Die beste Konferenz meines Lebens, und was sie anders gemacht hat

vor 13 Stunden 3

Konferenzen kosten mehr, als auf dem Ticket steht. Zum Eintrittspreis kommen Anreise, Übernachtungs- und Verpflegungskosten, und dazu meistens noch zwei oder drei Arbeitstage, die sich nicht abrechnen lassen. Rechnet man das für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen und bedenkt man die Menge an Kerosin, Benzin und Strom, die für die Anreise benötigt wird, dann ergibt sich eine Bilanz, die ökonomisch wie ökologisch fragwürdig ausfällt. Der offensichtliche Gegenwert dafür ist das Programm.

Nur trägt das Programm diese Rechnung oftmals nicht. Die Vorträge stehen anschließend ohnehin online, und selbst dort, wo das nicht der Fall ist, findet sich zu praktisch jedem Thema genügend adäquater und frei zugänglicher Ersatz im Netz, völlig unabhängig von der Konferenz. Es gibt kaum einen Vortrag, für den man tatsächlich reisen und vor Ort sein müsste. Ich stelle mir deshalb seit Jahren die Frage, ob es sich noch lohnt, auf Konferenzen zu fahren, und ich muss zugeben: Wegen der Vorträge allein wäre die Antwort ernüchternd.

Im Juli 2026 war ich dann jedoch auf einer Veranstaltung, bei der die Rechnung vollkommen anders aufgegangen ist. Es war eine der besten, wenn nicht gar die beste Konferenz, auf der ich jemals war.

Wer Konferenzen verteidigt, verweist üblicherweise auf das Networking. Die Vorträge seien nur der Anlass, das Eigentliche passiere in den Pausen, beim Essen, am Abend. Dieses Argument halte ich im Kern für richtig. Nur löst es sich zumindest für mich persönlich selten ein.

Den typischen Ablauf kennen Sie vermutlich: Die Kaffeepause beginnt, es bilden sich Grüppchen aus Menschen, die einander bereits kennen, und wer allein steht, steht weiterhin allein. Nach zwanzig Minuten ertönt das Signal, dass es weitergeht, und alle begeben sich wieder in die Räume und setzen sich. Der Teil, der als das Eigentliche gilt, bekommt am Ende die Zeit, die das Programm übrig lässt.

the next big thing – Golo Roden

Golo Roden ist Gründer und CTO von the native web GmbH. Er beschäftigt sich mit der Konzeption und Entwicklung von Web- und Cloud-Anwendungen sowie -APIs, mit einem Schwerpunkt auf Event-getriebenen und Service-basierten verteilten Architekturen. Sein Leitsatz lautet, dass Softwareentwicklung kein Selbstzweck ist, sondern immer einer zugrundeliegenden Fachlichkeit folgen muss.

Selbstverständlich habe ich meinen Anteil daran. Ich bin in solchen Situationen schüchtern und zurückhaltend, und es fällt mir schwer, ein Gespräch zu beginnen. Nicht, weil ich mich ungern unterhalte, im Gegenteil. Aber Smalltalk liegt mir nicht, und ohne Smalltalk fehlt mir der Einstieg. Ich laufe seit über zwanzig Jahren durch diese Branche und habe immer noch das Gefühl, kein Networking zu können.

Hinzu kommt eine Beobachtung, die ich nicht als Vorwurf verstanden wissen möchte, sondern als nüchterne Feststellung: Auch als Referent wird man erstaunlich selten angesprochen. Ich bekomme durchaus mit, dass Leute in der Nähe stehen, dass sie schauen, dass sie überlegen, aber mich dann nicht ansprechen. Beide Seiten warten also darauf, dass die jeweils andere anfängt, und niemand macht es.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass große Fachkonferenzen sich nicht lohnen würden. Sie leisten etwas, das ich zu Hause nicht bekomme: einen Überblick über ein ganzes Feld in zwei Tagen, den Blick in Nachbardisziplinen, nach denen ich von mir aus nie gesucht hätte, und ein Gefühl dafür, worüber eine Branche gerade spricht. Deshalb fahre ich weiterhin hin. Nur ist das ein anderer Wert als der, den das Versprechen vom Networking in Aussicht stellt.

Eine Ausnahme habe ich lange mit mir herumgetragen. Am 24. September 2011 fand in Brescia die erste italienische Konferenz zu Node.js statt, und ich war damals dort. Rund 250 Menschen aus ganz Europa waren angereist, für eine Technologie, die damals kaum jemand kannte und mit der sich noch kein Geld verdienen ließ. Für Heise habe ich seinerzeit darüber geschrieben.

Was diese Konferenz auszeichnete, war nicht das Programm, sondern die Energie im Raum. Man hatte den Eindruck, an etwas teilzunehmen, das später einmal wichtig sein würde, und dieser Eindruck war offenkundig nicht meiner allein. Es wurde bis nachts diskutiert, ohne dass irgendjemand dazu aufgefordert werden musste.

Im Rückblick war der Grund dafür simpel: Dort saßen ausschließlich Menschen, die für das Thema brannten. Node.js war 2011 keine Karriereoption und kein Pflichtprogramm. Wer hinfuhr, tat das aus Überzeugung. Diese Voraussetzung lässt sich nicht dadurch herstellen, dass man mehr Tickets verkauft.

Fünfzehn Jahre lang ist mir nichts Vergleichbares mehr begegnet. Bis Juli.

Am 13. und 14. Juli 2026 fand in Berlin der IT Business Summit statt, veranstaltet von IT Business Growth. Die Zielgruppe waren IT-Freelancerinnen und -Freelancer sowie Unternehmerinnen und Unternehmer, die Themen waren Positionierung, Akquise und Preisgestaltung. Etwa achtzig bis hundert Menschen waren vor Ort. Ich war als Sprecher eingeladen und habe darüber gesprochen, wie ich vom Entwickler zum Unternehmer wurde, und warum die verbreitete Erklärung, das sei vor allem Glück gewesen, zu kurz greift. Glück braucht es tatsächlich – aber es nützt wenig, wenn die Vorbereitung fehlt und Chancen unerkannt vorbeiziehen.

Ich spreche sonst auf Tech-Konferenzen und war im Vorfeld entsprechend unsicher. Meine Sorge galt nicht dem Thema, sondern dem Publikum. Im Kopf hatte ich das Bild, das die Coaching-Szene der vergangenen Jahre auf YouTube geprägt hat: Menschen, die keinen Satz zustande bringen, ohne „KPIs“, „Challenges“, „Mindset“ und „tackeln“ unterzubringen. Ich fürchtete weniger, dass mein Vortrag nicht zünden würde, als schlicht, keinen Anschluss zu finden.

Es kam vollkommen anders. Dort liefen ganz normale IT-Leute herum, so wie ich, die entweder freiberuflich arbeiten, ein Unternehmen führen oder sich selbständig machen wollen. Und es beschäftigen sie dieselben Fragen wie alle, die eigenständig unterwegs sind: Wie komme ich an Aufträge? Wofür stehe ich? Was ist meine Arbeit wert?

Angefangen hat es bereits am Vorabend, bei einem gemeinsamen Abendessen. Es hat mich einige Überwindung gekostet, überhaupt hinzugehen, und das lag ausschließlich an mir, weil ich unsicher war und nicht wusste, was auf mich zukommen würde. Und: Ich saß dann an einem Tisch mit lauter Menschen, die ich alle nicht kannte.

Statt das irgendwie zu überspielen, habe ich offen gesagt, wie es mir damit geht: dass ich solche Situationen schwierig finde, dass ich nie genau weiß, worüber ich reden soll, und dass mir der Einstieg fehlt. Das war kein Kalkül, eher eine Kapitulation.

Die Reaktion hat mich überrascht. Den anderen am Tisch ging es genauso, und eine Person merkte an, sie fände das eine ungewöhnlich offene und ehrliche Art, ein Gespräch zu beginnen, und eigentlich sei das doch bereits der perfekte Einstieg. Genau das war es dann auch. Wir haben den ganzen Abend geredet, lange und intensiv, und es ging kaum um Geschäftliches, sondern um Persönliches. Ich bin danach mit einem Gefühl auf mein Zimmer gegangen, das ich von Konferenzabenden schlicht nicht kenne.

An diesem Tisch hat sich entschieden, wie ich die restlichen Tage erlebt habe. Was ich jahrelang für ein Defizit gehalten hatte, erwies sich als der bessere Gesprächseinstieg. Nicht, weil Ehrlichkeit eine Technik wäre, sondern weil sie jedem Einstieg überlegen ist, den ich mir vorher hätte zurechtlegen können.

Am nächsten Tag hielt Sandra Löhning von exali einen Vortrag über ebendieses Thema. Ihre Kernthese lautete, Networking werde meist als Frage der Menge verstanden, also möglichst viele Leute zu kennen. Das allein bringe jedoch nichts. Tragfähig werde es erst, wenn echte Verbindungen entstehen. Es gehe nicht um Quantität, sondern um Qualität, quasi „Deep-Networking“.

Die Pointe daran ist, dass ich mich mit ihr am Abend zuvor lange über Introversion, Schüchternheit und die Schwierigkeit unterhalten hatte, ein Gespräch zu beginnen. Der Vortrag war insofern die Fortsetzung von etwas, das längst lief.

Wie ernst es der Veranstaltung mit diesem Gedanken war, habe ich beim Mittagessen gemerkt. Ich kam mit zwei anderen Teilnehmern darüber ins Gespräch, wie Verkaufsgespräche ablaufen. Daraus wurde ein kleines Rollenspiel am Tisch, und anschließend hat sich einer der beiden hingesetzt und mir ein paar Anzeigen für LinkedIn entworfen, einfach um zu zeigen, wie er das Thema angehen würde. Davon hatte er nichts, es hat ihn seine Zeit gekostet, aber er hat sich die Mühe für mich gemacht. Einfach so.

Und das war kein Einzelfall, sondern das Klima der Veranstaltung. Wer mitbekam, dass jemand an einer Stelle nicht weiterkam, bot Hilfe an. Ähnlich verlief das Gespräch mit Philipp Göhner, der über die steuerliche Seite von Unternehmensvermögen gesprochen hatte und sich danach die Zeit nahm, das Thema mit mir in Ruhe durchzugehen.

Auch ich habe anderen Teilnehmern etwas zurückgeben können, indem ich ihre Fragen zum Aufbau meines Unternehmens und YouTube-Kanals beantwortet habe. So viel Gemeinschaft habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt, und erst dort ist mir aufgefallen, wie sehr sie mir gefehlt hat.

Ich habe selbst schon Konferenzen mitorganisiert und weiß daher ungefähr, wie viel Arbeit in so etwas steckt und an wie vielen Stellen es schiefgehen kann. Umso genauer habe ich hingesehen, warum das Miteinander dort funktionierte, und umso beeindruckter bin ich zurückgefahren. Meine Antwort: Es war kein Zufall, sondern das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen.

Die erste betrifft die Größe. Achtzig bis hundert Teilnehmende sind wenig genug, dass man in zweieinhalb Tagen mit fast allen einmal ins Gespräch kommen kann. Man begegnet sich mehrfach, erkennt sich am nächsten Morgen wieder und knüpft an das an, was am Vortag besprochen wurde. Bei hunderten oder gar über tausend Menschen ist jede Begegnung eine Erstbegegnung.

Die zweite betrifft den Ablauf. Die Tische beim Abendessen waren vorab zusammengestellt, sodass niemand mit dem Teller in der Hand nach einem Platz suchen musste. Der Konferenzmorgen wurde nicht von den Veranstaltern eröffnet, sondern von einem Zauberer. Das hätte leicht in Richtung Kindergeburtstag kippen können, aber er hat den Bogen zum Thema geschlagen und das Publikum gleich dazu gebracht, mit den Sitznachbarinnen und Sitznachbarn zu interagieren. Nebenbei sorgte er auf diese Weise dafür, dass die beiden Veranstalter danach auf die Bühne in einem Saal kamen, der bereits wach war – es herrschte eine ganz andere und aufgeheizte Atmosphäre, als ich das von anderen Konferenzen kenne.

Die dritte betrifft die Bühne selbst. Eine Moderatorin führte durch das Programm, souverän und schlagfertig, und trug damit erheblich zur Stimmung bei. Die Sprecherinnen und Sprecher wurden vorher abgeholt und im Hintergrund verkabelt und dann angekündigt, sodass sie durch das Publikum auf die Bühne liefen, statt zuvor unbeteiligt auf der Bühne stehen zu müssen. Das ist eine Kleinigkeit, aber sie verändert die Energie im Raum massiv, und ich werde sie auf anderen Veranstaltungen vermissen.

Die vierte betrifft den Abend. Auf den Konferenztag folgte ein Abendprogramm, das ebenso ernst genommen wurde wie das Bühnenprogramm, bis hin zur Aftershow auf dem Dach. Unterm Strich war das eine Mischung aus Konferenz, Networking und Party, wie ich sie zuvor nicht erlebt habe, und das sage ich als jemand, der Partys eher meidet. Das klingt nach Beiwerk, ist aber genau der Teil, in dem aus einer Gruppe einander unbekannter Menschen eine Gemeinschaft geworden ist.

Bemerkenswert fand ich schließlich, was nicht passiert ist. Die Veranstalter verkaufen selbst Programme für ihre Zielgruppe, und es hätte nahegelegen, die zweieinhalb Tage dafür zu nutzen. Wer wollte, konnte darüber sprechen, wer nicht wollte, wurde in Ruhe gelassen. Zwischen einem Angebot und dem Bearbeiten von Menschen, bis sie zustimmen, verläuft ein schmaler Grat, und dieser Grat wurde nicht überschritten.

Natürlich fällt dort, wo Licht ist, auch Schatten. Konkret hätte ich mir vor allem zwei Dinge anders gewünscht.

Zum einen war es beim Abendessen am Vortag zu laut. Die Akustik des Raums schaukelte sich hoch, bis ein Gespräch mit mehreren Personen nur noch schwer möglich war. Ausgerechnet an der Stelle, an der die Veranstaltung ihre Stärke hatte, arbeitete der Raum gegen sie. Später auf dem Dach war es besser, aber da war die Runde bereits nicht mehr vollständig.

Der zweite Punkt betrifft den dritten Tag. Nach zwei außergewöhnlich dichten Tagen sackte die Energie am dritten Tag spürbar ab, und das Programm wirkte konventioneller als zuvor. Bis zu einem gewissen Grad ist das unvermeidlich, denn niemand hält dieses Niveau beliebig lange. Der Kontrast fiel trotzdem auf.

Beides ist Kritik auf hohem Niveau, und das ist bereits das eigentliche Urteil: Wenn nach zweieinhalb Tagen die Raumakustik als größter Kritikpunkt übrig bleibt, ist sehr vieles anderes offensichtlich richtig gelaufen.

Mit der Node.js-Konferenz in Brescia lässt sich der Summit inhaltlich nicht vergleichen, dafür liegen die beiden Themenwelten zu weit auseinander. Atmosphärisch aber hat Berlin den Maßstab übertroffen, an dem ich fünfzehn Jahre lang alles andere gemessen habe. Damit hatte ich nicht im Entferntesten gerechnet, und ich werde noch lange daran zurückdenken. Anders als 2011 lag es nämlich nicht am Zeitgeist, sondern an Gestaltung.

Ein Patentrezept lässt sich daraus nicht ableiten, wohl aber ein Muster.

Der wichtigste Faktor ist, wer im Raum sitzt. Es funktioniert dann, wenn Menschen zusammenkommen, die für ein Thema intrinsisch brennen. Davon gibt es zu keinem Thema Tausende, und deshalb ist es auf großen Konferenzen ungleich schwerer. Wo es dort gelingt, geschieht es meist in einem einzelnen Track oder in einer Community innerhalb der Veranstaltung, also faktisch in einer kleinen Konferenz in der großen. Kleinere Formate haben es leichter, weil sie persönlicher sind und weil man einander wiedererkennt.

Klein zu sein genügt allerdings nicht. Der Rahmen muss bewusst gestaltet werden. Die Inhalte müssen selbstverständlich stimmen, aber sie sind nicht der Hebel. Der Hebel ist alles, was Menschen in die Lage versetzt, offen miteinander zu sprechen und sich aus ihrer Komfortzone zu bewegen. Das ist Arbeit, und einer Veranstaltung sieht man an, ob diese Arbeit geleistet wurde.

Für Konferenzen gilt damit dasselbe, was Sandra Löhning über das Networking gesagt hat: Qualität statt Quantität. Für Teilnehmende heißt das, weniger Veranstaltungen zu besuchen und bei jeder einzelnen zu wissen, weshalb und mit welchem Ziel man hinfährt. Für Veranstalter heißt es, sich zu fragen, was die eigene Veranstaltung von ihrer Aufzeichnung unterscheidet.

Damit zurück zur Ausgangsfrage. Der Aufwand, den eine Konferenz verursacht, rechtfertigt sich nicht durch ihr Programm, denn das Programm bekommt man auch von zu Hause aus. Er rechtfertigt sich durch das, was zwischen den Programmpunkten passiert. Genau dieser Teil bekommt in der Planung erfahrungsgemäß die geringste Aufmerksamkeit, weil er sich schlechter planen lässt als ein Zeitraster. Ich bin nach Berlin gefahren, ohne zu wissen, ob es sich lohnen würde, und bin auf eine Weise begeistert zurückgekommen, die mich selbst überrascht hat. Konferenzen können sich sehr wohl lohnen. Sie müssen nur entsprechend gebaut sein.

Transparenzhinweis: Ich war beim IT Business Summit als Sprecher eingeladen. Ein Honorar habe ich nicht erhalten, die Reisekosten habe ich selbst getragen, die Hotelkosten hat der Veranstalter übernommen. Eine geschäftliche Verbindung zu IT Business Growth besteht nicht. Im Vorfeld sind zwei gemeinsame Videos mit Pierre Wilken entstanden, Vom Techie zum Unternehmer und KI, Code und die Zukunft der Softwareentwicklung.

(mro)

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