Was für ein guter Schauspieler Kevin Costner ist, bemerkte eine Freundin unlängst ausgerechnet im italienischen Fernsehen. Wir hatten uns nach einem langen Tag in Venedig den Spaß gemacht, die TV-Kanäle des Hotelgeräts durchzuzappen und waren an einem amerikanischen Beziehungsdrama hängen geblieben, das uns hier in italienischer Synchronfassung präsentiert wurde (intensives Googeln ergab, dass es sich hierbei um den Film „An deiner Schulter“ aus dem Jahr 2005 handelte). Die Sprachkenntnisse genügten nicht, um den Wirrungen des Datinggesprächs zwischen Costner und seiner Filmpartnerin Joan Allen zu folgen, stattdessen konzentrierte sich meine Reisebegleitung aufs Beobachten des Nonverbalen.
Die Szene, die die Freundin dann zum Urteil über Costners Spielfähigkeit brachte, ist eine hübsche Studie subtiler Gesten. Allen spielt eine gerade verlassene Mutter vierer Töchter, die sich alle in unterschiedlichen Stadien der Pubertät befinden. Costner gibt den Nachbarn der frisch Getrennten, einen Freund der Familie, auf den die Mutter langsam ein Auge wirft. In der Szene nun bandeln die beiden gerade an. Allen klingelt unangekündigt an Costners Haustür und überfällt ihn mit dem Vorschlag, gemeinsam seine Wohnung aufzuräumen. Der gibt sich zunächst überrumpelt, versperrt den Eingang mit seinem Oberkörper. Auf ihre Überredungskünste reagiert er skeptisch, zupft sich geistesabwesend am Ohr – eine Geste, die man seit Humphrey Bogarts ikonischem Marlowe-Ohrzupfen kaum mehr verwenden darf, hier gelingt’s, weil es als Reverenz gemeint ist, denn auch Costners Rolle ist ein harter Typ, der viel wacher und interessierter auf seine Umwelt blickt, als er gern zugibt.
Männer in Uniformen
Ich muss gestehen, wir haben „An deiner Schulter“ dann nicht zu Ende geschaut. Der Tag war lang, die Augen von zu viel Kunst ganz müde. Aber am nächsten Morgen diskutierten wir eben beim Frühstück noch einmal über Costners Können, und ich versprach, zu überprüfen, ob der Mann schon zu Beginn seiner Karriere solch ein Talent aufwies. Ein guter Grund also, um sich zurück zu Hause noch einmal „No Way Out“ von 1987 anzuschauen. In dem Jahr hatte Costner seinen internationalen Durchbruch. Neben diesem Thriller, in dem er den Gegenspieler von Gene Hackman gibt (im Vorspann steht sein Name schon vor dem des Hollywoodstars), war Costner damals auch in der Hauptrolle in Brian de Palmas Krimidrama „Die Unbestechlichen“ im Kino zu sehen. In „No Way Out“ sehen wir ihn zunächst auf dem Schirm einer Überwachungskamera in einem Verhörzimmer. Auf dem Ärmel seiner weißen Navy-Uniform leuchten rote Flecken. Am rechten Arm trägt er einen Verband, sonst sieht er wenig lädiert aus. Die Typen, die ihn verhören sollen, sind nervöser als der junge Uniformierte.

Die Verhörfrage, wie er den Verteidigungsminister kennengelernt habe, leitet eine Rückblende ein. Wir sehen Costner, abermals in Uniform (die Faszination des Kinos der Achtzigerjahre mit Männern in Militäruniformen wäre einen eigenen Text wert), bei einem Ball in Washington. Ein Bekannter macht ihn mit dem Verteidigungsminister bekannt und bietet ihm unter dessen Führung einen Posten an; Gene Hackman gibt den Minister mit dünner Jovialität, die recht bald nicht mehr die Unfähigkeit dieses Politikers verdecken kann.
Costners Blick schweift über die Gäste und trifft mehrfach mit den neugierigen Augen einer jungen Frau zusammen, die nicht so recht zur restlichen Galagesellschaft passen will. Beide landen kurz darauf heftig knutschend auf der Rückbank einer Limousine. Aber die Liebesaffäre soll nicht von langer Dauer sein, denn die Frau lässt sich ihr Leben von ihrem reichen Geliebten finanzieren – ebenjenem Verteidigungsminister, und der darf nichts von der Liebelei mit Costner erfahren.
Man weiß schon hier: Das kann nicht gutgehen. Und weil wir es mit einem Thriller zu tun haben, liegt die schöne Geliebte schon bald tot auf einem Couchtisch. Costner erfährt vom Mord an ihr während eines Briefings beim neuen Chef. Und obwohl er in diesem Film vor allem viel rennen und sich auch das ein oder andere Mal prügeln muss (die roten Flecken auf seiner Uniform stammten ja nicht von Spaghettisoße), zeigt sich in dieser kleinen Szene sein volles Talent. Für den Bruchteil einer Sekunde friert sein Blick auf der Aktenseite ein, auf der er den Namen des Mordopfers liest.
Er entschuldigt sich, geht ins Badezimmer, schließt die Tür und gesteht sich für eine halbe Minute zu, alle Emotionen, die diese Nachricht auslöst, durch seinen Körper wallen zu lassen. Er sinkt kraftlos auf die Fliesen, zieht sich am Waschbecken wieder hoch, kontrolliert seine Atmung, sammelt seine Fassung vom Boden auf – und geht mit geradem Rücken hinaus, das Gesicht wieder die neutrale Berufsmaske. Ein harter Typ, der seine Gefühle nur wenigen zeigt. Wo Hackman, seiner Rolle entsprechend, unkontrollierter und lauter ausagiert, was gerade in ihm vorgeht, setzt Costner als beherrschter Navy-Commander auf effektivste kleine Gesten und wache Augen. Man versteht, ganz subtil, was in ihm vorgeht, selbst wenn er gar nichts sagt.

vor 2 Stunden
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