Der absurde, sinnentstellende Sprachschrott, den generative KI am laufenden Band herstellt, umgibt uns immer mehr, und manchmal ist er sogar belustigend. So wie die jüngst unter einem Werbe-Video vorgeschlagene Übersetzung von „Click the link“: „Klopfen Sie die Verbindung!“
In etwa so absurd ist der Fall eines Textes, als dessen Verfasser die Ministerpräsidenten Sven Schulze und Mario Voigt angegeben werden – aber ob er auch belustigend ist, sei dahingestellt. In einem Meinungsbeitrag in der Tageszeitung „Die Welt“ hatten die beiden Landesväter von Sachsen-Anhalt und Thüringen (beide CDU) sich unter der Überschrift „Wir brauchen mehr Raum für deutsche Stimmen“ für mehr deutschsprachige Musik im Radio ausgesprochen. Um diese Initiative mit einem klassischen deutschen Schlager zu kommentieren: Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu.
Eine einfache, entscheidende Frage
Im Kern der Argumentation des Artikels steht eine wie folgt zum Ausdruck gebrachte Überzeugung: „Musik ist mehr als Unterhaltung. Sie ist Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis. Sie sagt uns, wer wir sind. Und deshalb müssen wir uns eine einfache, aber entscheidende Frage stellen: Wie hörbar ist dieses ‚Wir‘ eigentlich noch?“
Die zitierten Fragen gewinnen eine ganz andere Qualität, seitdem der Journalist Jonathan Peaceman auf dem Portal Bluesky geäußert hat, alles deute darauf hin, dass der besagte Artikel von generativer Künstlicher Intelligenz erstellt sein könnte. Ein anderer Nutzer teilte daraufhin mit, er habe den Artikel der beiden Politiker mittels des KI-Detektors Pangram geprüft, und laut diesem sei er „zu hundert Prozent KI-generiert“.
Was heißt dann noch „eigenständig erstellt“?
Daraufhin reichte der „Tagesspiegel“ eine Anfrage zur Causa bei der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt ein. Aus dem Haus Schulzes, der im Wahlkampf keine deutsche Stimme verlieren darf, hieß es, man habe nur „inhaltliche Positionen eingebracht“, die redaktionelle Arbeit sei hingegen in Erfurt erfolgt. Die thüringische Staatskanzlei wiederum bestritt den Eindruck nicht, sondern gab zu Protokoll: „Selbstverständlich nutzen wir bei unserer Arbeit auch moderne digitale Werkzeuge, darunter KI-Anwendungen. Der Beitrag wurde eigenständig erstellt und im Redaktionsprozess mehrfach bearbeitet.“
Was dann „eigenständig erstellt“ heißt, wäre vielleicht noch genauer zu klären, aber allemal kurios und befremdlich wirkt nach diesem Eingeständnis die Werbung der Ministerpräsidenten für „Identität“ und „kulturelles Selbstverständnis“. Es handelt sich dabei dann offenbar um ein deutsches kulturelles Selbstverständnis, das im Silicon Valley entstanden ist oder auf irgendeiner Serverfarm.
Der Zusatz der Staatskanzlei, einzelne Formulierungen oder sprachliche Wendungen seien durch digitale Hilfsmittel angeregt oder verbessert worden, verschleiert weiter, auf welchem sprachlichen Kern der Artikel dann beruhte – oder war es gar nur ein Prompt des Typs „Geliebte KI, liste mir Argumente für mehr deutschsprachige Musik im Radio auf“? Immerhin, der erzeugte Text hat eine starke regionale Komponente: „Kulturelle Stärke entsteht, wenn Herkunft und Gegenwart zusammenkommen. Von Clueso aus Erfurt bis Tokio Hotel aus Magdeburg. Diese Kontinuität ist keine Nostalgie. Sie ist Argument.“
Interessanterweise hatte der genannte Musiker Clueso in einem Interview mit der „Ostsee-Zeitung“ vor wenigen Wochen gesagt, er befürchte, dass durch Verwendung von KI menschliche Kreativität an Wert verlieren wird. Mittels KI werde man in den kommenden Jahren „Musik aussch***en, als gäbe es nichts anderes“. Clueso hat sogar schon einen Song zum Thema gemacht – sein Titel: „Gib mir was Echtes“. Darin heißt es: „Was ist passiert, Babe? Hab so was noch nie erlebt / Wir war’n wie Bonnie und Clyde, jetzt sind wir Copy und Paste / Und das reicht nicht / Ist doch irgendwie peinlich.“

vor 12 Stunden
1










English (US) ·