Bis die nächste Mobilfunkgeneration im Alltag der Nutzer ankommt, wird es noch mindestens drei, vermutlich sogar eher vier oder fünf Jahre dauern. Auf dem MWC 2026 gehört 6G dennoch zu den großen Themen – obwohl viele Details noch nicht geklärt sind. Eine erste Einschätzung ist aber möglich. Denn mit Blick auf die großen Unterschiede gegenüber 5G zeichnet sich Einigkeit unter den beteiligten Unternehmen ab. Die positiven Folgen für Endverbraucher: Vermutlich zunächst weit weniger, als man von einem Generationswechsel erwarten würde.
Download und Upload sollen sich annähern
Viele Beteiligte fassen die großen Änderungen in drei Bereiche zusammen: Kommunikation, KI und Sensing. Kommunikation ist dabei der Punkt, der am naheliegendsten erscheint. Gemeint ist schlichtweg jede Verbindung zwischen Endgerät und Mobilfunkzelle – ob für ein Telefonat, eine WhatsApp-Nachricht oder den Versand einer Gigabyte-großen Datei. Aktuelle beziehungsweise angekündigte 5G-Modems wie Qualcomms X105 erreichen dabei in 5G-Netzen grob 15 Gbit/s im Downlink und 5 Gbit/s im Uplink. Wie viel dieser Bandbreite wirklich nutzbar ist, hängt von vielen Faktoren wie der generellen Netzqualität, der Anzahl der Nutzer innerhalb der Zelle sowie möglichen Tarifeinschränkungen ab. Daran wird sich auch mit 6G nichts ändern.
Allerdings sehen die Planungen vor, dass sich Down- und Uplink annähern. Das wäre für all diejenigen ein großer Vorteil, die häufig große Datenmengen per Mobilfunk verschicken. Doch die Beteiligten wollen nicht primär den Bandbreitenhunger derjenigen stillen, die regelmäßig große Videos und vergleichbare Datenmengen hochladen. Stattdessen geht es um das Datenaufkommen, das KI auf Smartphones und anderen per Mobilfunk angebundenen Geräten produziert. Die Erwartung: In Zukunft wird die KI mehr Aufgaben als bislang übernehmen, vieles aber nicht direkt auf dem Endgerät berechnen. Stattdessen sollen unter anderem Rechenzentren wieder mehr Arbeit übernehmen.
Wer lediglich mit dem Smartphone telefoniert oder im Netz surft, dürfte kaum Änderungen feststellen – so Durga Malladi, als Executive Vice President bei Qualcomm für Technologie-Planung zuständig.
Mehr Rechenleistung für die Zelle
Das Thema KI spielt auch im zweiten Bereich eine große Rolle. Wer KI auf dem Smartphone nutzt, etwa um Bilder zu generieren oder ChatGPT Fragen beantworten zu lassen, erzeugt die Rechenlast entweder lokal auf dem Gerät oder in einem Rechenzentrum – nichts anderes verbirgt sich hinter der ominösen Cloud. Angesichts des erwarteten größeren KI-Datenaufkommens steigt die Belastung der jeweiligen Mobilfunkzelle sowie deren Anbindung. Letztere soll 6G hingegen im besten Fall entlasten. Denn die Überlegungen sehen vor, dass Mobilfunkstandorte mehr Rechenleistung erhalten und diese unter anderem für KI-Berechnungen einsetzen.
Nokia geht davon aus, dass auch die an den Mobilfunkstandorten schon vorhandene Hardware KI-Berechnungen übernehmen kann.
Nach Ansicht von Nokia und Qualcomm kann die Hardware der Zelle nicht alle KI-Aufgaben übernehmen, aber immerhin für einige. Für Netzbetreiber soll dies zu niedrigeren Gesamtkosten führen, trotz der zusätzlichen Hardware. Denn im Gegenzug sinken die Bandbreitenanforderungen für die Anbindung der Zelle. Nokia geht sogar noch einen Schritt weiter. Dort spielt man mit dem Gedanken, die ohnehin an den Standorten vorhandene Hardware für derartige Zwecke zu nutzen – und zwar immer dann, wenn diese nicht ausgelastet ist.
6G als Radar
Die dritte große Änderung ist die, die im Rahmen des MWC 2026 für die meisten Diskussionen gesorgt hat: Sensing. Gemeint ist damit die Möglichkeit, 6G-Netze als eine Art Radar zu verwenden (Integrated Sensing and Communications, ISAC). Mit den Funkreflexionen lassen sich Objekte, deren Entfernung und Geschwindigkeit messen. Dassault Systèmes ging im Gespräch sogar noch einen Schritt weiter: Selbst Oberflächenmaterialien könnten mit 6G identifiziert werden. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Software, mit der sich digitale Zwillinge, etwa von Fabriken oder Wohnblöcken, erstellen und dann für physikalische Simulationen verwenden lassen. Prinzipiell könnte 6G so positive Dinge wie Echtzeitverkehrsdaten liefern oder Drohnen zuverlässig erkennen.
Aber nicht nur die EU-Telekommunikationsnormungsbehörde ETSI befürchtet fragwürdige Einsatzmöglichkeiten. Denn die Technik macht es auch möglich, Karten von Gebäuden zu erstellen oder einzelne Personen zu identifizieren und zu verfolgen – ohne deren Einwilligung und selbst dann, wenn sie kein 6G-Endgerät nutzen. Eine insgesamt dystopische Vorstellung.
Vieles sollte bereits mit 5G kommen
Natürlich soll 6G neben den drei großen Punkten auch weitere Neuerungen bieten. Übertragungsraten und Verbindungsqualität sollen steigen, die Latenzen gleichzeitig sinken. Konkrete Zielwerte will aber niemand nennen. Viele weitere Punkte waren bereits für 5G vorgesehen – etwa die nahtlose Integration von Satellitennetzwerken und die verzögerungsarme Kommunikation zwischen autonomen Fahrzeugen und Mobilfunknetzen.
Wer genau hinschaut, wird bei den 6G-Neuerungen einiges erkennen, das bereits für 5G in Aussicht gestellt wurde.
Dafür, dass dieses und vieles anderes nun tatsächlich umgesetzt wird, spricht eine Erfahrung, auf die mehrfach verwiesen wurde: Mit geraden Versionsnummern gingen immer auch große Veränderungen einher, ungerade entpuppten sich rückblickend betrachtet lediglich als Evolution.
Hinweis: Qualcomm hat die Kosten für Reise und Unterbringung des Autors zum MWC 2026 übernommen.
(pbe)











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