Ebola-Ausbruch in Afrika: „Wenn es zu gefährlich für Amerika ist, ist es auch zu gefährlich für Kenia“

vor 10 Stunden 1

Am Dienstag brachten die Demonstranten in Nanyuki einen Sarg mit auf die Straße. Eine weiß gestrichene Holzkiste mit der roten Aufschrift „Ebola“, getragen von einer Gruppe Männer in weißen Schutzanzügen. Die unschwer zu entschlüsselnde Botschaft: Ebola bringt den Tod. Und den wollen wir hier nicht.

Seit Tagen dauern die wütenden und inzwischen auch blutigen Proteste in der Stadt im Zentrum Kenias schon an, am Montag kamen zwei Demonstranten bei Auseinandersetzungen mit der Polizei ums Leben. Der Widerstand richtet sich gegen eine geplante Quarantänestation vor den Toren Nanyukis, wo Ebola-Patienten behandelt werden sollen. Und zwar, darum geht es den Demonstranten, US-amerikanische Patienten, die in der Demokratischen Republik Kongo oder Uganda dem tödlichen Virus ausgesetzt waren. Kenia selbst verzeichnet bislang keinen einzigen Ebola-Fall.

„Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie Kenia als Eindämmungskolonie behandelt wird“

330 Infektionen und 49 Tote hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gezählt, seit sie wegen des Ausbruchs Mitte Mai den internationalen Gesundheitsnotstand ausrief. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen. An der Behandlung der Patienten sind auch Amerikaner beteiligt – so wie der Arzt, der sich in Kongo mit dem Virus infizierte und nach Berlin geflogen wurde, zur Behandlung an der Charité. Doch was damals nur gemunkelt wurde, hat die US-Regierung inzwischen offen ausgesprochen: Kein Ebola-Patient, auch kein Amerikaner, soll in den USA behandelt werden. „Wir können und werden nicht zulassen, dass Ebola-Fälle in die Vereinigten Staaten gelangen“, sagte Außenminister Marco Rubio vergangene Woche in einer Kabinettssitzung in Washington.

Stattdessen präsentierte die US-Regierung ihren Plan, in Absprache mit der kenianischen Regierung eine Quarantänestation mit 50 Betten in Kenia zu errichten. Und zwar auf dem Militärflugplatz Laikipia nahe Nanyuki, knapp 800 Kilometer Luftlinie vom Zentrum des aktuellen Ebola-Ausbruchs in Ostkongo entfernt. Viel näher also als etwa Berlin (knapp 6000 Kilometer) oder gar Washington (mehr als 11 000 Kilometer). Ausschließlich US-Bürger sollten dort behandelt werden, hieß es aus Washington, doch Kenias Regierung widersprach: Auch infizierten Kenianern stehe die Station offen.

Doch das war zu wenig, um den im ganzen Land wachsenden Widerstand wieder einzufangen. „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie Kenia als Eindämmungskolonie behandelt wird“, schrieb die Ärztegewerkschaft KMPDU in einem Statement. „Wenn es zu gefährlich für Amerika ist, ist es auch zu gefährlich für Kenia.“ Der kenianischen Regierung warf die Gewerkschaft vor, „den Import eines tödlichen hämorrhagischen Fiebers aktiv zu ermöglichen“.

Das auf Verfassungsfragen spezialisierte Katiba-Institut reichte eine Dringlichkeitsbeschwerde ein – und bekam recht. Ein Gericht stoppte vergangene Woche in letzter Minute die Eröffnung der Quarantänestation und ordnete am Dienstag eine Anhörung am 23. Juni an. Kenias Regierung verpflichtete das Gericht, binnen sieben Tagen die Details des Abkommens mit der US-Regierung offenzulegen.

US-Politiker kritisieren Trump: Erst habe er Hilfsgelder für Kenia gestrichen, jetzt sollen Kenianer Amerikaner aufnehmen

Kenias Präsident William Ruto hatte die Quarantänestation zuvor in einem auf X veröffentlichten Statement verteidigt. Er sprach von einer Einrichtung, die „mit Unterstützung der Vereinigten Staaten errichtet werde“ und „weder einzigartig noch außergewöhnlich“ sei, sondern Teil eines „größeren nationalen Vorsorgesystems“. Er verwies auf eine seit Jahrzehnten bestehende Partnerschaft mit den USA, die Kenia bereits im Kampf gegen HIV und Covid-19 geholfen habe – so wie nun gegen Ebola. „Die Gesundheit und Sicherheit der Kenianer bleibt unsere oberste Priorität.“

Liest man Rutos Statement, klingt es auf einmal, als handele es sich um eine von der US-Regierung mitfinanzierte Quarantänestation für künftige kenianische Ebola-Patienten. Dass überhaupt Amerikaner dort behandelt werden sollen, erwähnte er mit keinem Wort.

Doch nicht nur Ruto steht nun in der Kritik, auch US-Präsident Donald Trump. Demokratische Mitglieder des Außenausschusses im US-Kongress forderten seine Regierung auf, Amerikaner nach Hause zu bringen, „statt die Verantwortung auf eine andere Regierung abzuwälzen“. Die USA verfügten über medizinische Einrichtungen, die auf Ebola-Patienten spezialisiert seien. Die Abgeordneten verwiesen außerdem darauf, dass Trumps Regierung auch Kenia im Zuge der Zerschlagung der Entwicklungsbehörde USAID Hilfsgelder für das Gesundheitswesen gestrichen habe. Nun erwarte man, dass das Land amerikanische Ebola-Patienten aufnehme.

Doch wie es aussieht, hält bislang weder die Kritik in den USA noch der Widerstand in Nanyuki und nicht mal die Entscheidung eines kenianischen Gerichts den Aufbau der Quarantänestation auf. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf diplomatische Kreise berichtet, hätten US-Militärflugzeuge auch in den vergangenen Tagen Personal und medizinische Ausrüstung nach Kenia geflogen.

Gesamten Artikel lesen