Fußball-WM in den USA: Die beste Halbzeit aller Zeiten? Bitte was?

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Jubelfeten nicht nur im ausverkauften Stadion in Los Angeles, sondern auch bei Straßenfeiern in St. Louis, San Francisco und Houston, Watchpartys von Miami bis Phoenix – nach dem 4:1 des US-Teams gegen Paraguay wurde auf den Fanmeilen der sechzehn ausrichtenden amerikanischen Städte ausgiebig gefeiert. Aber dass das ganze Land im Fußballfieber läge, das behauptet nur die milliardenteure Maschinerie, die die angeblich „beste WM aller Zeiten“ Zuschauern und Sponsoren anpreist.

Solche Hyperbeln sind hier an der Tagesordnung. Der frühere Nationalspieler und heutige TV-Kommentator Alexi Lalas verstieg sich nach dem Auftaktspiel der USA zu der Behauptung, die erste Halbzeit dieses Spiels sei die beste jemals in einem Weltmeisterschaftsturnier gewesen. Das Halbfinale Deutschland gegen Brasilien bei der WM 2014 scheint ihm kein Begriff zu sein, da stand es nach der erste Halbzeit fünf zu null. Und schon vor Beginn der WM hieß es, das US-Team habe alle Chancen, den Titel zu gewinnen. Die USA mögen das Land der Übergrößen sein; dass man indes Trump-würdige Übertreibungen und Superlative um die Ohren gehauen bekommt, bevor es richtig losgeht, ist ziemlich anstrengend.

1-Endstand im Spiel gegen ParaguayDie amerikanischen Spieler bejubeln das Tor zum 4:1-Endstand im Spiel gegen ParaguayAFP

Der exaltierte Zirkus ist umso nervtötender, als die Fans im FIFA-Spiel ums große Geld schamlos gemolken werden. Allüberall ist die Rede vom „Sticker Shock“, dem Entsetzen über unbezahlbare Preise für Hotels, Tickets und Stadionanfahrten. „Die Fans werden vom Markt gedrängt“, schreibt das Sportmagazin „Fansided“ über die „dynamische“ Preisstruktur der FIFA-Tickets, die die Preise je nach Nachfrage fluktuieren lässt. Zudem kauften Spekulanten große Kontingente auf, um sie profitabel weiterzuverkaufen.

Wer ein Ticket zum Eröffnungsspiel der USA in L.A. erwerben wollte, musste mindestens tausend Dollar berappen. Der Sender NBC befragte in Los Angeles vor dem Spiel des US-Teams eine Reihe von Leuten, die zwischen 1200 und 3000 Dollar fürs Ticket hingelegt hatten. „Viel zu viel Geld!“, sagte einer, ein anderer wies seinen Sohn an, wegzuhören, bevor er den Ticketpreis nannte. Aber zwei Fans befanden: „So etwas gibt’s nur einmal im Leben, da muss man dabei sein!“

Fünfstellige Summen für die „billigeren“ Plätze

Selbst Tickets für das Match zwischen Neuseeland und Iran kosteten – zu Turnierbeginn - zwischen 250 und 300 Dollar, in der letzten Reihe. Und wer im Finale auf den besten Plätzen dabei sein will, der muss fast 11.000 Dollar hinblättern. Dabei lagen die Durchschnittspreise für Topplätze im Finale bei den vergangenen sieben WMs durchgehend unter 2000 Dollar, wie der „Business Insider“ aufzeigt. Jetzt werden von Wiederverkäufern Karten für das Spiel zwischen Kolumbien und Portugal angeboten, die noch auf den „billigeren“ Plätzen fünfstellige Summen kosten. „Brauche eine Sugarmommy oder einen Sugardaddy für diese WM“, witzelt ein Fan auf Instagram, ein anderer fordert: „Für diese Preise will ich einen Platz in der Mitte des Spielfelds!“ Werbeplakate für eine Airline schmiedeten aus der Gier einen cleveren Slogan: „Portugal gucken: 3870 Dollar. Portugal sehen: 799 Dollar“.

Aber auch mit einem Ticket in der Hand ist man noch nicht im Stadion. In New Jersey kostet eine Bahnfahrt zum Metlife-Stadium statt wie bisher 12,90 jetzt 98 Dollar – der geplante Preis von 150 Dollar (angeblich, um die Kosten für Aufwendungen rund um die WM-Veranstaltungen in New Jersey nicht auf die Bevölkerung umlegen zu müssen) wurde nach Protesten zurückgeschraubt. „Wie leisten sich Leute das?“, fragte ein amerikanischer Brasilien-Fan in den sozialen Medien entsetzt.

 Fans auf dem Weg ins Metlife-StadiumVermutlich einer der teuersten Nahverkehrszüge der Welt: Fans auf dem Weg ins Metlife-StadiumAFP

Zu Fuß kommt man nicht hin; Fußgänger sind rund um das Stadium explizit verboten, wie Schilder mit der Aufschrift „No pedestrians“ am Straßenrand und in Hotels diktieren – weil es keine Trottoirs gibt. Wer selber fahren will, muss in New Jersey mehr als 200 Dollar für einen Parkplatz in einer angrenzenden Mall bezahlen, in Miami kostet das Parken am Hard Rock Stadium 150 Dollar. „Forbes“ weist auf den krassen Kontrast zu Qatar 2022 hin, wo die Stadien mit einem brandneuen Bahnsystem verbunden waren, und mit Russland, wo Ticketinhaber umsonst mit dem Zug zwischen den Veranstaltungsorten hin- und herreisen konnten.

Schon vor zwei Wochen hatten Memes die Runde gemacht, in denen sich Fußballtouristen über die US-Infrastruktur entsetzen oder amüsieren – Montagen von sechsspurigen Autobahnen, Straßenlandschaften ohne Bürgersteige (in Anlehnung an die Eröffnungssequenz der „Sopranos“, in der Tony Soprano vom Flughafen in die Stadt fährt, vorbei an Industriegebieten, Fabrikgebäuden und qualmenden Schloten am Rande der New Jersey Turnpike). Die erwarteten fünf Millionen Besucher, schreibt „Forbes“, „aus Heimatländern mit Hochgeschwindigkeitszügen, bezahlbarem und funktionierendem Nahverkehr und lebenswerten, zu erlaufenden Innenstädten“, erlebten in amerikanischen Großstädten ihr blaues Wunder. Oder blieben einfach weg. Hotels in New York mussten wegen des ausbleibenden Ansturms die Preise halbieren, auch Flugbuchungen blieben bisher hinter den erwarteten Zahlen weit zurück.

Im Stadion bleiben Plätze leer

Aber lieber als sich mit der Infrastrukturmisere zu befassen, verweist die US-Regierung auf Fans aus Übersee, die im Internet über ihre Entdeckungstouren posten. Verkehrsminister Sean Duffy hypte auf der Plattform X einen deutschen Touristen namens Freddy, der vor der WM den amerikanischen Süden durchkreuzte und über seine Entdeckungen von Fast Food, gigantischen Tankstellen und hinreißende Landschaften und Leute schrieb. „Weil man Amerika sehen muss, um es zu lieben“, schrieb Duffy; in verschiedenen Bundesstaaten hofierten Freddy führende Politiker. Freilich hatte auch Freddy schon über die Ticketpreise gepostet: Wenn diese nicht gesenkt würden, könnten „nur reiche Leute und Influencer in die Stadien, während die echten Fans von zu Hause zuschauen müssen“. FIFA-Chef Giovanni Infantino verteidigt den Wucher mit den Worten, die USA seien der „am höchsten entwickelte Entertainmentmarkt der Welt“, und man müsse „marktgerechte Preise“ aufrufen.

Und so bleiben Zehntausende Tickets liegen, Plätze in den Stadien bleiben leer, und manche Fans sind richtig sauer. „Ich liebe die WM und gucke seit 1986 so viel wie möglich“, schreibt einer auf Reddit. „Von diesem Turnier habe ich noch nichts gesehen. Infantino, die Fifa und Trump können sich das in die Haare schmieren.“ Auf X kursiert der Hashtag #fuckfifa, auf dem sich die Leute unter anderem über die Trinkpausen als „schlecht verhüllte Werbeunterbrechungen“ und „Kapitalismus pur“ echauffieren.

Europäische Fußballfreunde, die angesichts der Preise das eine oder andere Match am Hotelfernseher oder beim Public Viewing verfolgen, dürften vor allem die amerikanischen TV-Kommentatoren irritieren. Nach dem umstrittenen Elfmeter für die Schweizer gegen Qatar wurde nicht einmal das vorangegangene Abseits eines Schweizer Spielers in der Wiederholung gezeigt. Tacheles reden ist im US-Sportfernsehen ebenso tabu wie Diskussionen über Sport, Religion und Politik in der Kneipe.

Der Präsident des Gastgeberlandes USA widmet sich unterdessen lieber den Gladiatorenkämpfern der UFC zu seinem 80. Geburtstag vor dem Weißen Haus. Zum Auftaktspiel des US-Teams schickte Donald Trump seinen Außenminister Marco Rubio, der, wie die Kameras einfingen, mit gelangweilter Miene auf der Tribüne saß. Zu den Irrsinnspreisen sagte Trump schon vor Beginn der WM, dass er die vermutlich auch nicht bezahlen würde.

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