Bei der Berliner Buchvorstellung von Alison Bechdels Comicroman „Spent“ (deutsch bei Reprodukt unter dem Titel „Kaputt“), die der Kreuzberger Comicladen Modern Graphics im Club SO36 auf der gegenüberliegenden Seite der Oranienstraße veranstaltete, fand das Gespräch mit der Autorin auf Englisch und die Lesung aus dem Buch auf Deutsch statt. Für das Vorlesen oder schöner gesagt das mündliche Ausfüllen der Sprechblasen war die Schauspielerin Nina Weniger gewonnen worden. Sie wurde vom Publikum, das zu etwa 95 Prozent als weiblich zu lesen war, fast ebenso laut bejubelt wie Alison Bechdel. Die Moderatorin Manuela Kay erklärte der weltberühmten Comicschöpferin aus den Vereinigten Staaten, wofür Nina Weniger berühmt ist: Sie ist Sonja aus „Kommt Mausi raus?!“. Erklärt werden musste Alison Bechdel, die zum ersten Mal Deutschland besuchte, auch, was „Kommt Mausi raus?!“ ist. Manuela Kay beschrieb den „‚Kommt Mausi raus?!‘-Effekt“: Es war der erste Film im deutschen Fernsehen, der zur Hauptsendezeit von lesbischer Liebe mit glücklichem Ausgang erzählte – ausgestrahlt am 7. Juni 1995.
Eine Szene zeigt, wie Mausi alias Kati, gespielt von Julia Richter, als Studentin in einer Hamburger Buchhandlung verschämt einen Coming-Out-Ratgeber kauft. Eine ähnliche Szene kommt in Alison Bechdels gezeichnetem Memoirenbuch „Fun Home“ aus dem 2006 vor, mit dem die Autorin ein großes Publikum weit jenseits der Stammkundschaft von Frauenbuchläden erreichte. Die deutsche Übersetzung kam 2008 bei Kiepenheuer und Witsch heraus, in einem der wichtigsten Literaturverlage; einer der Übersetzer war Denis Scheck.
Aus der allerkürzesten Inhaltsangabe von „Kommt Mausi raus?!“ ergibt sich auch, dass der Film den Bechdel-Test mit fliegenden Regenbogenfahnen besteht beziehungsweise dass man den Bechdel-Test auf den Film gar nicht erst anwenden muss. Der Test hat die Form einer dreiteiligen Frage: Gibt es in einem Film (erstens) zwei weibliche Figuren, die sich (zweitens) unterhalten, und zwar (drittens) über etwas anderes als einen Mann? Nach diesem nach ihr benannten Werkzeug der Kritik der populären Kultur, das selbst in die populäre Kultur eingegangen ist, wird Alison Bechdel in Publikumsgesprächen fast immer gefragt. So jetzt auch in Berlin. Sie sagte, dass es ihr zuerst etwas unangenehm gewesen sei, ständig quasi als Patentinhaberin angesprochen zu werden, wo der Test doch eigentlich nur ein Witz gewesen sei, den sie überdies einer Freundin geklaut habe, im Jahr 1985, „lange bevor viele von euch geboren wurden“.
Die Lebensform der Wohngemeinschaft
In einer Folge von Bechdels Comicstrip „Dykes to Watch Out for“ mit dem Titel „The Rule“ wird die außerhalb der Comicwelt dann als Test bezeichnete Frage von einer Figur als Auswahlregel für die Planung eines Kinobesuchs eingeführt und von deren Gesprächspartnerin als triftig, aber streng qualifiziert. Die Pointe ist, dass nach „Alien“, der 1979 ins Kino gekommen war, kein Film den Test bestanden hatte. 1985 war erst das dritte Jahr des Strips, den Bechdel bis 2008 fortsetzte. Die Testentwicklerin war damals noch namenlos. Später wurde sie als Ginger angesprochen, und unter diesem Namen tritt sie jetzt im Roman „Spent“ wieder auf, der einige Hauptfiguren des Strips aus dem einstweiligen Ruhestand zurückholt. Die Strenge, mit der Ginger sich für eine regelbasierte Sozialordnung einsetzt, die mit der Sortierung der eigenen Präferenzen anfängt, muss sich in der Lebensform der Wohngemeinschaft und im Beruf der College-Professorin bewähren.
Gut besucht: Alison Bechdels Lesung im Kreuzberger Club SO36ReproduktAls Ginger schon Ginger hieß, ungefähr zu der Zeit, als „Kommt Mausi raus?!“ in der ARD gesendet wurde, besuchte Alison Bechdel mit ihrer damaligen Partnerin Montreal. Sie kamen bei einer Frau unter, die sich jetzt im SO36 aus dem Publikum zu Wort meldete und ihre damalige Besucherin an den Besuch erinnerte. Sie hatten „Pictionary“ gespielt, ein Gesellschaftsspiel nach dem Muster der Scharade, bei dem aufgrund von schnell hingeworfenen Zeichnungen ein Wort erraten werden muss. Vor dem ganzen Saal machte sie ihr dann das Kompliment, dass Bechdel ihr Leben verändert habe. Das war nicht der schwärmerische Gemeinplatz, wie er Kultautorinnen bei jeder Signierstunde begegnet und Rhea Seehorn in der Serie „Pluribus“ in die Menschenfeindschaft treibt. Der Gemeinplatz mag in den meisten Fällen gar nicht unwahr sein, aber er beschreibt in der Regel ein vages inneres Geschehen, zu dem sich die Künstlerin, deren Werk es ausgelöst haben soll, in gar kein Verhältnis setzen kann. Die Kanadierin hingegen erzählte von ihrem politischen Engagement, in dem ihr inneres Leben den für sie befriedigenden Ausdruck fand – mit Alison Bechdels Hilfe.
Die Denkerin war zu plakativ
Sie arbeitete in Montreal damals an der Concordia University und gehörte zu den Gründerinnen einer lesbischen Frauengruppe. Für ihren Club suchten sie noch ein Emblem. Ihre damalige Partnerin, eine Deutsche, hatte ein Plakat aus München mitgebracht. Das Motiv war eine Parodie auf Rodin: die Denkerin. In seiner Bündigkeit wirkte das Bild perfekt, aber bei reflektierter Betrachtung erwies es sich als zu bündig. Konnte eine weiße Frau die Gruppe repräsentieren und vor allem auch diejenigen, die der Gruppe beigetreten waren? Bei den „Dykes to Watch Out for“ gab es mit Ginger schon eine dunkelhäutige Hauptfigur. So fasste die Unifrauengemeinschaftsorganisatorin sich ein Herz und bat den damals in ihren Kreisen schon berühmten Gast um eine Zeichnung für ein Plakat, obwohl sie nichts dafür bezahlen konnte. Und Alison Bechdels Geschenk erfüllte durch Vervielfältigung seinen Zweck, Pluralisierung sichtbar zu machen und weiter zu befördern: „Wir wurden eine total gemischte Koalition. Wir hatten schwarze Lesben, asiatische Lesben, jüdische Lesben. Und das kam so wegen deiner Zeichnung.“ Alison Bechdel war gerührt und mit ihr der Saal und die Moderatorin. „Das ist verrückt.“ Leider haben sich die Zeichnungen vom „Pictionary“-Block in Montreal offenbar nicht erhalten. „Die Welt ist klein.“
Alison Bechdel mit Gesa Ufer beim Berliner Salon der Graphischen Literatur. Die an die Wand projizierte Szene aus „Kaputt“ zeigt einen Farbanschlag junger Klimaaktivisten im Naturhistorischen Museum von Vermont.ReproduktAuch das war mehr als ein Gemeinplatz. Die lesbische Gemeinschaft war und ist noch stärker auf wechselseitige Selbsthilfe angewiesen als die Schwulen oder andere Minderheiten. Und für Künstlerinnen, die marktstrategisch betrachtet ein Nischen- oder Schubladenangebot liefern, sind Honorare und Reisekostenübernahme noch viel weniger selbstverständlich als in anderen Segmenten ihres ohnehin mit Selbstausbeutung kalkulierenden Metiers. Die alltägliche Infrastruktur ist überlebenswichtig. Und genau das ist das Thema von „Spent“, und auch deshalb geht es in dem Roman so viel um Geld, um das Geld, das die Heldin, die denselben Namen und Beruf hat wie die Autorin, mit einem autobiographischen Comic über ihre skurrilen, makabren, schmerzhaft individuellen Erfahrungen in ihrer Familie verdient hat, die aber gerade in dieser Seltsamkeit etwas Verallgemeinerbares oder besser etwas unmittelbar schon Allgemeines haben. Im Roman wurde aus „Death & Taxidermy“ eine Serie gemacht, in der Wirklichkeit aus „Fun Home“ ein Musical.
Ob der Romantitel mit „Kaputt“ gut übersetzt ist, wurde in Berlin als Frage in den Raum gestellt. Die Totalschadensmitteilung trifft sicher die Stimmung der Autorin, wenn sie über die Lebensumstände spricht, die das Trump-Regime ihren Figuren aufzwingt. Mit Bezug auf das Finanzthema wäre „Blank“ näher am Original. Oder „Verausgabt“. In jedem Fall ist der Titel sarkastisch zu verstehen. Die auf dem Titelbild gezeigten Personen mögen sich erschöpft fühlen. Unerschöpft ist der Reichtum einer Lebenswelt, die sich nicht ausreden lassen kann, dass das Persönliche politisch ist.

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