Glosse: Das Streiflicht

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(SZ) Bleibt im Bett – die Preußen kommen! So soll der Überlieferung zufolge einst eine Münchner Boulevardzeitung getitelt haben, als sich Hunderttausende Urlauber aus Westen und Norden der Republik auf den Weg in den Süden machten. Vor dem Sehnsuchtsziel südlicher Gestade, die sich allerdings längst zum berüchtigten „Teutonengrill“  gewandelt hatten, landeten die Ferienreisenden aus Wanne-Eickel oder Korbach in Hessisch Sibirien aber erst einmal quer durch Süddeutschland im Stau. Ähnliches droht am kommenden Wochenende laut ADAC, der zudem für das erste Augustwochenende des Jahres 2025 errechnet hat: „Autofahrende standen insgesamt 4201-mal im Stau.“

Verblüffend an diesem Hinweis erscheint zunächst, dass der Verein Bleifuß e. V. neuerdings Gendersprache verwendet und nicht mehr nur „Wir Autofahrer“ schreibt. Offenbar sind es im Zuge der Diversität nicht mehr nur die Männer, die gern mit 240 km/h störende Kleinwagen von der linken Fahrspur drängen würden, stünden auch auf dieser nicht die Autos dicht an dicht. Die Aussage, Autofahrer, Verzeihung, -fahrende hätten 4201-mal im Stau gestanden, klingt übrigens so, als hätte jedes Individuum am Steuer an jenem ersten Augustwochenende 4201 Staus erleiden müssen, was bei allem Mitleid doch etwas hoch gegriffen erscheint. Außerdem müssten alle Betroffenen zumindest 4201-mal losgefahren sein, um dann wieder in einem Stau zu landen. In dessen Wesensart liegt es aber gerade, dass eben niemand mehr losfährt. Gemeint ist wohl die gleichwohl beachtliche Gesamtzahl der Staus an jenem Wochenende vor einem Jahr.

Andererseits ist ein richtiger Stau Bestandteil deutschen Traditionsguts. Profis zwingen ihre Familie, schon um vier Uhr morgens ins Auto zu steigen, weil dann noch niemand unterwegs ist. Seit sich das herumgesprochen hat, steht man bereits um 04.30 Uhr im Stau, was die Familiendynamik aufs Unerfreulichste beeinflussen kann. Solche Erlebnisse erlauben den Autofahrenden zur Entlastung der Nerven, die Politik, die Baustellenbauer und sämtliche anderen Verkehrsteilnehmer, all diese Schnarchhähne und Sonntagsfahrer, dafür verantwortlich zu machen, dass man bei 37 Grad im Schatten am Irschenberg Richtung Autobahnkreuz Inntal steht und auf stehende Fahrzeuge blickt, die sich Richtung Äußere Mongolei zu stauen scheinen. Ansonsten sind die grünen Autofeinde sicher irgendwie schuld daran, wenn nichts mehr vorangeht und auf der Rückbank die Kinder kleinere Schlägereien beginnen, um sich die Zeit zu vertreiben. Im Kinderlied wie dem „Stau-Song“ werden ja eher weltferne Lösungen angeboten: „Es bringt ja nix, sich jetzt aufzuregen, / lasst uns stattdessen mal überlegen, / was man im Stau so macht / und dann jeder dabei chillen kann.“ Wie, sich nicht aufregen? Wir wollen uns aber aufregen! Ach, wären wir doch im Bett geblieben.

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