Nichts, meinte Hans Werner Henze einmal, „erträgt die Musik schlechter als Einschränkungen“, weshalb er sich mit seiner Kunst explizit gegen die nach dem Krieg für lange Zeit tonangebende Avantgarde der Serialisten wandte. Ihnen stellte er eine ganz andere Ästhetik entgegen: „Meine Musik ist impura (…). Sie will nicht sauber sein, sie ist ‚befleckt‘: mit Schwächen, Nachteilen und Unvollkommenheiten“, vor allem aber bedient sie sich aus dem reichen Fundus der Musikgeschichte und schließt Tradition nicht aus, sondern ein. Dass bei dem klug disponierten Konzert, mit dem „Hans Werner Henze zu Ehren“ im Herkulessaal der Münchner Residenz die Saison der Reihe Musica Viva zu Ende ging, neue Werke von Lisa Streich und Jüri Reinvere vorgestellt wurden, war also stimmig, entziehen sich doch beide auf je eigene Art einem ästhetischen Rigorismus und bauen, mit Mahler gesprochen, mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt auf.
Die Streicher zeichnen ein Porträt des Kaisers
Henze, dessen hundertster Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, stellte seiner „Allegoria per musica“ mit dem Titel „Heliogabalus Imperator“ vier Verse aus Stefan Georges Gedichtzyklus „Algabal“ (1892) voran und schildert Ankunft und Herrschaft, Fall und Ermordung eines Kaisers, der wie kein anderer zum Sinnbild dekadenter Herrschaft wurde. „Sieh ich bin zart wie eine apfelblüte / Und friedenfroher denn ein neues lamm – / Doch liegen eisen stein und feuerschwamm / Gefährlich in erschüttertem gemüte.“ Dieser Imperator trägt verschiedene Möglichkeiten des Seins in sich, und seine apfelblütenzarte Schönheit ist nichts als des Schrecklichen Anfang. Die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks hatten unter der souveränen Leitung von Matthias Pintscher hörbares Vergnügen daran, diese Extreme lustvoll auszuspielen, wenn Henze etwa mit solistischen Streichern ein Porträt des Kaisers zeichnet oder mit marschähnlichen Passagen den gewaltsamen Tod Algabals evoziert. Die opulente Klangmasse des riesigen Orchesterapparates kann dabei jederzeit ins Exzessive umschlagen: Die Pracht wird zur Groteske, Schönheit kippt ins Bedrohliche.
„Black Swan“: Tamara Stefanovich am Klavier mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, geleitet von Matthias PintscherAstrid AckermannNicht vom Exzess, aber vom atmosphärisch Dunklen geradeso wie vom Kitsch ist die Schönheit bedroht, die Lisa Streich in ihrem Klavierkonzert „Black Swan“ erklingen lässt. Die 1985 in Schweden geborene Komponistin charakterisiert ihr knapp halbstündiges Werk, das zu Beginn des Jahres in Kansas City uraufgeführt wurde, selbst als „romantisch“, das heißt: „klanglich rauschhaft, voll, süffig“. Über der einstimmigen, schlichten Dur-Melodie, mit der ihr Konzert beginnt, ist als Spielanweisung vermerkt: „Postcards from heaven“, und wirklich tupft die Solistin Tamara Stefanovich die Töne mit ihrem Ringfinger so delikat auf den Untergrund einer warm wabernden Klangfläche der Streicher, dass man an Tautropfen denken mag, die auf moosigen Boden herniederregnen. Mikrotonale Eintrübungen lassen die Atmosphäre bald ins Unheimliche umschlagen, wobei Corrugaphone (propellerartig geschwungene gewellte Plastikrohre) der Stimmung eine schon fast mythische Aura verleihen.
Die wellenartig aufsteigenden Läufe der Solistin, die, vom Orchester in wechselnder Dynamik begleitet, immer wiederkehren, wirken dann wie endlos anbrandende Meereswogen: monoton, aber nicht langweilig, einander ähnlich und doch nie ganz identisch. Wenn sich am Ende des Konzerts Matthias Pintscher zur Pianistin setzt und selbst die Anfangsmelodie im Diskant wiederholt, zeigt sich, dass die Schönheit dieser Musik, wenn überhaupt, so nur um Haaresbreite vom Kitsch getrennt ist. Im Mittleren Westen der USA, so erzählte die Komponistin, habe das Publikum bei der Uraufführung in diesem Moment einfach zu lachen begonnen. In München, der Weltstadt mit Herz, gab’s davon freilich keine Spur.
Neben dieser europäischen Erstaufführung stand eine wirkliche Uraufführung: Jüri Reinveres „Lied von den zwei Erden“. Der Komponist, 2025 mit dem Opus Klassik ausgezeichnet, ist schon allein deshalb bemerkenswert, weil er immer wieder eigene Texte vertont. Die bildreichen und suggestiven Verse zu seinem neuen Werk sind der expressionistischen Lyrik um 1900 verpflichtet, aber auch der Sprache der Bibel. Erstarrung, Kälte, Trauer werden zunächst durch die klagende Melodie der Oboe über einem fahlen Orchesterklang mit den rhythmischen Akzenten der tonlos geblasenen Flöten beschworen, aber auch mit eruptiven Ausbrüchen des voll besetzten Orchesters.
Ätherisch zart: Kristi Mühling an der KannelAstrid AckermannDoch die Atmosphäre dieser Welt lässt sich vor allem empfinden, weil Aušrinė Stundytė sie zu vergegenwärtigen weiß mit einem Sopran, der sich zu schneidender Schärfe verengen, zu deklamatorischer Intensität zurücknehmen oder zu lyrischem Strömen weiten kann. „Die Sonne, vereist, / sank von eigner Last ins Meer“, wo „Menschen einander zerfleischen“. Dem stehen ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ entgegen, und „Friede bricht an, ohne Ende“. Das bleibt bei Jüri Reinvere keine bloße Behauptung. Die Musik beglaubigt seine Worte und lässt sie zum erfüllten Augenblick werden – auch durch die Zartheit des estnischen Zupfinstrumentes Kannel, das Kristi Mühling mit solcher Innigkeit spielt, dass man den Duft der „Zitronenblüten“ zu vernehmen meint, der uns umgeben wird, wenn „die Enkel, / entlohnt längst für ihr Lebenswerk, / kommen zu Tisch“. Eine beglückende Vision – und eine berührende Musik, die sie hörbar macht. Musica impura, viva!

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