Anstand auf (fast) allen Seiten in BaWü: Wie ein Posting den Wahlkampf eben nicht aufwühlte

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Das Posting, mit dem diese Geschichte beginnt, ist es gar nicht wert, ausführlicher zitiert zu werden. Es geht um Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen für die Wahl in Baden-Württemberg am kommenden Sonntag. Ein CDU-Mitglied schrieb auf X allerlei, was wohl am kürzesten als rassistische Entgleisung beschrieben werden kann: wüste Spekulationen darüber, was Özdemir als Muslim im Amt des Ministerpräsidenten anstellen und wie er die Scharia befördern würde.

Ausgerechnet Özdemir. Der nennt sich selbst einen „säkularen Muslim“ und ist bekannt dafür, sich mit klarer Kante gegen Islamismus einzusetzen. Die Probleme, die durch Migration in den vergangenen Jahren entstanden sind, hat er immer wieder schonungslos benannt. In der eigenen Partei machte er sich unbeliebt, als er öffentlich darauf hinwies, seine Tochter werde regelmäßig in der Stadt von Männern mit Migrationshintergrund „unangenehm begafft oder sexualisiert“.

Um dieses Posting soll es also nicht gehen. Sondern um das, was danach geschah. Manuel Hagel, der gerade als CDU-Spitzenkandidat ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Özdemir austrägt, meldete sich persönlich zu Wort: „So ein Unsinn. Das ist nicht unser Wahlkampfstil, das ist nicht unsere CDU. Lasst uns alle in den letzten Tagen des Wahlkampfes fair und respektvoll miteinander umgehen.“

„Vielen Dank! Genau so machen wir es! Ihr Cem Özdemir“, kam die Antwort postwendend. Ein bisschen Bromance im Ländle, Respekt und verbale Abrüstung auf den letzten Wahlkampfmetern. Auch mal schön in Zeiten der gesellschaftlichen Polarisierung. Und ein weiteres bemerkenswertes Kapitel in dem turbulenten Wahlkampf, in dem sich Hagel zuletzt wegen der rehbraunen Augen einer minderjährigen Schülerin unverhofft gewaltig in der Defensive wiederfand.

Dann meldete sich noch Serap Güler zu Wort, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Vorsitzende der CDU Köln. „Sorry für den völlig inakzeptablen Tweet eines Mitglieds der CDU Köln“, postete sie adressiert an Hagel und Özdemir, samt Link zu einer ausführlichen Erklärung.

„Die getätigten Aussagen in dem Posting sind mit dem Menschenbild der CDU unvereinbar“, heißt es darin. Die CDU Köln distanziere sich ausdrücklich und kritisiere die Aussagen auf das Schärfste. Gegen den Verfasser werde ein Ordnungsverfahren eingeleitet, er sei schon in der Vergangenheit mit nicht zu ertragenden Äußerungen aufgefallen und spiele im Kreisverband keinerlei Rolle.

Die Zeiten, in denen eine solche Entgleisung am Kneipen-Stammtisch verhallt wäre, sind lange vorbei. Heutzutage erreichen solche Worte die Spitzenkandidaten persönlich. Umso schöner, wenn die Geschichte dann aber auch ihr Ende hat.

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