Mit dem Slogan »Ferienzeit ist Lesezeit« werben Buchhändler und Verlage gefühlt seit Jahrhunderten. Stimmt das eigentlich, wollen wir uns ans Buch fesseln lassen während der schönsten Zeit im Jahr? Und was ist das überhaupt, eine »gute Urlaubslektüre«?
Zu zweiter Frage erklärt mir die KI erwartbar unentschieden: »Kommt drauf an, welche Art Urlaub und welche Art Lektüre du willst. Eine pauschale ›gute Urlaubslektüre‹ gibt es nicht — das ist sonst nur eine Sammelkategorie für Bücher, die leicht konsumierbar sind.«
»Leicht konsumierbar« als Kategorie für Texte, die ich im Urlaub lese – nun ja.
Zur ersten Frage kommt von mir ein klares Ja. Ich will lesen, bis ich nicht mehr sitzen, liegen, gucken kann. Klar, ich darf schon während der Arbeitszeit lesen, doch die sogenannte Ferienlektüre ist immer noch ein besonderes Vergnügen. Der wahre Luxus: ohne Notizen, Zettelchen, Hintergedanken einfach mal abtauchen. Losgelöst von Aufgaben und vom Alltag eine neue Welt lesend erfahren – das ist für mich fester Bestandteil eines gelungenen Urlaubs.
Als Kind habe ich auch auf die Sommerferien hingefiebert, weil ich dann ohne Zeitlimit lesen durfte. Konnte ich bis nach Mitternacht das Buch nicht aus der Hand legen, schlief ich am nächsten Tag einfach so lange es nötig war, um dann neu erfrischt die Lektüre fortzusetzen. Als älterer Teenager entwickelte ich die inzwischen verlorene Fähigkeit, stundenlang auf einem Handtuch liegend am Strand zu lesen. Heute brauche ich gepolsterte Sitz- und Liegemöbel im Schatten.
Aber, ach, was soll man lesen? Vielleicht inspiriert Sie diese dritte Ausgabe des neuen SPIEGEL-Literaturnewsletters.
Eine Methode besteht darin, Bücher zu wählen, die mit dem Land zu tun haben, das man besuchen will. Das kann den Schauplatz oder die handelnden Personen oder den Autor betreffen, da muss man nicht streng sein. Für eine Reise nach Sizilien hatte ich vor ein paar Jahren Roberto Saviano mit seinem auf Fakten beruhenden Roman »Falcone« (2024) dabei. Darin erzählt Salviano die erschütternde und spannende Geschichte des italienischen Staatsanwalts, der führend im Kampf gegen die Cosa Nostra der Achtzigerjahre war.
Autor Lawrence Durrell, 1985: Zu Unrecht vergessener Literat
Foto: Neil Libbert / Getty ImagesAuf derselben Reise las ich »Blühender Mandelbaum: Sizilianisches Karussell« von Lawrence Durrell. Der amüsante Reisebericht des britischen Autors erschien erstmals 1977. Einerseits liefert Durrell – zu Unrecht ein fast vergessener Literat – das Porträt einer skurrilen Reisegruppe, die Sizilien vor dem Massentourismus erkundet. Andererseits gibt er eine profunde kulturhistorische Abhandlung über die Geschichte von Italiens größter Insel. Ein Muss für Sizilienbesucher! Und antiquarisch sehr preiswert zu bekommen. Er hat übrigens weitere Reisebücher geschrieben: »Bittere Limonen. Erlebtes Cypern«, erschienen 2004 bei Rowohlt. Oder »Schwarze Oliven. Korfu, Insel der Phäaken«, 1994 ebenfalls bei Rowohlt rausgekommen. Mit Durrell kann man einige Mittelmeerorte erkunden.
Drei Bücher, die ich mit in den Urlaub nehmen würde,...
...hätte ich sie nicht schon gelesen:
»Zugwind« von Iryna Fingerova (Rowohlt). Poetisch und persönlich: Eine junge Ärztin aus der Ukraine versucht, sich in Deutschland zurechtzufinden.
»Einstein im Bade« von Daniel Mellem (Kein & Aber). Lustig und lehrreich: Der berühmte Physiker bekommt in einem vorgeblich fachlichen Streit Schützenhilfe von einem Hotelier, der über seinen Schatten springen muss.
»Entzug« von Christoph Peters (Luchterhand). Krass. Und trotzdem optimistisch. Die authentische Schilderung eines Alkoholentzugs.
Für mich ist die Urlaubszeit die entspannte Zeit für bisher Ungelesenes aller Art. Mit Landesbezug oder nicht, neu oder alt, ganz egal, ich habe schließlich Ferien! Dieses Jahr werde ich endlich die über 700 Seiten der Biografie von Margaret Atwood in Angriff nehmen: »Book of Lives. So etwas wie Memoiren«, erschienen im Berlin Verlag. Ich habe ein paar Seiten Probe gelesen, und es ist so lustig, intelligent und abenteuerlich, dass ich es kaum erwarten kann, richtig einzusteigen.
Die große Literaturgeschichte
Superlative, die begeistern
Dieses Buch liegt weder seit Wochen auf meinem Nachtisch, noch hat es etwas mit meinem Urlaubsziel Apulien zu tun. Doch schon die Überschrift zum Text meines Kollegen Arno Frank hat mich so elektrisiert, dass der neue Roman »Alles Liebe« gute Chancen hat, im Koffer zu landen: »Ronja von Rönne hat ihr bisher bestes Buch geschrieben« .
Früher konnte ich übrigens nicht nur absurd lang ohne Beschwerden bäuchlings im Sand verharren, ich habe auch Bücher, die mir besonders gut gefielen, mehrfach gelesen. Das wäre dann die ultimative Entspanntheit. Kommt vielleicht im Ruhestand.
Was ist das Buch Ihres Lebens?
Vielleicht Kein Ort. Nirgends von Christa Wolf. Ich habe es in meiner frühen Jugend in die Hände bekommen und war schon von den ersten Sätzen wie vom Blitz getroffen. Ich verstand damals weder den Kontext noch die Geschichte. Es waren Titel und Sprache, die etwas in mir berührt haben, das bis heute nachwirkt.
Welches Buch liegt ganz oben auf Ihrem Nachttisch? Und welches lesen Sie gerade?
Ich lese immer mehrere Bücher parallel. Zurzeit Zora del Buono »Seinetwegen« und Florian Illies »Liebe in Zeiten des Hasses«.
Welches Buch wird gerade zu viel diskutiert?
Ich hätte eine freche Antwort. Aber die behalte ich für mich.
Über welches sollte mehr gesprochen werden?
»Drei Gesichter des Antisemitismus. Rechts, links und islamistisch« von Jeffrey Herf. Gibt es für fünf Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Welches Buch sollte ich in meinem Italienurlaub lesen?
Eines der Tagebücher von Brigitte Reimann. Die habe ich mir für diesen Sommer vorgenommen. Leider nicht in Italien.
An wen haben Sie Ihre letzte WhatsApp-Nachricht geschickt – und wie lautet sie?
An den Familienchat: »Ich bin gerade positiv überfordert, nachdem ich jahrelang nur negativ überfordert war.«
Von Anousch Mueller erschien zuletzt der Roman »Lori« bei C.H. Beck. Direkt im SPIEGEL Shop bestellen.
Das ABC des Literaturbetriebs
»Ypsilon hat Jura studiert, Ponys gezüchtet und als Sterbebegleiter gearbeitet«. Das ist ausgedacht, aber nicht unrealistisch. Immer häufiger werden zur Vorstellung von Autoren und Autorinnen auch deren literaturferne Tätigkeiten aufgelistet. Je ferner, desto lieber scheint es, und gern im Dreiklang: »Bevor sie Autorin wurde, hat sie in Kunstgeschichte promoviert und unter anderem als Reisekauffrau, Lebensmittelhistorikerin und Christmas-Pudding-Herstellerin gearbeitet.« Das ist nicht ausgedacht und soll neugierig auf das Romandebüt einer britischen Autorin machen. Nein, nein, nein, kann ich da nur sagen. Gegen ein paar Lebensdaten des Autors, der Autorin ist gar nichts einzuwenden: Geburtsjahr und -ort, frühere Werke, wenn vorhanden. Wenn nicht, lieber die Klappe halten.
Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste
Platz 3, Belletristik Hardcover: Ein Roman über Heimat für den Urlaub? Warum nicht. Etwas Abstand kann ja bekanntlich größere Klarheit bringen. Die Geschichte dreier Frauen aus drei Generationen spielt im Schwarzwald, man kann durch »Die Riesinnen« sicherlich viel über die Mentalität der Schwarzwald-Menschen lernen. Doch das Buch ist nicht nur geeignet für Ferien am Titisee: Die psychologischen Mechanismen, die ein Gefühl der Verbundenheit zu einem Ort bewirken, dürften unabhängig vom GPS-Standort greifen.
Lust auf mehr? Alle SPIEGEL-Bestseller dieser Woche finden Sie hier. Und auch im SPIEGEL Shop.
Belletristik Hardcover
1. Fury Bound · NEU
Sable Sorensen · Goldmann · € 25,00
2. Fünf, sechs, sieben, acht · 5. Woche
Ewald Arenz · DuMont · € 25,00
3. Die Riesinnen · 21. Woche
Hannah Häffner · Penguin · € 24,00
4. Memories of Heidelberg · NEU
Heinz Strunk · Rowohlt · € 23,00
5. Yesteryear · 12. Woche
Caro Claire Burke · Heyne · € 24,00
6. Wie das Schweigen vor der Flut · NEU
Brittainy Cherry · Lyx · € 24,00
7. Guten Morgen, schönes Wetter heute · 5. Woche
Tanja Kokoska · dtv · € 23,00
8. Die Straße · 12. Woche
Robert Seethaler · Claassen · € 25,00
9. Pause · 10. Woche
Lena Kupke · dtv · € 23,00
10. Die Mitternachtsreise · 9. Woche
Matt Haig · Droemer · € 24,00
Sachbuch Hardcover
1. Nein sagen · 19. Woche
Matthias Brandt · KiWi · € 16,00
2. Dear Britain · 10. Woche
Annette Dittert · DuMont · € 24,00
3. Dreihundert Männer · 13. Woche
Konstantin Richter · Suhrkamp · € 30,00
4. Träume aus Feuer · 7. Woche
Florian Illies · Pfaueninsel · € 20,00
5. Die Geschichte in mir · 12. Woche
Rüdiger von Fritsch · Siedler · € 26,00
6. Ein Sommer mit Goethe · 10. Woche
Gustav Seibt · C.H. Beck · € 25,00
7. Alt genug · 21. Woche
Ildikó von Kürthy · Ullstein · € 22,99
8. Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht' · 9. Woche
Jakob Schwerdtfeger · dtv · € 25,00
9. Faschismus ist keine Meinung · 2. Woche
Ilko-Sascha Kowalczuk · C.H. Beck · € 23,00
10. Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello · 20. Woche
Melanie Pignitter · Graefe und Unzer · € 20,00

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