Sie gilt als die beste deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die den erstrebten Titel nicht geholt hat: Das Team, das der DFB im Sommer 1994 zur Weltmeisterschaft in die USA schickte, gehörte zum engsten Favoritenkreis. Es war eine Ansammlung von amtierenden Weltmeistern und aufstrebenden Nachwuchskräften wie Stefan Effenberg und Matthias Sammer. Sehr viele Namen des Kaders sind nicht nur ausgewiesenen Fußballexperten noch heute geläufig.
Auch deshalb ist zumindest denjenigen, die damals sechs Jahre oder älter waren, das Ausscheiden im Viertelfinale gegen den krassen Außenseiter Bulgarien in lebhafter Erinnerung. So sehr, dass viele die Schützen der Gegentore im Schlaf hersagen können: Nach einem Freistoß von Hristo Stoichkov und einem Kopfball von Yordan Lechkov war die Reise beendet.
Hinter den Kulissen eines Turnierdramas
In Erinnerung ist auch noch der Stinkefinger, den Effenberg deutschen Fans gezeigt hatte, nachdem diese ihn während des Gruppenspiels gegen Südkorea in der brütenden Hitze von Dallas beschimpft hatten. Effenberg, der sich für seine Geste nicht entschuldigen wollte, wurde vom DFB-Präsidenten Egidius Braun und Bundestrainer Berti Vogts nach Hause geschickt.
Über diese WM hat die ARD nun die vierteilige Dokumentation „Elf Helden – Ein Albtraum“ gedreht, die in der Mediathek abrufbar ist. Zusammen ziemlich genau 180 Minuten einem Turnier zum Vergessen zu widmen, ist eine mutige Entscheidung. Für Gelegenheitsfans empfiehlt es sich daher, die neunzigminütige Version zu schauen, die die ARD nach dem ersten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft am 14. Juni zeigt.
Wer dagegen im Detail verstehen möchte, wie es zum für damalige Verhältnisse frühen Ausscheiden kam, dem sei die Langversion ans Herz gelegt. Der Regisseur Manfred Oldenburg und sein Team lassen nach bewährtem Muster eine illustre Schar von Spielern, Zeitzeugen und Experten zu Wort kommen; ihre Berichte und Einschätzungen werden durch Szenen aus Spielen und durch TV-Ausschnitte aus jener Zeit ergänzt.
Augenzeuge der Verteidigung: Stefan Effenberg lässt auf Vogts wenig kommen.NDREs wird klar, dass das Scheitern viele Ursachen hatte: Eine ausgeprägte Überheblichkeit gehörte dazu. Nach dem Sieg über Belgien im Achtelfinale sprach man in der Mannschaft schon über das erwartete Finale gegen Brasilien, wie Jürgen Klinsmann und Thomas Strunz offen einräumen. Mit dem Training nahm man es nicht so genau, die morgendliche Golfrunde war den Spielern wichtiger. In einer der interessantesten Szenen der Dokumentation berichtet Stoichkov, wie genau er sich auf die Deutschen vorbereitet hatte: Weil er wusste, dass Völler in der Freistoßmauer früh und nicht besonders hoch sprang, zwirbelte er seinen Schuss über die Locken des Stürmers ins Tor.
Im Tor stand regungslos Bodo Illgner, der schon zuvor extrem schwach gehalten hatte. Was wiederum, so legen es nicht nur die Schilderungen seiner einstigen Mannschaftskameraden nahe, daran lag, dass er sich von seiner bestimmenden und wichtigtuerischen Ehefrau in einen Konflikt mit Berti Vogts treiben ließ – mit zersetzender Wirkung auf den Teamgeist. Es ist traurig und entlarvend zu sehen, wie selbstgerecht und oberflächlich die Illgners heute noch über ihre Rolle sprechen.
Die biedere Fassade seines Tormanns hatte Vogts offenbar dazu gebracht, ihm besonders zu vertrauen. Wie Vogts überhaupt kein besonders guter Menschenkenner zu sein scheint. Anders als Filmemacher Oldenburg, dem das Kunststück gelingt, ein ausgewogenes Charakterbild des damaligen Bundestrainers zu zeichnen, in dem sich Naivität und Idealismus, Nachgiebigkeit und Härte, Nahbarkeit und Schroffheit, Unsicherheit und Sendungsbewusstsein auf komplizierte Weise mischen.
Eine Frage für alle: Wie hast du es mit Vogts gehalten?
Entscheidend ist der Kern: Vogts ist ein grundanständiger Kerl, der die Tugenden von Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit über alles stellt. Und ein exzellenter Fußballkenner dazu. Effenberg, der in seinen wenigen Sätzen einen überaus klugen Eindruck macht, nennt ihn einen der besten Bundestrainer, die Deutschland je hatte.
Andere haben die Biederkeit Vogts' dagegen für ihre Zwecke auszunutzen gesucht. Der Kaiser etwa, man muss es so hart sagen, agierte niederträchtig. Der strahlende Volksheld Franz Beckenbauer machte seinem Nachfolger im Amt des Bundestrainers das Leben so schwer, wie es nur ging. Er gab als Fernseh-Experte vor Ort während des Turniers ständig unerbetene Ratschläge. Und als darüber spekuliert wurde, ob ein Spieler von Inter Mailand mit Nachnamen Berti zu Bayern München wechseln würde, sprach Beckenbauer vor der versammelten Presse: „Ein Berti reicht“. Und dann lachte er über seinen eigenen schlechten Namensscherz.

Das Problem für den Bundes-Berti war, wie viele mitgelacht und sich auch sonst am Erniedrigungsspiel beteiligt haben. Der unsägliche junge Viva-Moderator Stefan Raab mit seinem Song „Böörti Böörti Vogts“ etwa. Ganz vorne dabei war auch die „Bild“-Zeitung, die Beckenbauer sehr nahe stand.
Es ist der legendäre Fußballkommentator Marcel Reif, der Ross und Reiter nennt: Beckenbauer sei die treibende Kraft in der Herabsetzung von Vogts gewesen, nicht die „Bild“ (deren damaliger stellvertretender Chefredakteur Alfred Draxler sich im Gespräch von einigen seiner Formulierungen distanziert). Reif hat aber auch die Größe, sich zu fragen, ob er selbst immer den richtigen Ton getroffen hat. Eine Frage, die sich wohl jeder damalige Fußballfan in einer ruhigen Minute stellen sollte.
Klugerweise haben sich die Macher der Dokumentation dazu entschieden, auch der Europameisterschaft von 1996, als Vogts die Nationalmannschaft in England zum Titel coachte, breiten Raum zu geben. Die Euro 1996, bei der die Mannschaft zum vorerst vorletzten Mal einen wichtigen Titel gewann, ist die Pointe der WM von 1994. Vogts, der von Kanzler Helmut Kohl erfolgreich zum Durchhalten aufgefordert worden war („Wir brauchen dich!“), hatte aus seinen Fehlern gelernt und eine Mannschaft nach seinen charakterlichen Vorstellungen zusammengestellt, deren Führungsspieler wie Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer Teamgeist vorlebten. Egoisten wie Illgner und „Bild“-Intimi wie Lothar Matthäus blieben außen vor.
Die erfolgreiche Kehrtwende innerhalb kurzer Zeit stellt allerdings auch die Plausibilität von Überlegungen in Frage, enge Verbindungen zwischen Auftreten der jeweiligen Mannschaft und der gesellschaftlichen Stimmung im Lande herzustellen. Dass Berti Vogts nach einem langen Gespräch Verständnis für die Prägung Sammers durch dessen Erziehung in der DDR entwickelte, prägte das Verhältnis der beiden und half dadurch der Mannschaft von 1996. Aber eine solche Annäherung zwischen Ost und West fand im Großen eben nicht statt.
Elf Helden – Ein Albtraum läuft als vierteilige Dokuserie in der ARD-Mediathek. Am 14. Juni als Neunzigminüter im Ersten nach dem Spiel der deutschen Mannschaft.

vor 14 Stunden
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