscher verletzt: Zunächst lässt Kleist seinen Titelhelden alle legalen Mittel ausschöpfen. Als die Gesetzestreue jedoch immer und immer wieder enttäuscht wird, übt der Rosshändler Selbstjustiz und mobilisiert das „Volk“ sowie die „öffentliche Meinung“, um terroristisch jene Rechtssicherheit wiederzugewinnen, die die Grundlage einer verlässlichen sozialen und politischen Ordnung bildet.

Das Geschäft des Aufruhrs ist schmutzig. Die Geschichte kann nicht gut enden, ist aber lehrreich: Der sächsische Herrscher, dessen reales Pendant in Kleists Gegenwart mit Napoleon koalierte, wird im Finale der Erzählung von Kohlhaas düpiert. Der brandenburgische Kurfürst hingegen, dessen Nachfolger sich gegen den Angriff Napoleons zur Wehr setzte, bestätigt in seinem Urteil die einleitende Einschätzung des Erzählers: Auch er sieht in Kohlhaas einen „der entsetzlichsten“, zugleich aber auch um einen der „rechtschaffensten (…) Menschen seiner Zeit“.

Diese an Doppelbödigkeiten unendlich reiche, zwischen Ordnungsliebe und Ordnungsüberschreitung schillernde Erzählung hat Heike Geißler ins Hier und Heute verlagert: An die Stelle des männlichen Helden tritt mit Michaela Kohlhaas eine Protagonistin, eine „gute Bürgerin“, die eines Tages ihre Bereitschaft zum Mitmachen aufkündigt. Zunächst ist sie „eine typisch müde erwachsene Person, müder als manche, wacher als andere“. Dann gibt sie ihre Wohnung auf und zieht als Obdachlose durch die Lande. Wenzel von Tronka, der bei Kleist die edlen Pferde des Rosshändlers Kohlhaas zuschanden richtet, tritt als Immobilienspekulant auf, der die Stammkneipe von Kohlhaas gentrifiziert und mit dem Leipziger Bürgermeister klüngelt.

Eine Figur entwickelt ihr Eigenleben

Es gibt noch einige solcher Bezüge zwischen den beiden Kohlhaas-Texten, aber von Geißlers ursprünglichem Vorhaben, Kleists Erzählung Zeile für Zeile zu „überschreiben“, ist im Grunde nicht viel geblieben: Michaela Kohlhaas, so erklärt die Autorin in Interviews, habe bei der Arbeit am Text ein Eigenleben entwickelt. Es wäre bei einer Heldin, die dezidiert keinem vorgefassten Plan folgen will, ja auch ganz und gar inkonsequent, wenn sie sich einer literarischen Zielsetzung unterordnete.

 „Michaela Kohlhaas“Heike Geißler: „Michaela Kohlhaas“Verlag

In allen Texten Heike Geißlers begegnen starke Erzählerinnen der Welt mit einem erstaunt wütenden „Geht’s noch?!“ – viel mehr fällt einem zu dem, was gerade so abläuft, ja häufig nicht mehr ein. Diese tiefe Verstörung angesichts der gegenwärtigen Unmenschlichkeitsbereitschaft, der Zermürbung durch das Gestöber schlechter Nachrichten, alltäglicher Unachtsamkeiten und sozialer Verletzungen setzt Geißler den Mut zum Umdenken und die Gestaltungs- und Wirkungskraft der Poesie entgegen. Michaela Kohlhaas trennt sich daher gleich anfangs auf eine ganz grundlegende Weise von Kleists Hauptfigur: Während in „Michael Kohlhaas“ ein skandalöser Rechtsverstoß das Aufbegehren eines Helden und nachfolgend moralische, rechtliche und politische Verwicklungen auslöst, reagiert Michaela Kohlhaas nicht auf ein außerordentliches Ereignis. Ihre Entscheidung, den Dienst am Weiter-so zu quittieren, resultiert vielmehr aus jener Fülle verwerflicher Handlungen, mit denen wir uns im Alltag abfinden, an denen wir uns ständig stillschweigend beteiligen oder die wir in großem Maßstab einfach nur noch zur Kenntnis nehmen.

Michaela Kohlhaas will bei diesen Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten nicht mehr kopfschüttelnd zuschauen: „Wachsende Anteile ihres Alltags waren aus Schweigen gemacht, aus Nichtansprechen, aus Anhäufungen all der Dinge, die unfassbar waren, aber allesamt dieser Entwicklung folgten, die sich unübersehbar vollzog: hinweg mit allem, was leicht war, fröhlich, lebendig und zugewandt. (…) Das Miteinander wurde in die Knie (…) gezwungen.“ Am „Grunde ihres Herzens“ vollzieht sich eine schleichende Entwicklung. Es wird zu einem „Mördergrubenherz“: zu einem „Archiv der Fehler im System, einer Sammlung all der Schadstellen, die intendiert in Strukturen, Institutionen, Systeme eingebaut worden waren oder nicht entfernt wurden, weil die entstehenden Schäden den Strukturen, Institutionen und Systemen die Arbeit erleichterten“.

Wie gehen Individuum und Umwelt zusammen?

Diese „Datendichte“ ist Teil einer langen Entwicklung ohne starken Anfang und ohne ein einfaches Ende. Sie beginnt schon lange vor der Lebenszeit von Michaela Kohlhaas „mit jedem Übertölpeln, mit jedem Krieg, mit jeder Enteignung von Allgemeinbesitz“. Das „Gewaltverbrechen“, dem Michaela Kohlhaas zum Opfer fällt, wird nicht von einer einzelnen Person begangen, sondern von uns allen.

Dieser Sinn für die Infrastruktur von Schlechtem, in der wir uns bewegen, hat erzählerische Konsequenzen: Wertet man die vorliegenden Interpretationen zu Kleists „Michael Kohlhaas“ statistisch aus, beziehen sie sich vor allem auf die erste, handlungsintensive, von Sensation und Eskalation geprägte Hälfte der Erzählung. Mit dem zweiten Teil, der seltsam auf der Stelle tritt, tun sich die Interpreten offenbar schwer. Hier verweigert sich Kleist dem Bedürfnis nach einem unterhaltsamen und wohlgerundeten Spannungsbogen, der immer auch ein bestimmtes Menschen- und Gesellschaftsbild beziehungsweise eine Idee vom Zusammenwirken von Individuum und Umwelt mit sich führt.

Die episodisch und sprunghaft gestaltete „Handlung“ von „Michaela Kohlhaas“ neigt formal nicht zufällig eher der zweiten Hälfte von Kleists Erzählung zu. Sie setzt nicht auf glatte Fügung, auf die kontinuierliche Entwicklung von Ursache-Wirkungs-Verhältnissen, sondern auf Störung, Unterbrechung und Durchlöcherung eines geschmeidigen Handlungsverlaufs.

Gegen jegliche heroische Ermächtigungsphantasie

Der Roman dieser „großen Frau“ erfüllt damit grundsätzlich nicht die Erwartungen an das heroische Handlungsmodell des großen Mannes. In Geißlers energischer Prosa zeigt sich kein „Plan“, sondern ein „unerbitterlicher Drang“, ein exzentrischer „Schwung“, ein „Takt“ der Opposition. Mit ihren Form-Entscheidungen reagiert sie angemessen auf die Herausforderungen einer aktuellen Ästhetik des Widerstands: Einerseits befördert nämlich die direkte Provokation einer „großen Frau“ den „grummelnden Zusammenhalt in der Bevölkerung“ und provoziert „zusammenschweißende Ablehnung“, bestärkt also genau jene ressentimentgeladene Vergemeinschaftung, der Michaela Kohlhaas alternative Formen der Solidarität entgegensetzen will. Andererseits droht dem Fundamentalabschied von der schlechten Normalität ein unheilvolles Bündnis mit jenem Willen zur Disruption, den die neurechte oder technokratische Staatsfeindschaft unmenschlich und mitleidslos artikuliert. Geißler erzählerische Verfahren wenden sich daher gegen jegliche heroische Ermächtigungsphantasie.

Um Michaela Kohlhaas nicht mit einem herkömmlichen Helden zu verwechseln, stellt Geißler ihr eine Ich-Erzählerin an die Seite, die den Test auf die Alltagstauglichkeit der Rebellion macht. Dieses Alter Ego der Autorin freundet sich mit Kohlhaas an und bildet die letzte Verbindung zu „unserer“ Welt, bekennt aber gleich im ersten Satz: „Wenn ich ehrlich bin, wäre ich ihr lieber nicht begegnet.“ Denn eine Figur, die „Handlungen“ gebiert, aber keine „Kinder“, mag sich mit der sicheren Aussicht auf ein tödliches Ende in einen Grundsatzkonflikt mit den Verhältnissen begeben, nicht aber eine „Mutter“ wie die Ich-Erzählerin: „Ich hatte keine Lust auf ihre Beharrlichkeit, auf ihre Unerbittlichkeit, mich nervte ihre Konsequenz, die mir als eine Vorbotin des Todes erschien. Ich glaubte, dass nur das Ausweichen und Ablenken am Leben hielt, weil der Tod alle Zeit versuchte, seine Arbeit zu verrichten, und man ihn dabei stören musste. Und wen er hatte, von dem ließ er nicht mehr ab. Mich sollte der Tod nicht kriegen.“

Inhaltlich also geht es um eine Welt, an der man übermüdet von all dem, was nicht gut läuft, verzweifelt. Beim Erzählen aber versorgt uns die Sprachbewegung des Textes mit neuer Energie, denn Heike Geißler schreibt die rasanteste, lebendigste Widerstandsprosa der deutschen Gegenwartsliteratur.

Heike Geißler: „Michaela Kohlhaas“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 253 S., geb., 24,– €.

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