Abgesehen von einem kurzen Durchhänger während der Pandemie bricht Tokio jedes Jahr Besucherrekorde. Die japanische Hauptstadt und zugleich größte Metropole der Welt hat eine unvergleichliche Anziehungskraft, die ihren Teil zur Entscheidung beigetragen haben dürfte, Tokuro Nukuis Romandebüt im Deutschen den Titel „Tokyo. Schwarzer Sommer“ zu verleihen. Der Originaltitel lautet „Dōkoku“, was so viel wie Gejammer oder Klage bedeutet, und Tokio fühlt sich darin weder wie der hippe Touristenmagnet noch im Geringsten futuristisch an, sondern vielmehr wie eine anonyme, trost- und farblose, endlos ausgedehnte Vorstadtwüste.
Zum Teil mag das daran liegen, dass das Buch inzwischen über dreißig Jahre alt ist. Nukui debütierte mit „Tokyo. Schwarzer Sommer“ schon 1993, brachte es seither zu einem der bedeutendsten Kriminalschriftsteller seiner Heimat und zum aktuell amtierenden Präsidenten der Schriftstellervereinigung Mystery Writers of Japan. Die in seinem Roman beschriebene Vision eines sozialen Systems, das sich unter seinem eigenen Gewicht selbst erdrückt, hat bis heute nichts von ihrer Schlagkraft verloren. „Tokyo. Schwarzer Sommer“ setzt Anfang der Neunzigerjahre und somit zu Beginn der Verlorenen Dekade nach dem Platzen der Blasenwirtschaft ein.
Drei verschwundene Kinder, ein Serientäter
In Hino, einer Stadt im Westen der Präfektur Tokio, findet ein Spaziergänger am Flussufer die Leiche eines kleinen Mädchens. Naomi Saito wurde im Alter von sechs Jahren an einem Montag entführt, deshalb glauben die Beamten an die Verbindung zu einem ähnlich gelagerten Fall aus dem vorangegangenen Jahr, und spätestens als ein drittes Kind verschwindet, ist klar: Ein Serientäter treibt sein Unwesen. Die zuständige Soko und insbesondere Dezernatsleiter Saeki stehen unter großem Druck. Als Schwiegersohn des Generalkommissars der Nationalen Polizeibehörde und uneheliches Kind eines ehemaligen Ministers eilt dem jungen Familienvater der Ruf voraus, an seine Stellung nicht in erster Linie aufgrund seiner Fähigkeiten gekommen zu sein.
Tokuro Nukui: „Tokyo“. Schwarzer Sommer. Thriller.VerlagZwischen den Kapiteln, die nun die nervenzehrend langsam voranschreitenden Ermittlungsarbeiten ins Auge fassen, springt Tokuro Nukui regelmäßig zu Matsumoto, der nach einem Schicksalsschlag einsam und arbeitslos durch seinen gleichförmigen Alltag mäandert. Bis er von jungen Missionaren angesprochen wird und die Religionsgemeinschaft „Universum des weißen Lichts“ kennenlernt, eine auf der Zahlenlehre der Kabbala und allerlei übernatürlichem Hokuspokus basierende Sekte, die ihren Mitgliedern Selbstoptimierung und Erleuchtung verspricht.
Schon seit der gesellschaftlichen Umstrukturierung im Zuge der Meiji-Restauration und der Öffnung des Landes gegenüber westlichen Einflüssen Mitte des 19. Jahrhunderts erfreuten sich in Japan die sogenannten Neuen Religionen immer wieder breiter Erfolgswellen, wovon die vielleicht populärste 1995 im Senfgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn mündete.
Das öffentliche und das wahre Gesicht
Wieso die Heilsversprechen dieser schätzungsweise an die 180.000 Religionsgemeinschaften dort vielen als Lichtblick auf einer Suche nach Sinn und zwischenmenschlicher Verbindung erschienen, versteht man nach der Lektüre von „Tokyo. Schwarzer Sommer“ schon etwas besser. „Kein Mensch interessierte sich für irgendeinen anderen draußen auf den Straßen“, konstatiert der Erzähler an einer Stelle, „ihre Beziehungen waren so lose und spärlich wie die zwischen trockenen Sandkörnern.“ Stoische Ruhe zeichnet diesen Erzähler aus, eine emotional maximal distanzierte Instanz der Vernunft, der methodisch Informationen zurückhält und sämtliche Figuren nicht nur kennt, sondern sie auch durchschaut, verurteilt und gelegentlich lächerlich macht.
So schält er nach und nach die Hautschichten des tatemae, in Japan das Konzept des stets auf Fassung und Harmonie bedachten öffentlichen Gesichts, ab, und lässt darunter das honne zutage treten, das wahre Gesicht seiner Figuren mit all ihren im Verborgenen gehaltenen Sehnsüchten und Gefühlswallungen. Männer, die sich eben noch unter erheblicher Anstrengung davon abhalten, in der Öffentlichkeit auch nur wütend mit der Zunge zu schnalzen, befinden sich kurz darauf geradewegs auf dem Abstieg in den Wahnsinn.
Weniger als an Effekt und Affekt scheint Tokuro Nukui dabei an Strukturen interessiert, pausiert immer wieder den Handlungsverlauf, um die Hierarchien innerhalb der japanischen Polizeibehörden zu erörtern: Wie deren Personalstrategie interne Reibereien begünstigt, wie sich die Beamten mit der Presse arrangieren und stets die Angst vor Gesichtsverlust die Arbeit und das Verhältnis unter Kollegen bestimmt.
Auf diese Weise bringt der Autor die beiden großen Schulen der japanischen Kriminalliteratur zusammen: Die sorgfältige Konstruktion eines Locked Room Mystery wie aus dem Goldenen Zeitalter des Detektivromans, komplett mit raffiniert in den Text eingewobenen Hinweisen und der abschließenden Auflösungsrede der Ermittlerfigur, trifft auf einen am Sozialrealismus geschulten Blick, welcher der japanischen Gesellschaft eine latente Kollektivpsychose diagnostiziert.
Tokuro Nukui: „Tokyo“. Schwarzer Sommer. Thriller. Aus dem Japanischen von Heike Patzschke. Lübbe Verlag, Köln 2026. 480 S., geb., 22,– €.

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