Pynchons „Gravity’s Rainbow“: Der voll ausgegorene Dichter

vor 2 Tage 4

Es beginnt in London in einer Bombennacht des Zweiten Weltkriegs, als eine deutsche Rakete jenseits des Kanals startet, und es endet – ja, wo eigentlich? Wieder in London, als die deutsche Rakete einschlägt, „stürzend mit mehr als einem Kilometer pro Sekunde, absolut und für immer ohne Schall, ihren letzten, unmessbaren Spalt über dem Dach dieses alten Kinos erreicht, das letzte delta-t“. Also jene winzige Zeitspanne, die den Beschossenen noch gegeben ist. Eine halbe Seite später, nach Ablauf von delta-t und nach fast zwölfhundert Seiten insgesamt, bricht der Roman ab. Und man will sofort wieder mit der Lektüre anfangen.

Als Thomas Pynchons „Gravity’s Rainbow“ im Jahr 1973 erschien, war der Wahnsinn des Vietnamkriegs für die Amerikaner gerade vorbei, denn mit dem Pariser Vertrag hatten die USA ihr aktives militärisches Engagement in Indochina beendet. Doch Pynchon, Jahrgang 1937 und ehemaliger Wehrdienstleistender in der Navy, rieb seinem Land in der riesigen Farce, die „Gravity’s Rainbow“ ist, unter die Nase, dass ein Krieg für die daran Beteiligten niemals endet: Es fängt immer wieder an.

Ins Herz der deutschen Finsternis

Die Romanhandlung erstreckt sich zwischen dem Anflug der Rakete und ihrem Einschlag über den europäischen Kriegsschauplatz und noch Jahrzehnte später bis nach Los Angeles, wo der Schriftsteller zur Zeit der Niederschrift wohnte – eines der wenigen Facta, die man über den seit mehr als sechzig Jahren im Verborgenen lebenden Pynchon sicher weiß.

Der Umschlag der Erstausgabe von Thomas Pynchons Roman „Gravity’s Rainbow", 1973Der Umschlag der Erstausgabe von Thomas Pynchons Roman „Gravity’s Rainbow", 1973RTÉ

Der große Unbekannte und doch Weltberühmte der amerikanischen Gegenwartsliteratur hat mit „Gravity’s Rainbow“, dessen deutscher Titel in Absprache mit ihm (man möchte wissen, wie die damals stattgefunden hat) in „Die Enden der Parabel“ geändert wurde, einen Roman geschrieben, der nur in den maßlosen russischen Klassikern des neunzehnten Jahrhunderts Vorläufer hat – kein Wunder, hatte Pynchon doch in Cornell bei Nabokov Literatur studiert (noch so ein Factum). Aber keine andere great American novel hat sich so ins Herz der deutschen Finsternis begeben (zeitgeschichtlich, mentalitätsmäßig, sexuell). Ebenfalls kein Wunder deshalb, dass es die spätere österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek war, die „Gravity’s Rainbow“ übersetzte, zusammen mit Thomas Piltz, der als Fotograf auch Künstler eigenen Rechts ist. Anders kommt man Pynchon wohl nicht bei.

Die Amerikaner selbst kommen bei ihm noch etwas grotesker weg als die Deutschen. Spät lässt er eine seiner typischen Figuren mit unverwechselbarem Pynchon-Namen, hier den Psychoanalytiker Mickey Wuxtry-Wuxtry, bei deren einzigem Auftritt feststellen: „Diese frühen Amerikaner waren auf ihre Art eine faszinierende Kombination, halb unausgegorene Dichter, halb seelische Krüppel …“ Als gäbe es sie da schon gar nicht mehr. Und in der Tat: Wie sollte es nach Pynchon noch etwas über sie zu sagen geben? Aber noch lebt er, bald neunzig. Und schreibt weiter, hoffentlich weit über den 250. Geburtstag seines Landes hinaus. Es fängt ja schon wieder an.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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