„The Mermaid Mask“ angespielt: Orient Express trifft auf Monkey Island

vor 9 Stunden 2

Mit Point-&-Click-Spielen hat Gaming einst Fahrt aufgenommen, heute sind sie angesichts besserer Technik ein altertümliches Nischenprodukt. Denn wer möchte noch stumpf mit der Maus umherklicken und Objekte aufeinanderziehen, wenn er auch eine riesige Open World erobern oder eine kinoreife Geschichte selbst nachspielen kann? Das kürzlich erschienene „The Mermaid Mask“ präsentiert eine interessante Neuinterpretation, die nicht verpasst werden sollte. Dieser spielbare Kriminalfall wird zwar Sherlock Holmes nicht aus seinem Büro locken, kann aber dank seines erfrischenden und permanent zündenden Humors problemlos mit jeder Netflix-Sitcom mithalten.

Mortuga ist nicht nur Kapitän des seltsamsten U-Boots der Welt, er ist vor allem auch eines: tot. Erstochen in einem geschlossenen Raum. Vor einem mysteriösen Kessel. Und das ist bei weitem nicht die einzige Merkwürdigkeit, die auf das Ermittler-Duo Grimoire und Sally wartet. Sie begeben sich auf das putzige wie unheimliche Reisegefährt, um den Mord aufzuklären, den Mörder zu schnappen und das titelgebende Geheimnis rund um die Meerjungfrau-Maske zu lüften.

„The Mermaid Mask“ angespielt (5 Bilder)

Das Detektiv-Gameplay beschränkt sich auf Lesen, Zuhören und ein paar Sortier-Rätsel. Etwas mehr Varianz wäre schön gewesen, aber ehrlich gesagt ist der Fall eine Nebensache. (Bild:

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Aber das ist lediglich der Rahmen dieses achtstündigen Fantasy-Trips – im Zentrum steht der unvorhersehbare und clevere Humor, den der britische Entwickler SFB Games seinen Figuren auf die Zunge gelegt hat. In den ersten Minuten mag der Spieler noch meinen, dass er hier ein ganz gewöhnliches Point-&-Click-Adventure spielt. Klick diesen und jenen Gegenstand an, bis das Rätsel gelöst ist und es endlich weitergeht. „The Mermaid Mask“ ist da wie schon die beiden Vorgänger ganz anders: Das Highlight bilden die großartig geschriebenen und vertonten Wortgewitter zwischen den Ermittlern und Verdächtigen, die, wenn sie erst einmal in Gang gebracht worden sind, nicht mehr zu stoppen sind. Zu beachten ist: Es gibt nur eine englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln.

Da ist der exzentrische Schriftsteller, dem der Mordfall ganz gerufen kommt, weil er gerade nach neuem Stoff für seinen nächsten Roman sucht. Oder die quirlige Illusionistin, die sich nicht sicher ist, ob sie das hier alles nur träumt. Oder der junge Filmstar mit Sonnenbrille, der dank seiner welpenhaften Naivität alles für ein tolles Abenteuer hält. Als wäre das Ganze eine Comedy-Stand-up-Show, bei der alle zehn Minuten ein neues Talent auf die Bühne tritt. Grimoire und Sally setzen diesem bunten Haufen wiederum ihre größten Stärken entgegen: Schlagfertigkeit, Sarkasmus und einen Blick für besondere Details. Das Tolle daran: Die Gespräche ufern jedes Mal aus, stellen die wendungsreichen Lebensgeschichten der Charaktere vor, lassen unterschiedliche Sichtweisen aufeinanderprallen und münden in überraschende Situationen, die mehr Fragen als Antworten übrig lassen.

Das Spiel kommt – auch wegen der vielen unterschiedlichen und schön anzusehenden Cartoon-Animationen – so charmant rüber, dass man oft vergisst, dass das hier ein Detektivspiel ist und dass es noch einen Mörder zu fassen gilt. Am Ende möchte man sie doch alle laufen lassen, weil sie alle viel zu sympathisch sind. Zum Glück erinnert „The Mermaid Mask“ den Spieler immer wieder an den eigentlichen Job, indem es ihm regelmäßig ein Rätsel vor die Nase setzt, um die Lachmuskeln zu schonen und den Hirnapparat wieder einzuschalten.

Diese treffen einen guten Sweetspot – sie sind nicht innerhalb einer Minute gelöst, brauchen aber auch keine halbe Stunde. Meistens geht es um das richtige Sortieren von Gegenständen, das Herausfinden eines Codes oder das Entschlüsseln eines Textes. Nach ein paar Versuchen liegt die Lösung meistens auf der Hand. Kommt man nicht weiter, können jederzeit die Ermittler zu Hilfe gerufen werden, die dem Spieler einen kleinen Schubs in die richtige Richtung geben. Komfortabel. Denn nicht immer möchte man einen Detektiv spielen, der sich das Hirn zermartert und in Sackgassen rennt. Manchmal möchte man sich auch nur wie einer fühlen.

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Das eigentliche Detektivspiel geschieht währenddessen. Die Ermittler ziehen von einem schrulligen Raum zum nächsten, kommentieren per Mausklick Gegenstände und tüten Beweise ein. Nach und nach schalten sich dadurch neue Räume frei. Und selbst wenn ein Objekt nicht weiterhilft, möchte man trotzdem hören, was die Figuren darüber denken. So bringt ein simpler Lautsprecher Sally dazu, über die möglichen Ausgänge einer Vampir-Party nachzudenken, unter die sich ein Sterblicher mit Vampir-Tarnung mischt. Wie gesagt, „The Mermaid Mask“ glänzt durch seine Unvorhersehbarkeit. Glaubt der Spieler, das System des Humors durchschaut zu haben, wechselt das Spiel in eine andere Richtung.

„The Mermaid Mask“ legt sehr großen Wert auf seine Geschichte und Charaktere, das Gameplay bleibt dagegen sehr klassisch. Es ist alles großartig designt, selbst das Betrachten der Beweise als drehbare 3D-Objekte ist ein schöner Einfall, der die Welt noch glaubhafter macht und die vielen schönen Details hervorhebt. Doch darüber hinaus ist der Spieler die meiste Zeit damit beschäftigt, zu lesen, zuzuhören und an manchen Stellen einen Lückentext auszufüllen, um den Fall voranzubringen. Wer hat in Raum X Y mit Z getan? Das wirkt manchmal wie eine Cluedo-Partie oder eine dieser Kindersendungen, bei denen Schauspieler mit dem Publikum sprechen, ohne es hören zu können.

Was „The Mermaid Mask“ nicht ist: ein anspruchsvolles Detektivspiel. Wer das sucht, ist hier falsch. An einem Punkt schrammt das Gameplay auch gefährlich nahe an der stumpfen Monotonie vorbei: Die Ermittler können jede der Figuren zu jedem einzelnen der zahlreichen Beweismittel befragen. Hier kommuniziert das Spiel nicht klar, ob diese Möglichkeit optional ist oder nicht. Hin und wieder bekommt der Spieler dadurch einen neuen Hinweis, manchmal sind die Antworten auch nur lustig.

Wir empfehlen an dieser Stelle, der eigenen Nase zu folgen und nicht zwangsläufig alles zu machen, selbst wenn es möglich ist. „The Mermaid Mask“ möchte von neugierigen Reisenden gespielt werden, nicht von Schema-Menschen. Wo das Spiel mit seinem Humor ein neues Zeitalter einläutet, bleibt es gameplaytechnisch im letzten Jahrhundert. Entweder ist es ein Ungleichgewicht oder so gewollt. Hätten mehr spielerische Möglichkeiten dem Spiel gut getan? Wir wissen es nicht. So oder so, „The Mermaid Mask“ eignet sich für mehrere entspannende Abende und liefert liebenswürdige Charaktere, bei denen wir uns wundern, warum Blockbuster-Studios sie nicht so gut hinbekommen.

„The Mermaid Mask“ erschien am 16. Juli für Windows, PS5 und Nintendo Switch 1 und 2. Es kostet 19,99 Euro.

(dahe)

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