Null vermeidbare Todesfälle durch Darmkrebs – das ist machbar

vor 4 Stunden 1

Darmkrebs lässt sich wie kaum eine andere Krebsart verhindern – wenn die Vorsorge konsequent genutzt wird. Länder wie die Niederlande zeigen, wie niedrigschwelliges Screening Tausende Erkrankungen und Todesfälle vermeiden könnte.

Darmkrebs ist in Deutschland nach wie vor eine der häufigsten Krebsarten: Im Jahr 2023 erkrankten rund 55.300 Menschen neu daran, etwa 23.000 starben. Doch anders als bei vielen anderen Tumoren gibt es hier eine echte Chance zur Prävention. Kolorektale Karzinome entstehen meist über Jahre aus gutartigen Polypen – und genau diese Vorstufen lassen sich durch Screening früh erkennen und entfernen.

In anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden zeigt sich seit Jahren, was ein konsequent organisiertes Programm leisten kann. Deutschland hat mit der Vorsorgekoloskopie seit 2002 und dem organisierten Einladungsverfahren seit 2019 gute Grundlagen geschaffen. Doch die Inanspruchnahme bleibt zu niedrig. Zeit, von den Besten zu lernen – für mehr verhinderbare Fälle, bessere Stadien und ein gesünderes Gesundheitssystem.

Die Sinnhaftigkeit von Darmkrebs-Screening ist medizinisch und ökonomisch eindeutig belegt. Durch die Entfernung von Adenomen in der Vorsorgekoloskopie lässt sich die Entstehung vieler Karzinome verhindern. Seit Einführung der Vorsorgekoloskopie 2002 ist die altersstandardisierte Inzidenz bei den 50- bis 74-Jährigen um rund 17 bis 25 Prozent gesunken – ein klarer Erfolg der Früherkennung. Ohne Screening würden jährlich Tausende zusätzliche Fälle auftreten. Experten schätzen, dass bei konsequenter Teilnahme der Großteil der rund 23.000 jährlichen Todesfälle vermeidbar wäre.

Ein weiterer entscheidender Vorteil ist der Stadienshift: Screening führt dazu, dass Tumore in frühen, heilbaren Stadien entdeckt werden. Während fortgeschrittene Stadien (UICC III/IV) teure, belastende Therapien erfordern, sinken bei Früherkennung die Behandlungskosten dramatisch und die Heilungschancen steigen deutlich. Teilnehmer an der Vorsorgekoloskopie haben ein um bis zu 70 Prozent reduziertes Risiko, an Darmkrebs zu sterben.

Auch die Kosten-Nutzen-Analyse spricht eine klare Sprache. Berechnungen belegen, dass jede investierte Vorsorgekoloskopie das Gesundheitssystem langfristig entlastet. Nach einer Kosten-Nutzen-Analyse der Felix Burda Stiftung konnten 2002 bis 2012 durch Screening bereits Einsparungen zwischen 605 Millionen Euro und 3,1 Milliarden Euro erzielt werden – pro Koloskopie bis zu 623 Euro netto. Der Kosten-Nutzen-Effekt liegt bei 1:3 bis 1:10. Prävention spart nicht nur Leben, sondern auch Ressourcen, die sonst in teure Spätstadien fließen.

Rechtliche Möglichkeiten für Darmkrebs-Screenings

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bietet seit Jahrzehnten umfassende Leistungen: Ab 50 Jahren haben Versicherte alle zwei Jahre Anspruch auf den immunologischen Stuhltest (iFOBT). Frauen und Männer ab 50 können zudem eine Vorsorgekoloskopie in Anspruch nehmen – bei unauffälligem Befund alle zehn Jahre eine zweite.

Seit 2019 ist das Programm organisiert: Die Krankenkassen laden anspruchsberechtigte Versicherte alle fünf Jahre (zu den Geburtstagen 50, 55, 60 und 65) schriftlich ein und informieren über Chancen und Risiken. Die Kosten übernimmt die Kasse vollständig, inklusive Beratung. Qualitätsstandards sind hoch: Koloskopien erfolgen nur in zertifizierten Zentren mit Dokumentationspflicht.

Aufgrund guter rechtlicher Rahmenbedingungen erhöht sich die reale Inanspruchnahme langsam über die Jahre. Jährlich nehmen nur etwa 10–20 Prozent der Berechtigten den iFOBT in Anspruch, die Vorsorgekoloskopie nutzen in der Zielgruppe 55–64 Jahre nur rund 2,5 Prozent pro Jahr. Kumulativ haben in zehn Jahren etwa 70 bis 80 Prozent der über 50-Jährigen eine der beiden Untersuchungen gehabt – die Koloskopie jedoch oft aus kurativen Gründen. Viele Versicherte kennen das Angebot, doch Barrieren wie Aufwand, Angst oder fehlende Erinnerung halten sie ab.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern fällt Deutschland zurück. Besonders eindrucksvoll ist das Beispiel der Niederlande: Dort startete 2014 ein nationales, voll organisiertes Bevölkerungsscreening mit FIT alle zwei Jahre für 55- bis 75-Jährige. Die Teilnahmerate liegt stabil bei über 67 Prozent (2024: 67,1 Prozent) – bei Frauen sogar über 70 Prozent. Das Ergebnis: Frühere Erkennung, starker Rückgang fortgeschrittener Stadien und sinkende Mortalität.

Hier liegt der Kern der Lernchance. In Deutschland bleibt das Screening trotz Einladungsschreiben teilweise opportunistisch und patientengetrieben: Der iFOBT muss oft beim Arzt abgeholt, zu Hause durchgeführt, zurückgebracht und das Ergebnis aktiv erfragt werden. Positive Befunde führen zu einer Überweisung, aber der gesamte Prozess erfordert mehrere Arztbesuche und aktive Schritte der Versicherten. Das organisierte Einladungsverfahren seit 2019 hat Verbesserungen gebracht, doch es fehlt noch an der letzten niedrigschwelligen Automatisierung.

In den Niederlanden hingegen ist das Programm konsequent populationsbasiert und logistikoptimiert: Ein Pre-Invitation-Brief kündigt die Aktion an. Dann kommt das FIT-Kit direkt per Post nach Hause – zusammen mit einem verständlichen Einladungsschreiben. Der Test wird zu Hause gemacht und direkt ans Labor geschickt. Bei Nichtteilnahme folgt ein Reminder. Ergebnisse gehen direkt an die Teilnehmenden, bei positivem Befund wird automatisch ein Termin für die Koloskopie angeboten. Keine unnötigen Arztbesuche vorab, maximale Barrierefreiheit und Transparenz. Dieses System hat sich wissenschaftlich bewährt und treibt die Teilnahmerate auf das internationale Spitzenniveau.

Die Niederlande beweisen: Mit einem wirklich niedrigschwelligen, einladungsbasierten und remindergestützten System lässt sich die Teilnahme verdoppeln oder verdreifachen. Deutschland könnte durch Übernahme solcher Elemente – direkter Kit-Versand, automatisierte Reminders, direkte Ergebnismitteilung – Tausende weitere Polypen entfernen, Karzinome in frühen Stadien entdecken und Leben retten. Gleichzeitig würde der Stadienshift die Therapiekosten senken und die Lebensqualität Betroffener steigern.

Vision Zero bedeutet: Null vermeidbare Todesfälle durch Darmkrebs. Mit den bestehenden rechtlichen Möglichkeiten und den Erfolgen in Ländern wie den Niederlanden ist das machbar. Es braucht jetzt die konsequente Umsetzung auf allen Ebenen – von der Politik über die Krankenkassen bis zu den Ärzten und der Aufklärung in der Bevölkerung.

Jede und jeder Einzelne kann mitmachen: die Einladung der Kasse ernst nehmen, mit dem Arzt sprechen, die Vorsorge wahrnehmen. Denn anderswo geht’s längst. Lernen wir daraus – für ein Deutschland ohne vermeidbaren Darmkrebs.

Sebastian Stintzing ist Klinikdirektor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie (CCM) an der Charité. Beim „Vision Zero“-Summit im Berliner Axel-Springer-Hochhaus kommen am 15. und 16. Juni mehr als 100 Onkologen und Experten zusammen, um darüber zu diskutieren, wie man die Zahl der unnötigen Krebstoten gen Null drücken kann. „Bild“ und in diesem Jahr erstmals die Axel Springer SE (zu der auch WELT gehört) sind Gastgeber des Summits.

Gesamten Artikel lesen