Banken: Citigroup-Chefin: – „In den USA wächst gerade eine gewisse Skepsis gegenüber KI“

vor 10 Stunden 2

Frankfurt. Frau Fraser, seit unserem vorigen Gespräch ist ungefähr ein Jahr vergangen. Damals hatte US-Präsident Donald Trump am sogenannten Liberation Day zum ersten Mal Zölle gegen viele  Handelspartner verhängt. Sie sagten, dies könnte der Beginn einer neuen Phase in der Weltwirtschaft sein – und es wäre schade, wenn Europa seine Chance nicht ergreifen würde. Wie blicken Sie heute darauf? Hat Europa die Chance genutzt?
Ich glaube, noch nicht. Aber die Grundlagen sind weiterhin vorhanden. Europa verfügt über Werte, Talente und eine starke Ingenieurskunst – ebenso über technisches Design und andere wichtige Fähigkeiten. Umso entscheidender ist es, dass Europa sein Potenzial ausschöpft und seine Größenvorteile als Verbund nutzt. Die Welt braucht Europa als Anker der Stabilität, auf verschiedenen wirtschaftlichen wie geopolitischen Ebenen. Die Dringlichkeit ist damit noch größer als bei unserem vorigen Gespräch. Daher ist es traurig, dass wir weniger Fortschritte gesehen haben, als wir gehofft hatten.

Sie waren gerade mit Präsident Trump in China. Was hält Europa aus Ihrer Sicht im Vergleich zu China und den USA zurück?
Ein Teil davon liegt in der Struktur. China und die Vereinigten Staaten sind jeweils ein einzelner Staat – dadurch ist es leichter, Einigkeit herzustellen und Vorhaben entschlossen voranzutreiben. In Europa stehen nationale Interessen zu oft dem übergeordneten Ziel im Weg. Hinzu kommt bisweilen eine Haltung, die eher bewahren will, statt Bestehendes aufzubrechen und neu zu gestalten.

… was ja seit vielen Jahren ein Problem ist …
Lassen Sie mich aber eines betonen: Zwischen Unternehmen und Politik klafft eine Lücke. Ich sehe, dass sich Unternehmen schneller und effizienter anpassen als Staaten. Europa hat außergewöhnliche Unternehmen, die an der Zukunft bauen. Zugleich muss ich anerkennen, dass einige regulatorische Belastungen sie ausbremsen.

In vielen europäischen Ländern ist ein Erstarken rechter und rechtsextremer Parteien erkennbar. Würde es für US-Investoren eine Rolle spielen, wenn sie stärker in der Politik präsent wären?
Investoren sind bereits mit einem enormen Maß an Volatilität konfrontiert. Hinzu kommen Umbrüche durch KI und andere strukturelle Verschiebungen. Viele US-Investoren fokussieren sich vor allem auf diese Trends. Wenn wir über ausländische Direktinvestitionen sprechen, nicht über liquide Wertpapieranlagen, sollte Europa überlegen, welche Anreize es setzen kann und wie sich mehr Direktinvestitionen gewinnen lassen. Das ist schwierig, solange die Energiekosten so hoch sind und die Dynamik am Arbeitsmarkt hier komplizierter ist.

Gibt es denn im Moment überhaupt einen Investment-Case für Europa?
Ich denke, es gibt einen Investment-Case für viele Unternehmen. Aber das politische Umfeld ist entscheidend: Investoren hätten gern politische Stabilität, doch das ist in vielen Ländern womöglich nicht die Realität, gerade mit Blick auf die Wahlen und Unsicherheit in Frankreich, in Großbritannien und hier in Deutschland. Zugleich definieren sich viele Firmen nicht über ein einzelnes Land. Ich schaue da zum Beispiel auf die Mittelstandsunternehmen, die wir betreuen. Sie sind dynamisch, innovativ und unternehmerisch.

Vita Jane Fraser

Jane Fraser ist seit fünf Jahren Vorstandsvorsitzende der Citigroup. Sie ist die erste Frau überhaupt, die eine große Wall-Street-Institution leitet. Nach Stationen bei Goldman Sachs und McKinsey wechselte die gebürtige Schottin 2004 zu Citi und erwies sich in ihrer Position als CEO als geschickte Saniererin. Das US-Magazin „Fortune“ zeichnete die 58-Jährige Ende Mai als „

Most Powerful Woman in Business

“ aus.

Die Citigroup ist Amerikas drittgrößte Bank und das internationalste der großen US-Institute. Fraser hat der Bank 2023 eine ambitionierte Neuorganisation verordnet. Sie strich 20.000 Stellen, verabschiedete sich aus 14 Märkten und kürzte die Hierarchie-Ebenen von 13 auf 8. Bei Analysten kommt das gut an. Der Akteinkurs stieg in den vergangenen zwölf Monaten um 70 Prozent.

Klingt, als käme jetzt ein „Aber“ …
Strukturell muss Europa bei den Themen, über die wir schon beim vorigen Mal gesprochen haben, schneller vorankommen: bei der Regulierung und vor allem bei einer Spar- und Investitionsunion. Europa benötigt enorm viele Investitionen, sei es in Energie, in Verteidigung, in verlässliche Lieferketten und Ähnliches. Europa sollte auch am Verbriefungsmarkt aktiver sein. Das würde Bankkapital freisetzen, das zur Finanzierung notwendiger Investitionen genutzt werden könnte. Es ist ehrlich gesagt frustrierend, dass das nicht schneller vorangeht.

Ist es realistisch, dass Europa noch aufholt, gerade mit Blick auf Technologie?
Aufholen ist möglich. Aber es ist schwer, besonders angesichts der industriellen Stärke Chinas. Die liegt heute in der Fertigung. Über 50 Prozent der Roboterfirmen der Welt sitzen in China. Das Land dominiert bei der physischen KI. China ist auch sehr viel eigenständiger geworden. Denken Sie an die Breite der Energiequellen und dass immer mehr Branchen eigenständig geworden sind. Das ist eine sehr bewusste Strategie, und China hat sie schnell umgesetzt. Das macht den Wettbewerb für manche deutsche Branchen schwerer.

In den USA wächst gerade eine gewisse Skepsis gegenüber KI. In Europa spüre ich das bislang weniger.

Der größte Druck lastet offensichtlich auf der Autoindustrie – Stichwort E-Autos.
Oh ja. Es gibt 300 E-Auto-Hersteller in China, nicht nur einen. Aber es ist wichtig, das Endprodukt von der Lieferkette zu trennen. Einige der deutschen und europäischen Autozulieferer beliefern auch China. Genau hier kann Europa potenziell eine andere Rolle spielen: Europa kann starke Beziehungen sowohl zu China als auch zu den USA pflegen. Die Chance besteht darin, sich stärker an einer Win-win-Situation zu beteiligen statt an einem Nullsummenspiel.

Vor einem Jahr sagten Sie, wir könnten den Beginn einer neuen Weltordnung erleben. Im Rückblick: Waren Sie damals zu pessimistisch?
Bei Zöllen und politischer Unsicherheit wusste niemand von uns das so genau. Ich bin lieber etwas vorsichtiger, gerade als Bankerin, als zu optimistisch. Und viele der Zölle sind inzwischen reduziert oder ganz abgeschafft worden. Aber das, was wir alle unterschätzt haben, ist, wie anpassungsfähig und widerstandsfähig insbesondere die größeren Unternehmen waren. Vor allem in den USA war ja die Gewinnentwicklung extrem stark.

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Erwarten Sie, dass das US-Wachstum dieses Jahr robust bleibt?
Mit einer Rezession rechnet derzeit niemand, und das Wachstum wirkt ziemlich robust. Hinzu kommen enorme Transformationsinvestitionen, gerade in die KI-Infrastruktur. Aber den Arbeitsmarkt muss man im Blick behalten. In den USA wächst gerade eine gewisse Skepsis gegenüber KI. Hier in Europa spüre ich das bislang weniger – aber die US-Entwicklung kann ein Vorbote sein. Optimistischer stimmt mich, dass der Fokus stärker auf Wachstum liegt – auf der Umsatzseite und der konkreten Anwendung von KI. Und eben nicht mehr nur auf Programmierung und Effizienz.

Wirkt sich KI bereits auf den US-Arbeitsmarkt aus?
Der Infrastrukturausbau hat Arbeitsplätze geschaffen. Ich glaube nicht, dass die großen Auswirkungen von KI auf den Stellenabbau in diesem Jahr spürbar werden. Was wir eher gesehen haben, ist Automatisierung, die einige manuelle Tätigkeiten ersetzt.

Wie lange wird es dauern, bis die Auswirkungen der Arbeitsplatzverluste in der US-Wirtschaft spürbar werden?
Das wissen wir noch nicht. Wenn jemand hier Gewissheit für sich beansprucht, bin ich sehr skeptisch. Wir werden ein Auf und Ab sehen, ein ständiges Geben und Nehmen, und der zeitliche Verlauf wird alles andere als gleichmäßig sein.

Die Märkte stellen sich auf eine Welle von Mega-Börsengängen ein – der des Raumfahrtunternehmens SpaceX wird der erste und größte sein. Citi ist eine der Banken, die den Börsengang begleiten. Manche sagen, das fühle sich an wie 1999, und diese großen IPOs seien der Höhepunkt der guten Börsenstimmung. Wie sehen Sie das?
Erstens hatten wir über einen langen Zeitraum hinweg einen enormen Mangel an Börsengängen. Ich würde gern mehr IPOs sehen, auch solche aus dem Private-Equity-Bereich, denn das ist gut für die öffentlichen Märkte. So gibt es ein breiteres Spektrum an Beteiligungsanlagen, das die Wirtschaft abbildet. Es wäre daher hilfreich, diesen Rückstau abzubauen. Aber ja, es stehen sehr, sehr große Börsengänge bevor. Manche Investoren halten Kapital bereit, um sich daran zu beteiligen. Es sind spannende Unternehmen, und die Vision von SpaceX ist ziemlich atemberaubend.

Elon Musk: Der SpaceX-Gründer bereitet einen Rekord-Börsengang vor. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Ist das der Höhepunkt der Euphorie?
Ich glaube nicht, dass es das Ende ist. Aber es könnte gemessen daran, was in den nächsten zwölf Monaten an den Markt kommt, ein Spitzenjahr sein. Außerdem sollte sich der Markt nicht nur auf die Megadeals verlassen. Man wünscht sich diese breitere Pipeline, nicht nur die ganz großen Transaktionen.

Die Aktienrally wirkt konzentriert und momentumgetrieben. Sieht der Aktienmarkt für Sie gesund aus?
Die Bewertungen waren hoch, einige sind auf realistischere Niveaus zurückgekommen. Es liegt viel Transformation vor uns. Die zentralen Fragen lauten: Welche Branchen werden zur Massenware, welche werden ersetzt – und wie schnell? Die Märkte waren etwas überschwänglich. Daher bin ich, was die Märkte angeht, vorsichtig.

Die Aktienmärkte wirken optimistisch, die Anleihemärkte eher pessimistisch. Was halten Sie von diesem Spannungsverhältnis?
Wir haben ungewöhnliche Dynamiken gesehen. In den USA ging normalerweise der Dollar in die eine Richtung, wenn der Aktienmarkt in die andere ging. Doch zuletzt liefen beide in dieselbe Richtung, und alle waren verwirrt. Inflation und Zinsen werden die großen Treiber der Anleihemärkte sein. Und die Sorge vor steigenden Zinsen könnte auch die Aktien beeinflussen.

Was ist im Moment das größte Risiko an den Märkten?
Cyber. Das ist es, was mich nachts wachhält. Citi investiert stark in die Abwehr, für unsere Kunden, für die Bank und für das Finanzsystem. Eine Sache ist wichtig: Beim Thema Cyber konkurrieren wir nicht. Wenn es um Deals geht, kämpfen Banken bis aufs Messer. Aber bei der Verteidigung des Systems gibt es eine enge Zusammenarbeit. Dennoch beschäftigt es jeden an der Wall Street.

Die Leute bei Citi sind heute hungriger als früher. Das gefällt mir.

Die Tatsache, dass die USA wirtschaftlich und an den Finanzmärkten ein Comeback hingelegt haben – ist das trotz Präsident Trump oder seinetwegen?
Ich werde nicht über Politik reden. Aber ich kann über die Ergebnisse politischer Maßnahmen sprechen. Im Bankwesen etwa hat es eine Verschiebung hin zur Konzentration auf reale finanzielle Risiken gegeben, statt auf noch mehr Bürokratie, Offenlegung, Dokumentation und Governance. Das war von Vorteil. Wir haben auch erlebt, dass manche überzogene Regulierung, die dem Bau von Fabriken, Energieanlagen und Ähnlichem im Weg stand, zurückgefahren wurde. Dieser Vorstoß war sehr vorteilhaft. Auch einige Änderungen im Steuergesetz waren hilfreich.

Der Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) hat ebenfalls angezogen …
Das stimmt. Es gab viele verschiedene Maßnahmen, die für Unternehmen hilfreich waren und sicherlich mehr Konsolidierung und M&A-Aktivität freigesetzt haben, was zusammengenommen sehr stark war. Die Regierung hat also viel Potenzial freigesetzt, das sich bis dahin aufgestaut hatte.

Sie sind seit fünf Jahren CEO von Citi und haben die große Aufgabe, die Bank umzubauen, um sie schlanker und effizienter zu machen. Wo steht die Bank derzeit?
Ich sage immer: Frauen sind gut im Multitasken. Und Citi hat gezeigt, dass die Bank das auch kann. Wir haben vieles gleichzeitig getan: Veräußerungen, Modernisierung, das Angehen regulatorischer Themen sowie Investitionen in Innovation und Wachstum. Das war nicht einfach, aber wir haben über fünf Geschäftsbereiche hinweg eine positive operative Hebelwirkung gesehen, verbesserte Renditen und stärkeres Wachstum in den Bereichen Services, Markets und Wealth. Die Leute bei Citi sind heute hungriger als früher. Das gefällt mir. Und der Beweis liegt in den Ergebnissen. Wir hatten ein sehr starkes Umsatzwachstum. Im vergangenen Quartal waren es 14 Prozent.

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… prozentual mehr als jede andere Bank an der Wall Street …
Aber das ist nur eine Zwischenstation, wir sind nicht am Ziel.

Sie haben ein „hungrigeres Citi“ beschrieben. Doch es gab auch kulturelle Kontroversen um Vis Raghavan und Andy Sieg, die Leiter des Investmentbankings beziehungsweise des Wealth Managements. Es gab Vorwürfe des Mobbings. Was sagen Sie dazu?
Bei Citi ist kein Platz für Mobber, und wenn wir irgendeinen Beleg dafür hätten, dass dies der Fall ist, wären die Leute nicht mehr da. Wir haben Veränderer geholt, ihnen schwierige Mandate gegeben, und sie haben geliefert. Die Ergebnisse können Sie sehen. Die neue Citi ist ausgerichtet auf Zusammenarbeit und Verantwortlichkeit. Wenn wir sehen, dass sich Menschen schlecht verhalten, haben sie keinen Platz in der Firma. Aber wenn es unbegründete Behauptungen gibt, dann stellen wir uns hinter unsere Führungskräfte.

Frau Fraser, vielen Dank für das Interview.

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