In seinen phänomenologischen Schriften kommt Hans Blumenberg auf die Frage zu sprechen, wodurch der Mensch weiß, dass er ein Aussehen hat. Er weiß es, lautet die Antwort, weil er verschieden aussieht. Man müsse sich nur vorstellen, die Gene hätten für ein gleiches Aussehen aller Menschen gesorgt. Ob ich oder ein anderer aus dem Spiegel mich anschaut, ließe sich nicht allein am Bild erkennen. Dann wäre Aussehen, so Blumenberg, gleichgültig und „bewusstseinstot“. Die Individualisierung des Gegenübers müsste stattdessen von Attributen wie Kleidung, Orden oder Namensschildern geleistet werden. Die Menschen könnten leichter vertauscht werden.
Der ehemalige Nationalspieler Rafael van der Vaart hat als Experte des niederländischen Fernsehens diese Überlegung gerade exemplifiziert. Den späten Ausgleich der Japaner gegen die Niederlande erklärte er damit, der niederländische Verteidiger Micky van de Ven habe den Torschützen Daichi Kamada beim Eckball vielleicht aus den Augen verloren, weil die japanischen Spieler ja alle gleich aussähen.

Natürlich folgte Empörung. Es half van der Vaart nichts, dass er nachschob, das sei als Witz gemeint gewesen. Er bat um Entschuldigung, er verstehe, wenn jemand sich verletzt fühle, Rassismus sei ihm fremd.
Der „Other-Race-Effect“ beruht auf der Häufigkeit von Kontakten
Dass Mitglieder verschiedener Ethnien das Aussehen der anderen weniger individualisiert finden, ist eine bekannte Tatsache. In einem Kriminalroman von Ian Rankin resignierte einst ein pakistanischer Augenzeuge beim Durchblättern durch die Datei vorbestrafter Schotten: „Die sehen doch alle gleich aus.“ Dieser „Other-Race-Effect“, der auf der Häufigkeit von Kontakten und nicht auf der ungleichen Unterschiedlichkeit von Gesichtszügen beruht, tritt, psychologischen Studien zufolge, schon bei Kindern vor Erreichen des ersten Lebensjahres auf. Van der Vaart, der unter anderem in Amsterdam, Hamburg, Madrid und London gespielt hat, fand dort offenbar keine Gelegenheit, ihn zu überwinden.
F.A.Z.Interessant ist seine womöglich witzig gemeinte Erklärung der Verwirrung im niederländischen Strafraum gleichwohl. Denn spätestens seit dem englischen Pokalfinale von 1933 helfen im Fußball die Rückennummern noch dem kurzsichtigsten Verteidiger bei der Identifikation der Gegner. Damals trug das Team Evertons die Nummern 1 bis 11, die Mannschaft Manchester Citys die Nummern 12 bis 22.
Heute sind allen Teams Nummern zwischen 1 und 99 erlaubt. Für den früh verstorbenen Hicham Zerouali vom schottischen FC Aberdeen, der den Spitznamen „Zero“ trug, machte sein Verband eine Ausnahme: Er durfte mit der 0 auflaufen und war gerade darum kein Niemand. So wenig wie der chilenische Stürmer Iván Zamorano, der bei Inter Mailand seine Rückennummer 9 an Christiano Ronaldo abgeben musste, woraufhin er die 18 wählte und mit einem Pluszeichen zwischen 1 und 8 auftrat.
Verteidiger van de Ven hätte also Kamada leicht durch dessen Nummer 15 von allen anderen Japanern unterscheiden können. Für besonders orientierungsschwache Niederländer hat die FIFA sogar durchgesetzt, dass die Rückennummern auch auf der Vorderseite der Trikots angebracht sind. Eine letzte Merkhilfe bestand schließlich darin, dass Kamadas 15 van de Vens eigene Rückennummer ist. So viel Vergesslichkeit musste einfach bestraft werden.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

vor 6 Stunden
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