Zahlen, bitte! 84 mm große Mondfigur zum Gedenken der Opfer der Raumfahrt

vor 1 Tag 1

Der Flug ins Weltall ist gefährlich. Man mag das fast vergessen, wenn man Weltraummissionen erlebt wie Artemis 2, deren zehntägiger Flug am Mond vorbei die Menschen begeisterte und fast ohne Schwierigkeiten verlief. Was es für Konsequenzen haben kann, wenn etwas schiefgeht, zeigte sich, als die Blue-Origin-Rakete bei einem Triebwerkstest explodierte:

Die komplett zerstörte Schwerlastrakete könnte den Zeitplan der weiteren Artemis-Missionen durcheinander wirbeln. Zum Glück ist bei der Explosion niemand verletzt worden.

Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Seit 1961 Juri Gagarin die bemannte Raumfahrt einleitete, mussten jedoch viele Astronautinnen und Astronauten ihr Streben ins All mit dem Leben bezahlen. Mit Apollo 15 hinterließ die NASA diesen Menschen auf dem Mond ein Kunstwerk zum Gedenken.

The Fallen Astronaut - Die Skulptur auf dem Mond (5 Bilder)

Der belgische Space-Art-Künstler Paul Van Hoeydonck (* 8. Oktober 1925 in Antwerpen; † 3. Mai 2025 in Wijnegem) schuf den Fallen Astronaut. Er ist hier im Jahr 2019 zu sehen. (Bild:

Paul Van Welden, CC BY-SA 4.0

)

Am 2. August 1971 legte Astronaut David R. Scott um 12:18 Uhr (GMT) eine 84 Millimeter große Aluminiumskulptur in den Mondstaub: eine Figur ähnlich einem Astronaut. Daneben platzierte Apollo-15-Kommandant eine kleine Gedenktafel mit 14 gestorbenen Raumfahrern: Die Namen von acht US-Astronauten und – mitten im Kalten Krieg – sechs sowjetische Kosmonauten wurden auf der Gedenktafel verewigt.

Es war das erste und bisher einzige Kunstwerk, welches auf einem anderen Himmelskörper hinterlassen wurde, zumindest aus irdischer Hand. Eigentlich hätte das den Künstler glücklich mache müssen. Aber die Zeremonie war der Ausgangspunkt für Streit zwischen ihm, der NASA und der Apollo-15-Crew und hatte schwerwiegende Konsequenzen.

Die Inspiration für die Mondskulptur bekam der belgische Künstler in einer New Yorker Galerie. Van Hoeydonck, der sich in den 1960er Jahren durch seine „Space Art“-Skulpturen einen gewissen Namen gemacht hatte, wurde in seiner Ausstellung durch die Galeristin Louise Tolliver Deutschman mit einer auf den ersten Blick verrückten Idee konfrontiert. 1969 fragte sie: „Warum stellen wir nicht eine von Paul’s Skulpturen auf dem Mond auf?“

„Bist du völlig verrückt?“, entgegnete Hoeydonck, „wie sollen wir das überhaupt anstellen?“ Deutschman antwortete „Ich weiß es nicht, aber ich werde schon einen Weg finden.“ Deutschman blieb hartnäckig. Hoeydonck reiste nach Cape Kennedy um mit der NASA oder den Astronauten seine Idee zu besprechen. Doch er biss auf Granit: Die NASA selbst lehnte die Idee strikt ab und die Astronauten-Crews wurden abgeschirmt.

Erst ein mysteriöser Mittelsmann, den alle nur the Messenger nannten und erst Jahrzehnte später als Danny Lawler bekannt wurde, brachte die Apollo-15-Crew und van Hoeydonck zusammen. In einem Diner fand der Künstler drei Fürsprecher für die Aktion. Er war begeistert und machte sich sofort daran, einen Entwurf zu entwickeln.

Die Figur hatte einige Vorgaben: Sie musste klein und leicht sein, es durfte weder ein Geschlecht noch eine Ethnie oder Hautfarbe erkennbar sein. Außerdem musste sie Temperaturunterschiede zwischen Mondnächten von –180 °C und Mondtagen bis +130 °C aushalten.

Heraus kam eine 84 Millimeter große Aluminiumfigur im stilisierten Raumanzug. Eine vom Künstler gewollte Acrylummantlung wurde von der NASA aus Brandschutzgründen verboten und während der Mission wurde das Ablegen der Figur geheim gehalten, erst nach der Mission wurde es bekannt gegeben.

Scott selbst bewegte die Zeremonie – die acht gestorbenen Astronauten kannte er persönlich und bezeichnete sie als Freunde.

Mit der Zeremonie begannen die Probleme. Van Hoeydonck wollte ursprünglich positives Zeichen für die Menschheit setzen. Die Idee, getötete Astronauten zu ehren, wurde unabhängig von ihm getroffen. Die Idee reifte vermutlich, als kurz nach dem Treffen van Hoeydoncks mit der Apollo-15-Crew drei Kosmonauten der Sojus-11-Mission starben – zudem waren bei einem Test von Apollo 1 drei Astronauten in der Apollo-Kapsel verbrannt. Auch wurde die Skulptur ohne seine Zustimmung von der Apollo-15-Crew „Fallen Astronaut“ getauft.

Diese Astronauten und Kosmonauten wurden auf der Gedenktafel aufgeführt.

  • Charles Bassett († 28. Februar 1966, Flugzeugabsturz)
  • Pawel Beljajew († 10. Januar 1970, Tod nach einer Bauchfellentzündung)
  • Roger B.Chaffee († 27. Januar 1967, Brand von Apollo 1)
  • Georgi Dobrowolski († 30. Juni 1971, Kabinendruckabfall beim Landeanflug mit Sojus 11)
  • Theodore Freeman († 31. Oktober 1964, Flugzeugabsturz))
  • Juri Gagarin († 27. März 1968, Flugzeugabsturz)
  • Edward Givens († 6. Juni 1967, Autounfall)
  • Gus Grissom († 27. Januar 1967, Brand von Apollo 1)
  • Wladimir Komarow († 24. April 1967, Fallschirmunfall beim Landevorgang mit Sojus 1)
  • Wiktor Pazajew († 30. Juni 1971, Kabinendruckabfall beim Landeanflug mit Sojus 11)
  • Elliot See († 28. Februar 1966, Flugzeugabsturz)
  • Wladislaw Wolkow († 30. Juni 1971, Kabinendruckabfall beim Landeanflug mit Sojus 11)
  • Edward White († 27. Januar 1967, Brand von Apollo 1)
  • Clifton Williams († 5. Oktober 1967, Flugzeugabsturz)

Zu allem Überfluss sollte er als Künstler vorerst geheim bleiben. Das hatte absurde Konsequenzen: Das Smitshonian-Museum wollte eine Kopie davon ausstellen und wandte sich an die Apollo-15-Crew. Die baten ihn wiederum zwei Kopien anzufertigen, was ihn besonders ärgerte, da er sich in dem Auftrag als Handlanger und nicht als Künstler gewürdigt fühlte.

Im Rahmen von Apollo 16 veröffentlichte Van Hoeydonck seine Urheberschaft als Künstler der Skulptur und kündigte an, dass er 950 Replika anfertigen wolle, die für je 750 US-Dollar zu haben seien. Das wiederum erzürnte Dave R. Scott, weil das nie abgesprochen gewesen sei und er dem Künstler vorwarf, persönlich von der symbolischen Geste zu profitieren.

Die Crew von Apollo 15 geriet aber selbst in die Kritik, als herauskam, dass sie 641 Umschläge zum Mond brachten und dort stempelten, die dann an einen deutschen Sammler für 21.000 Dollar weiterverkauft werden sollten. Als die US-Öffentlichkeit und die NASA davon Wind bekamen, war der Skandal perfekt.

Die US-Justiz ermittelte, die NASA stellte der Crew unangenehme Fragen und plötzlich war auch die Skulptur in den Streit hineingetreten, obwohl sie nichts damit zu tun hatte. Außerdem geriet der Künstler in die Kritik, mit einem Mahnmal für getötete Astronauten Geld verdienen zu wollen.

Zwar war es für die Apollo-Astronauten nichts Ungewöhnliches, Erinnerungsstücke mitzunehmen und damit vielleicht den einen oder anderen Dollar zu verdienen, aber inmitten von Vietnamkriegs-Wirren und Watergate-Affäre reagierte die US-amerikanische Öffentlichkeit aufgebracht.

Zwar stellte die Staatsanwaltschaft 1978 die Ermittlungen ein und die NASA gab den Astronauten später die Briefumschläge zurück, aber dennoch hatte die Affäre in Verbindung mit dem Streit zwischen Künstler und Crew für böses Blut gesorgt. US-amerikanische Käufer mieden Van Hoeydoncks Kunst und 1974 meldete die Galerie Konkurs an. Wütend kehrte der Künstler nach Belgien zurück.

Mit der Zeit verflog die Aufregung und zum 50. Jubiläum der Mondlandung verkaufte 2019 Van Hoeydonk mit „Man in Space“ seine ursprüngliche Idee einer Mondfigur. Und bis in alle Ewigkeit mahnt auf dem Erdtrabanten eine 84 Millimeter große Figur, dass die Exploration ins All bis heute Menschenleben fordert, deren Opfer es zu würdigen gilt.

(mawi)

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