Neben dem Halberstädter Dom im historischen Kern steht das Wohnhaus des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Das Fachwerkhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert überlebte wie durch ein Wunder den Luftangriff am 8. April 1945, bei dem etwa 80 Prozent der Stadt zerstört wurden. Ein Glück, denn betritt man das Gleimhaus, eines der ältesten deutschen Literaturmuseen, wird man an eine Idee von Freundschaft erinnert, die in Zeiten zerfallener Öffentlichkeiten und weltweit erstarkender Nationalismen zunehmend in Vergessenheit gerät.
Gleim richtete sich als Kind des Aufklärungsjahrhunderts im ersten Stock seines Wohnhauses einen „Freundschaftstempel“ ein – eine Porträtgalerie mit den großen Geistern des achtzehnten Jahrhunderts: Lessing, Herder, Klopstock, Anna Louisa Karsch und Winckelmann. Freundschaften begriff Gleim als Lebenspraxis und wollte seine Freunde in ihrer Abwesenheit bildlich an der Wand versammelt haben.
Das Literaturmuseum Gleimhaus in Halberstadt (Landkreis Harz)dpaSein intellektueller Geistesgefährte Lessing verewigte sich sogar auf der Tapete in seinem „Hüttchen“, dem Gartenhäuschen und schrieb dorthin: „Dies in lite“ – Tage im Streit. Ein Zeugnis der Anerkennung für seinen langjährigen Freund und Gastgeber. Denn Lessing, so erinnerte Hannah Arendt 1959 in ihrer berühmten Preisrede „Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten“ an ihn, sei es im unaufhörlichen Sprechen über die Welt nie darum gegangen, Dissens zu vermeiden: „Er wollte vieler Menschen Freund, aber keines Menschen Bruder sein.“
Einen passenderen Schauplatz als Halberstadt hätte sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung für ihre Frühjahrstagung unter dem Titel „Freundschaft in Zeiten des Streits“ nicht aussuchen können. 54 Akademiemitglieder reisten am vergangenen Donnerstag in die doch sehr menschenleere Kreisstadt in Sachsen-Anhalt. Die anstehenden Landtagswahlen vom 6. September gaben der Akademie wieder einmal Anlass, genau hier über Freundschaft in ihrer politischen und öffentlichen Dimension zu diskutieren.
Am Geburtsort von Alexander Kluge
Mit Nachdruck verkündete der Staatsminister und Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt, Rainer Robra, im Harztheater Halberstadt am Eröffnungstag: „Unser Landesmotto bleibt #moderndenken. Wir wollen nicht, dass es durch #deutschdenken ersetzt wird.“ Halberstadt ist nicht nur Geburtsstätte eines neuen Freundschaftskultes des achtzehnten Jahrhunderts, sondern auch Geburtsort des im März verstorbenen Akademiemitglieds Alexander Kluge. Vor zwei Jahren noch hatte Kluge – der seit 2017 Ehrenbürger der Stadt Halberstadt ist – dem Gleimhaus die Ausstellung „Alexander Kluge – Enlightenment (= Aufklärung)“ zum Anlass des eigenen 92. Geburtstages ausgerichtet. Dass Kluge nun bei der diesjährigen Frühjahrstagung in seinem Geburtsort nicht mehr würde teilnehmen können, hat niemand vorhersehen können.
„Es war ganz klar, dass wir den ersten Abend mit ihm gemeinsam gestalten wollten“, stellte der Präsident der Akademie, Ingo Schulze, zu Beginn schmerzlich fest. Dem Universaldenker Kluge war der erste Tagungstag gewidmet: ein denkwürdiger und durchaus emotionaler Abend, den der Intendant des örtlichen Theaters, Johannes Rieger, musikalisch eröffnete. Dass Kluge wie nur wenige andere Intellektuelle in Deutschland einen Freundschaftsbegriff verkörperte, der den öffentlichen Streit, die Sackgassen und geistigen Umwege als Bedingung eines Gesprächs ansah, wurde in der Diskussion zwischen dem langjährigen Freund Kluges, dem Philosophen Joseph Vogl, und dem Journalisten Lothar Müller deutlich: Für Kluge habe es Freundschaft immer im Futur II gegeben: „Man wird irgendwann befreundet gewesen sein.“
„Die Menschheit“, so Gleim, „ist kein Schützenverein“
Freundschaft erfordere Geduld, einen offenen Zeithorizont und die Pflicht zur Sachlichkeit – was sie mit dem Aufklärungsideal des achtzehnten Jahrhunderts verbinde. Die Museumsdirektorin des Gleimhauses und Vorstandssprecherin des Deutschen Museumsverbandes, Ute Pott, erinnerte an die intensive Auseinandersetzung Kluges mit Gleim. Dessen friedensliebende Seite habe Kluge beschäftigt. In seinen Gleimminiaturen schrieb er: „Die Menschheit, so Gleim, ist kein Schützenverein und kein Soldatenkorps, sondern ein Bund verträglicher, durch Empathie miteinander verbundener Landpfleger oder Baumpfropfer.“
Wie weit dieser Leitsatz vom Zustand der Welt entfernt ist, trat am zweiten Tag mit aller Klarheit hervor, als es um deutsch-jüdische Verhältnisse ging. Radikale Kräfte und mit ihnen der Antisemitismus, so formulierte es der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, erstarkten in einem unerträglichen Maße. Umso wichtiger sei es, über kraftvolle Verbindungen zu sprechen, über das, was vereine. Bis zur NS-Zeit war Halberstadt Zentrum der jüdischen Neo-Orthodoxie. Wenn an diesem Ort von Freundschaft die Rede sei, müsse auch über die Bedingungen einer deutsch-jüdischen Freundschaft gesprochen werden, sagte der Akademiepräsident Schulze.
Ein gemeinsames Gespräch kam nicht wirklich zustande
Doch auf die Frage, wie ein gemeinsamer Dialog nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober aussehen könnte und sollte, gab es kontroverse Antworten. 1964 hatte Gershom Scholem in seinem berühmten Aufsatz „Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch“ bereits eine klare Antwort gegeben: Dieses Gespräch habe nie stattgefunden. Es sei einseitig von Juden geführt worden, die sich anpassten oder assimilierten. Und heute? Entgegen Scholem schlug der eingeladene israelische Philosoph Omri Boehm eine Neubetrachtung seiner These vor.
In Rekurs auf den Neukantianer Hermann Cohen verteidigt Boehm einen radikalen Universalismus, der die Möglichkeit einer deutsch-jüdischen Symbiose durchaus in Aussicht stellt. Bedauerlich, dass die Literaturwissenschaftlerin Irène Heidelberger-Leonard nicht wie geplant kommen konnte, um mit dem Philosophen und der Sozialwissenschaftlerin Elke-Vera Kotowski anschließend zu diskutieren. Ein gemeinsames Gespräch, ein konstruktiver Streit zwischen Boehm und Kotowski kam nicht wirklich zustande; ihre Positionen fanden kein Gegenüber.
„Noch nie ist politische Freundschaft zwischen den Völkern in so weite Ferne gerückt“
Auch nicht, als Boehm die deutsche Israelpolitik kritisierte und die Staatsräson als Gegenteil von Freundschaft auswies. Ingo Schulze las stellvertretend Heidelberger-Leonards Vortrag, in dem sie zu einem finsteren Schluss kommt: Scholems Diagnose bestätige sich heute wieder einmal, Deutschland schwanke weiterhin zwischen versuchter Nähe und eklatantem Scheitern, so Heidelberger-Leonard. „Noch nie ist politische Freundschaft zwischen den Völkern in so weite Ferne gerückt, noch nie ist sie so vonnöten gewesen.“ An Gesprächsstoff mangelte es den Akademiemitgliedern anschließend dann doch nicht – diskutiert wurde bis in die Nacht in der eher bescheiden ausgestatteten Hotelbar.
Hiroshi Yamamoto erhält Friedrich Gundolf-PreisDeutsche Akademie für Sprache und Dichtung/Facebook
Ulrich Blumenbach erhält Johann-Heinrich-Voß-Preis für ÜbersetzungprivatHier kam die Freundschaftspraxis trotzdem nicht zu kurz. Der Coup der Tagung ließ bis zum dritten Tag auf sich warten, als internationale Stimmen der Akademie im Gleimhaus gemeinsam um Antworten rangen auf die groß aufgezogene Mottofrage, was Freundschaft in Zeiten des Streits in all ihrer Widersprüchlichkeit bedeute. Die belarussische Übersetzerin und Essayistin Iryna Herasimovich etwa sprach von der Erfahrung im Exil als einer Verdichtung des Lebens. Das Exil zwinge zur Präzision, es konzentriere den Blick auf jene Freundschaften, die im gemeinsamen Handeln gelebt werden: „Alle anderen fallen ab, aus Mangel an Wirklichkeit eben.“
Der britische Dichter Jeremy Adler erzählte von seinem Vater und Schoa-Überlebenden H. G. Adler: „Wollte man überleben, musste man innige Freundschaften schließen“, sagte Adler. Die Dokumentation seines Vaters über das Lager in Theresienstadt konnte nur unter dem Einsatz hochriskanter Freundschaftsbeziehungen überliefert werden, durch Menschen, die füreinander ihr Leben riskierten. Von Verrat und Brüchen berichtete der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký, der elf Jahre lang in dem tschechischen Dichter und Philosophen Egon Bondy einen Freund und Seelenverwandten fand – 2025 wurden Bondys Staatssicherheitsakten vollständig publiziert: Jahrzehntelang hatte er seine Freunde bis zu deren beruflicher und seelischer Zersetzung bespitzelt.
Überzeugend war auch die anschließende Diskussion; sie hallte nach bis in die Kirchengemäuer von St. Martini, zur Vergabe des Johann-Heinrich-Voß-Preises für Übersetzung an Ulrich Blumenbach und des Friedrich Gundolf-Preises für die Vermittlung deutscher Kultur ins Ausland an Hiroshi Yamamoto.

vor 15 Stunden
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