Manche Eltern mögen ihre Kinder nach wie vor mit Stubenarrest oder Handyverbot bestrafen – doch sollten sie damit versuchen, ihre Kinder zu ehrlicheren Menschen zu erziehen, dürfte das nach hinten losgehen. Denn Kinder schummeln und lügen eher, wenn sie übermäßig streng und strafend erzogen werden. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der National University of Singapore.
Für die kürzlich im Fachmagazin »Child Development« veröffentlichte Studie untersuchten die Forschenden 479 Familien aus Singapur. Singapur eignet sich den Forschenden zufolge gut für ihr Thema, weil dort eine strenge, auf Gehorsam ausgerichtete Erziehung und körperliche Bestrafungen nach wie vor verbreitet seien. Wie streng die Eltern ihre Kinder erzogen, erfassten sie mithilfe eines Fragebogens, als die Kinder etwa viereinhalb Jahre alt waren. Dazu zählten die Wissenschaftler etwa, wenn Eltern ihre Kinder stark kontrollieren oder wenn sie harte Disziplin einfordern, ohne ihre Vorschriften zu erklären.
Anderthalb Jahre später erhob das Team das Schummelverhalten der Kinder mithilfe eines Dartspiels. Dabei sollten Kinder dreimal auf eine Dartscheibe werfen und hinter einer markierten Linie stehen bleiben, auch, als der Versuchsleiter den Raum verließ. Verstieß das Kind gegen die Regeln, etwa indem es näher an die Scheibe trat oder öfter warf, werteten die Forschenden dies als Betrugsversuch. 61 Prozent der Kinder schummelten bei dem Versuch; von diesen logen zudem 66 Prozent über ihren Betrug.
Dabei konnten die Forschenden einen statistischen Zusammenhang festmachen: Bei einem autoritären Erziehungsstil des Vaters schummelten die Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit. »Eltern mögen zwar glauben, dass dieser Ansatz Disziplin vermittelt, doch unsere Forschung zeigt, dass er die Verinnerlichung moralischer Werte bei Kindern tatsächlich untergraben kann«, sagt die Professorin Ding Xiao Pan in einer Mitteilung .
Kritischer mit sich selbst
Die Forschenden fanden dabei einen erklärenden Faktor: Kinder, die strenger erzogen werden, neigen dazu, kritischer mit sich selbst zu sein. Dies erfasste das Team mit einer Zeichenaufgabe, als die Kinder viereinhalb Jahre alt waren. Dabei beobachteten die Wissenschaftler, wie negativ oder unzufrieden sich die Kinder während ihrer Aufgabe äußerten oder ob sie ihre Zeichnung ausradierten.
Strenge Erziehung führe nicht direkt zu Unehrlichkeit, sondern sie verändere zuerst die Selbstwahrnehmung der Kinder, erklären die Forschenden: Streng erzogene Kinder »neigen eher dazu, dysfunktionale Überzeugungen wie ›Ich muss gut sein, um gemocht zu werden‹ oder ›Ich darf keine Fehler machen‹ zu verinnerlichen. Sie greifen dann möglicherweise zu Lügen, um diesen unrealistischen Erwartungen gerecht zu werden oder weitere Bestrafungen zu vermeiden«, erklärt die Doktorandin Liwen Yu.
Die aktuelle Studie kam damit zu ähnlichen Ergebnissen wie eine im vergangenen Jahr erschienene Arbeit der Forschenden. Das Team weist darauf hin, dass unehrliches Verhalten von weiteren Faktoren beeinflusst werde, etwa von der kognitiven Entwicklung oder sozialen Faktoren. Gleichwohl seien die Belege für den konstatierten Zusammenhang in beiden Studien deutlich.

vor 1 Stunde
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