Der Wehrbeauftragte Henning Otte (CDU) beginnt bei der Vorstellung seines ersten Wehrberichts mit der aktuellen Krise: Seine Gedanken seien bei den Soldatinnen und Soldaten im Nahen Osten, über 500 Bundeswehrkräfte sind derzeit nach Angaben des Verteidigungsministeriums in der Region. Otte, der sich als „Sprachrohr der Soldaten“ sieht und seit Mai vergangenen Jahres im Amt ist, will versuchen, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, sagt er. Es sei eine „Aufgabe der Fürsorge“ darüber nachzudenken, ob die Einsätze noch notwendig seien oder die Soldatinnen und Soldaten dort abgezogen werden könnten.
Der Wehrbeauftragte des Bundestags appelliert an die Regierung, sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren: Bündnis- und Heimatschutz. Als Mängelbericht, als der er in der Vergangenheit oft wahrgenommen wurde, will Otte seinen ersten Wehrbericht nicht verstanden wissen.
Wenn sich zu wenige freiwillig melden, wäre die Wehrpflicht „der nächste konsequente Schritt“
Die größte Herausforderung für die Truppe bleibt in den kommenden Jahren der Personalaufwuchs. 260 000 aktive Soldatinnen und Soldaten bis Mitte der 2030er-Jahre hält Otte für „zwingend“, nur so entstehe eine „glaubhafte Abschreckung“, derzeit sind es etwas mehr als 184 000 Soldaten. Die Richtung stimmt zwar: Rund 3000 Soldatinnen und Soldaten wurden im Jahr 2025 eingestellt.
Skeptisch ist Otte dennoch, ob die gewünschte Truppenstärke vor allem durch das derzeitige Wehrdienstmodell erreicht werden kann, das auf Freiwilligkeit setzt. „Sollte das derzeitige Modell der Freiwilligkeit tatsächlich nicht genügend Aufwuchs bringen, ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt“, heißt es im Bericht. Otte beklagt die nach wie vor hohen Abbruchquoten, die bei rund 20 Prozent liegen. „Es gibt ein Grummeln in der Truppe: Werden wirklich die Ziele schnell genug erreicht?“, sagt Otte.

Damit es mit der Abschreckung dauerhaft was wird, braucht die Bundeswehr Frauen. „Das Potenzial an Frauen in der Bundeswehr ist auch 25 Jahre, nachdem die Bundeswehr alle Bereiche für sie geöffnet hat, nicht ausgeschöpft“, konstatiert der Wehrbericht und widmet den Frauen deswegen ein eigenes Kapitel.
Der Frauenanteil der Truppe ist nach wie vor gering, 2025 betrug er 13,7 Prozent. „Nach wie vor viel zu wenig“, sagt Otte. Der Frauenanteil in der kämpfenden Truppe ist noch geringer und liegt bei zehn Prozent, bei Berufssoldaten sind es außerhalb des medizinischen Personals nur sieben Prozent. „Das Verteidigungsministerium erkennt, dass die Bundeswehr unbedingt mehr Soldatinnen braucht“, heißt es im Bericht.
Vor allem für Soldatinnen sei es schwierig, Dienst und Familie zu vereinbaren
Doch dauerhaft könne es nur mehr Frauen in Kampfverbänden geben, wenn „die Bundeswehr jeglicher Form von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts entschieden entgegentritt“, heißt es im Bericht. Tatsächlich ist die Bundeswehr damit im vergangenen Jahr nicht oft positiv aufgefallen. Im Herbst 2024 gab es erste Hinweise auf massives Fehlverhalten im Fallschirmjägerregiment 26, unter anderem soll Soldatinnen mit Vergewaltigung gedroht worden sein. Auf Partys sollen NSDAP-ähnliche Outfits getragen worden sein, Soldaten sollen „Sierra“ gerufen haben, worauf mit „Hotel“ geantwortet wurde, ein Code für die Losung „Sieg Heil“. Von Kokainkonsum wurde berichtet. Interne Ermittlungen kamen trotzdem erst im Sommer 2025 in Gang.
Inzwischen geht Generalleutnant Christian Freuding, der federführend mit der Aufarbeitung beauftragt wurde, von 55 Beschuldigten aus, in 18 Fällen wurden Disziplinarmaßnahmen verhängt, 16 Fälle sind so gravierend, dass eine Abgabe an die zivile Staatsanwaltschaft erfolgt sei.
Eine Reaktion ist eine Dunkelfeldstudie, die Mitte 2026 Ergebnisse vorlegen soll. Sie bringe hoffentlich die „nötige Klarheit“, sagte Otte am Dienstag. Im vergangenen Jahr wurden dem Amt des Wehrbeauftragten 370 Sachverhalte im Bereich sexuelle Selbstbestimmung gemeldet, zudem wurden insgesamt 93 Sachverhalte im Bereich Mobbing gemeldet.
Doch es ist nicht nur der Umgangston, der es Frauen in der Truppe erschwert. Vor allem für Soldatinnen sei es schwierig, Dienst und Familie zu vereinbaren, sagte Otte. Für die Attraktivität der Truppe, heißt es im Bericht, sei es wichtig, die „Flexibilisierung von Arbeitszeitmodellen im Grundbetrieb zu erhalten“ – und mit Blick auf die „Anforderungen der Zeitenwende“ zu modernisieren.











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