Noch zwei Tage vor ihrem Tod im Mai 2025 trat die 103-jährige Margot Friedländer auf und tat, wofür sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland im hohen Alter berühmt geworden war: Sie sprach als Zeitzeugin, als einer der wenigen Menschen, die noch aus eigener Anschauung davon berichten können, was es heißt, den Nationalsozialismus überlebt zu haben. Ein knappes Jahr später sitzt man Margot Friedländer gegenüber, die VR-Brille drückt etwas, ansonsten ist die Illusion, man befände sich in einem Raum mit ihr, ziemlich gelungen. Dreht man sich um, ist da die Wand, das Fenster, nach einer 360-Grad-Wendung kommt die aufrechte Dame im Kostüm wieder ins Bild und spricht davon, wie sie sich vor der Gestapo versteckte, die schon vor der Tür der Wohnung wartete.
Die Frage, wie die Erinnerung an die NS-Zeit wachgehalten kann, wenn alle tot sind, die dabei waren, hat Friedländer beschäftigt, da ist es folgerichtig, dass sie die Protagonistin eines Virtual-Reality-Projekts ist, das eine Antwort geben möchte. „Die wenige Zeit“ entstand an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und ist Teil des neuen, dort angesiedelten „Zentrum Jüdischer Film und Audiovisuelles Erinnern“, das am Mittwoch eröffnet hat.
„Die Zweiflers“ wären ein guter Forschungsgegenstand
Die Erinnerungsarbeit, die in der bundesweit einmaligen Einrichtung geleistet werden soll, ist vielschichtig. Neben eigenen Projekten, die neue erzählerische und technologische Möglichkeiten ausloten und sich langfristig nicht auf den Holocaust beschränken sollen, soll „jüdischer Film“ als interdisziplinärer und nach außen vernetzter Forschungsbereich etabliert werden, der Rezeptionsgeschichte, Produktionskontexte und gesellschaftliche Diskurse thematisiert und zugleich die Sinnhaftigkeit der Etikettierung durchaus hinterfragt. Dabei kann das neue Zentrum auf der Arbeit vergangener Jahre an der Filmuniversität aufbauen. Noch in diesem Jahr soll eine Datenbank zum „Jüdischen Filmerbe“ online gehen, die Lea Wohl von Haselberg, die die neue Institution aufbauen und wissenschaftlich leiten wird, mitentwickelt hat.
Das Forschungsinteresse erstreckt sich dabei auch aufs Heute. Sehr gern würde sie zum Beispiel ein Projekt zu „Die Zweiflers“ beginnen, jene preisgekrönte deutsche Serie um eine jüdische Familie in Frankfurt, an der sich exemplarisch untersuchen ließe, wie Jüdinnen und Juden die Darstellung des Jüdischseins dort wahrnehmen und wo es Überschneidungen gibt zwischen potentiell antisemitischen Fremd- und Autostereotypien.
So könnte eine Baracke in Theresienstadt ausgesehen haben: VR-Darstellung aus „Die wenige Zeit“Filmuniversität BabelsbergZum Themenfeld „audiovisuelles Erinnern“ gehört auch das Projekt „In Echt“, das schon als Ausstellung auf Tour war. 22 NS-Zeitzeugen wurden in Babelsberg, New York und Warschau interviewt und aus 36 Kamerawinkeln gefilmt, was wie bei Margot Friedländer die Generierung eines 3-D-Videos erlaubte. In Virtual-Reality-Köfferchen transportabel gemacht, sollen sie bald auch in Schulen zu Besuch kommen. Schüler würden bei der Begegnung mit den Zeitzeugen-Avataren ein hohes Maß an kognitiver Empathie zeigen, sagte Björn Stockleben, einer der vier Gründungsprofessoren des Zentrums. „Sie setzen sich mit Mimik und Gestik auseinander, fragen sich, was die Befragten im Moment des Interviews gefühlt haben mögen“. Da könne man im Unterricht ansetzen.
Während Zeitzeugen-Interviews in 3D-Technik schon vielerorts eingesetzt werden, lotet „Die wenige Zeit“, die erzählerischen Möglichkeiten virtueller Geschichtsvermittlung aus. In der 20-minütigen „VR Experience“, für die die Bezeichnung „Film“ tatsächlich unzureichend scheint, sieht man sich auch in die Kreuzberger Wohnung der Friedländers und in eine Baracke des Konzentrationslagers Theresienstadt versetzt.
Man kann dort herumlaufen, blickt auf Stockbetten, gestapelte Koffer, eine von Wand zu Wand gezogene Leine, an der Wäsche trocknet. Den Raum gab es so nicht, er wurde mithilfe von Fotos und Zeichnungen nachempfunden, in die Scans einer realen Baracke wurden 3D-Modelle montiert. Das Ergebnis verbirgt seine Künstlichkeit nicht, tendiert dadurch aber ins Harmlos-Bilderbuchhafte. Wie viel Rekonstruktion ist erlaubt? Wo beginnt die Geschichtsverfälschung? Und wie kann die emotionale Verbindung zum Nationalsozialismus, dieheute noch viele Familien haben, die künftigen Generationen aber fehlen wird, durch emotionalisierte Erzählweisen ersetzt werden? Fragen wie diese sollen in Babelsberg in Zukunft sowohl provoziert als auch beantwortet werden.

vor 3 Stunden
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