Hohe Temperaturen im Pazifik Was ein neuer El Niño für die Welt bedeutet
Das Phänomen El Niño könnte 2027 zum heißesten Jahr der Geschichte machen. Was das für das Wetter in Europa und die Preise im Supermarkt bedeutet – und worüber Experten noch rätseln.
02.06.2026, 12.42 Uhr
Ausgetrockneter Bewässerungskanal auf den Philippinen: »El-Niño-Bedingungen gießen Öl in das Feuer der globalen Erwärmung«
Foto:Francis R. Malasig / EPA / dpa
Es zeichnet sich seit Monaten ab, jetzt ist es praktisch Gewissheit: Die ungewöhnlich hohen Meerestemperaturen im tropischen Pazifik kündigen das regelmäßig wiederkehrende Phänomen El Niño an.
Die Oberflächentemperatur an der Pazifikküste Südamerikas sei zwischen Ende April und Mitte Mai auf das Niveau wie in El-Niño-Jahren gestiegen, erklärte die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf. Zusätzlich komme ungewöhnlich warmes Wasser aus tieferen Lagen hinzu, dessen Temperatur teils sechs Grad über dem langjährigen Durchschnitt liege. Durch El Niño könnte sich der ganze Planet über viele komplexe Wechselwirkungen zusätzlich aufheizen.
Mit dem Phänomen einher geht die Sorge vor mehr Extremwetter mit Dürren, Überschwemmungen und einer womöglich rekordbrechenden globalen Durchschnittstemperatur. »El-Niño-Bedingungen gießen Öl in das Feuer der globalen Erwärmung«, sagte Uno-Generalsekretär António Guterres in einer Videobotschaft. »Die Folgen werden noch heftiger und sich noch weiter ausbreiten.«
Wie wahrscheinlich ist es, dass tatsächlich ein El Niño beginnt?
Die Wahrscheinlichkeit eines El-Niño-Beginns zwischen Juni und August liegt bei 80 Prozent und für eine Dauer bis mindestens November bei rund 90 Prozent. »Wir müssen uns auf ein möglicherweise starkes El-Niño-Ereignis vorbereiten, das Dürren und Starkregen verschärfen und das Risiko von Hitzewellen sowohl an Land als auch im Ozean erhöhen wird«, sagte WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo.
Zuletzt zeigte sich das alle zwei bis sieben Jahre natürlich auftretende Phänomen 2023/24. Das war einer der fünf stärksten El Niños seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. Er trug dazu bei, dass 2024 das bisher heißeste Jahr seit der Industrialisierung (1850–1900) war, gemessen an der globalen Durchschnittstemperatur.
Was kommt auf uns zu?
Wie stark die Auswirkungen sein werden, ist schwer zu sagen. In Teilen der Forschungsgemeinschaft wird über einen Super-El-Niño spekuliert, ein besonders starkes Ereignis. Mehr dazu lesen Sie hier. Die Chancen für einen neuen Super-El-Niño stehen 50 zu 50, sagt Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. »Es kann sein, kann aber auch nicht sein.«
Welche Auswirkungen gibt es für Mitteleuropa?
Eher wenige, sagt Daniela Domeisen von der ETH Zürich. »Das erklärt sich vor allem daraus, dass Europa sehr weit weg liegt vom tropischen Pazifik, und bis das Signal zu uns gelangt, wird es von vielen anderen atmosphärischen und ozeanischen Einflüssen gestört.« Wenn überhaupt, sei eher mit kälterem und nasserem Wetter als üblich zu rechnen.
Armin Bunde, Emeritus von der Universität Gießen, der selbst El Niños berechnet hat, verweist auf indirekte Auswirkungen: »So können schlechte Ernten im Pazifikraum zu höheren Preisen für Zucker, Kaffee und Kakao führen«, sagt er.
Wovon hängt die Entwicklung eines Super-El-Niños ab?
Entscheidend für die Entwicklung und die Stärke seien Windschwankungen, die schwer vorherzusagen seien, erklärt Klimaforscher Mojib Latif. Grundsätzlich ziehen bei dem Klimaphänomen in Äquatornähe im Pazifik warmes Wasser und Wolken an die sonst trockene Küste Südamerikas. Dies kann – oft in Südamerika und in der Folge auch in einigen Staaten Ostafrikas – für verheerende Überschwemmungen sorgen. In Südostasien, Ostaustralien und bis nach Südostafrika häufen sich dagegen Dürren und Waldbrände. Zwischen den El-Niño-Episoden zeigt sich ein Phänomen mit genau umgekehrten Auswirkungen. Es wird La Niña genannt.
Macht der Klimawandel El Niños stärker?
Dazu gibt es bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, betont die WMO. El Niños dauern meist neun bis zwölf Monate, erreichen den Höhepunkt zwischen November und Februar und treten alle zwei bis sieben Jahre auf. Seit dem letzten El Niño 2023/24 sind erst zwei Jahre vergangen, der Abstand zum El Niño davor waren sieben Jahre (2015/16).
Wird das bislang heißeste Jahr 2024 übertroffen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Jahre 2026 bis 2030 eine noch höhere globale Durchschnittstemperatur aufweist als 2024, liegt nach einem aktuellen WMO-Bericht bei 86 Prozent. Wegen des El Niños könne dies schon 2027 der Fall sein. 2024 lag die globale Durchschnittstemperatur rund 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850–1900).
In dem 2015 in Paris verabschiedeten Weltklimavertrag haben Länder zugesagt, den menschengemachten Temperaturanstieg durch eine Minderung beim Treibhausgasausstoß begrenzen zu wollen. Damit sollen die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet werden. Die globale Durchschnittstemperatur soll möglichst nicht mehr als 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau liegen. Das Klimaziel gilt nach bisher verbreitet verwendeter Definition als gerissen, wenn die Durchschnittstemperatur in einem Mittel von 20 Jahren darüber liegt.
Wie können Länder sich auf El-Niño-Auswirkungen vorbereiten?
Die WMO empfiehlt, dass Regierungen und humanitäre Organisationen sich auf Folgen für Sektoren wie die Landwirtschaft, das Gesundheitswesen, die Energie- und Wasserwirtschaft einstellen. Sie sollten Pläne für die Nahrungsmittelsicherheit und die Belastung des Gesundheitswesens ausarbeiten. »Frühzeitige saisonale Vorhersagen und Frühwarnungen sind entscheidend, um Leben zu retten und die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und unsere Gemeinden abzufedern«, so WMO-Chefin Celeste Saulo.

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