Sommerzeit ist Reisezeit. Wer wenig Zeit oder Geld hat, muss sehen, wie weit er in welcher Zeit kommt. Dabei helfen isochrone Karten: Vor 145 Jahren veröffentlichte der britische Naturforscher und Schriftsteller Sir Francis Galton die erste Karte dieser Art, die er „Isochronic Passage Chart“ nannte.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
Die Weltkarte zeigte in 10-Tagesschritten, wie weit man mit „weiterführenden Reisemitteln, die keine unbotmäßigen Kosten verursachen“ von London aus kommt. Sein Fazit, das er in den „Proceedings of the Royal Geographical Society“ veröffentlichte: „In 20 Tagen erreicht man das Ende der Zivilisation“.
Die vermutlich erste isochrone Weltkarte, veröffentlicht von Francis Galtons im Jahr 1881. Zu sehen sind geschätzte Reisezeiten von London aus, mit denen damals üblichen Reisemethoden unter vertretbarem Kostenaufwand.
(Bild: Francis Galton, gemeinfrei)
Francis Galton, der sich als Afrikaforscher einen Namen gemacht hatte, war als Wissenschaftler wie als erfindungsreicher Statistiker sehr an Karten und Daten interessiert. Er veröffentlichte 1875 als Erster eine tägliche Wetterkarte mit eingezeichneten Isobaren in der Times – auch wenn sie zunächst immer das Wetter des Vortages zeigte. Seine isochrone Weltkarte entstand nach dem Studium von Eisenbahn- und Schiffsverbindungen, nach den Fahrplänen von Fähren und Flussdampfern.
Karten mit Zeitangaben
Wie wichtig diese Planungsdaten waren, hatte er zuvor bereits 1855 in seinem populären Buch The Art of Travel (PDF-Datei) beschrieben. Der von Galton eingeführte Begriff isochron stammt aus dem Griechischen und ist aus Iso (gleich) und Chronos (Zeit) abgeleitet. Seine Karte „ist nur eine generelle Einführung in das Prinzip dieser Darstellung, das in künftigen Veröffentlichungen weiter ausgearbeitet werden kann“, schrieb er.
Isochrone Fußwegkarte mit Startpunkt Brandenburger Tor in Berlin. Die Ziele im grünen Bereich erreicht man zu Fuß in 5 Minuten, der Rote Bereich bildet mögliche Ziele innerhalb von 10 Minuten per Pedes (1,6 km/h) ab.
(Bild: Klaus Mueller - Erstellt mit http://openrouteservice.org/, CC BY-SA 3.0)
Die britische Sicht auf Weltreisen überließ Galton später dem Kartographen John George Bartholomew, der in verschiedenen Auflagen seines „Atlas of Commercial Geography“ für 1889 und 1914 eine entsprechende Weltkarte veröffentlichte. Galtons Idee isochroner Karten fand schnell Verbreitung. 1887 veröffentlichte der in Wien lehrende Geograph Albrecht Penck die erste „Isochronenkarte der österreichisch-ungarischen Monarchie“ mit Wien als Fixpunkt.
Im Jahre 1903 veröffentlichte der Geograph Wilhelm Schjerning in der „Zeitschrift für Erdkunde zu Berlin“ eine Serie von isochronen Karten von Brandenburg, die jeweils von Berlin ausgehend die Reisezeiten für die Jahre 1819, 1851, 1875, 1899 und 1903 zeigten, um den Einfluss des Eisenbahnbaus zu illustrieren. Seine Untersuchungen sind hier fortgeführt worden und reichen bis zum Jahr 2015.
Isochrone Karten der Gegenwart
Auch in der hiesigen Urlaubszeit werden viele Reisen starten, mit dem Unterschied, dass nicht jeder Mensch 10 oder 20 Tage Zeit für die Anreise hat wie zu Galtons Zeiten. Heute helfen Dienste wie der isochrone Zugstreckenservice Chronotrains, der etwa zeigt, wie weit man in fünf Stunden entspannter Bahnfahrt kommt. Er ist mittlerweile ein umfassender Service geworden, der auch Nachtzugstrecken erfasst, auf denen man größere Entfernungen ausgeschlafen zurücklegen kann.
Entsprechende isochrone Angebote mit Einbettung des ÖPNV sind auch abseits der Reiseplanung im Alltag sehr nützlich. Ähnlich sah es Galton: Karten dieser Art „eignen sich für Kontinentalreisen wie für Ausflüge in der Umgebung“, schloss er seine Erläuterungen.
(mawi)











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