Industriefotografie: Was man von den großen Abwesenden lernen kann

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Die Bechers kamen nicht bis Penzberg. Sie waren mit einem Stipendium des British Council in Wales, fotografierten Bergwerksanlagen, die vor dem Abriss standen und Mondlandschaften zurückließen wie in Tylerstown oder Rhondda im südlichen Wales. Dabei begaben sich zur gleichen Zeit im bayerischen Penzberg fünfzig Kilometer südlich von München ganz ähnliche Dinge: Am 30. September 1966 verließ nach 170 Jahren der letzte Kohlewagen das örtliche Bergwerk. Die Pechkohle, die dort in horizontalen Flözen abgebaut wurde, war nicht mehr länger konkurrenzfähig, billiges Erdöl überschwemmte den Markt. Die Betreiber zogen die Reißleine, Hunderte Arbeitsplätze standen zur Disposition.

Fast alle Bergleute schulten um und bauten bald Omnibusse für die Fima MAN, die sich hier ansiedelte. Die alten Gebäude wurden abgerissen oder gesprengt, an das Bergwerk erinnerte schnell nichts mehr. Nur die Halde ist bis heute geblieben, sie dient als Naherholungsgebiet. Auch einige ehemalige Bergarbeiterhäuser konnten bewahrt werden. In einem solchen ist das örtliche Museum untergebracht, das vor zehn Jahren um einen Erweiterungsbau vergrößert wurde. 12.000 Besucher kommen im Jahr.

So dokumentierten Bernd und Hilla Becher 1966 die Zeche Rosenblumendelle im RuhrgebietSo dokumentierten Bernd und Hilla Becher 1966 die Zeche Rosenblumendelle im RuhrgebietEstate Bernd & Hilla Becher

Kernbestand ist eine Sammlung von Bildern des Malers Heinrich Campendonk (1889 bis 1957), der sich als einziges Mitglied der Malergruppe Blauer Reiter mit Penzberg befasste. Die Pyramide so hoch wie der Kirchturm im Gemälde „Mann und Ziege“ (1914) ist keine ägyptische Reverenz, sondern die Abbildung der Abraumhalde.

Nach Campendonk entdeckte die Neue Sachlichkeit in den Zwanzigerjahren das Genre Industriekultur, vierzig Jahre später knüpfte das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher mit Fotografien von Hochöfen, Fördertürmen und Maschinenhallen an diese Tradition an. Sachlich bis ins Mark die Bildsprache: das Objekt frontal und formatfüllend, aufgenommen bei diffusem Licht und mit einer einheitlichen Horizontlinie. Die Bechers etablierten die Industrie und die von ihr zerstörten Landschaften als Kunstgenre auf dem internationalen Markt.

Penzberg mit seinen 17.000 Einwohnern muss heute wieder sparen, die Abhängigkeit von einem großen Arbeitgeber fordert ihren Tribut: Der Pharmakonzern Roche betreibt hier ein Kompetenzzentrum für Life Sciences mit 7900 Arbeitsplätzen. Er hat dort nach eigenen Angaben allein im vergangenen Jahr 414 Millionen Euro investiert – und gleichzeitig 18 Millionen Euro Gewerbesteuer von der Stadt zurückgefordert. Ein Nebeneffekt: Anfang des Jahres hat sich mit Annette Vogel die Leiterin des Museums verabschiedet, weil sie die künftige Finanzierung den Bach hinuntergehen sah. Über eine Nachbesetzung, oder wie es generell mit dem Haus weitergehen soll, hat der Stadtrat noch nicht entschieden.

Bernd und Hilla Becher „Förderturm, Zolder Mijn, Zolder“, 1991Bernd und Hilla Becher „Förderturm, Zolder Mijn, Zolder“, 1991Estate Bernd & Hilla Becher

Den sechzigsten Jahrestag der Bergwerkschließung vor Augen, zu dem noch einmal Bergknappen-Züge aufmarschieren werden, haben die kommissarische Leiterin Anne Götzelmann und die Vorgängerin Vogels, Diana Oesterle, in nur sechs Monaten nun eine Ausstellung auf die Beine gestellt, welche die Fotografie der Bechers mit lokalen Erinnerungsbildern in Beziehung setzt. Motto: Sie hätten auch sehr gut hier fotografieren können. Eine Mogelpackung?

Auf drei nicht barrierefreien Etagen zeigen die Kuratorinnen fünfzig Exponate aus dem Nachlass, der vom Sohn Max Becher in New York verwaltet wird. Weitere Leihgeber sind das  Institut für Auslandsbeziehungen, die Stiftung Ann und Jürgen Wilde, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Konrad Fischer Galerie.

 Lena Schabus „Reizend“ (2022)Sie setzt das Thema geballt fort: Lena Schabus „Reizend“ (2022)Lena Schabus

Die Schau lässt nach dem ersten Raum den Bildtypus Einzelbauwerk hinter sich und konzentriert sich auf weniger bekannte Bilder von Industrielandschaften in Lothringen, Pennsylvania, Wales und dem Ruhrgebiet. Die schwarz-weiße Menschenleere regiert auch in den belgischen Arbeitersiedlungen mit ihren stattlichen Häusern, dahinter türmen sich wie eine Bergkette Schlote, Halden, Gleisanlagen, Förderbänder und -türme.

Als die Bechers von 1959 an zu Werke gingen, gab es noch keinen Denkmalschutz für Industriebauten. Doch jenseits des dokumentarischen Wertes faszinieren die Bilder mit ihrer stummen, meisterhaften Brillanz. Die Penzberger Aufnahmen aus privatem Bestand reichen natürlich nicht annähernd an diese Qualität heran, wohl aber sind die Parallelen der Motive eklatant. Und sogar Menschen sind zu sehen, junge Bergmänner nach ihrer Knappen- und Hauerprüfung, ältere bei der Arbeit unter Tage.

Die Sprengung des Kamins des Penzberger Bergwerks am 17. Februar 1979Die Sprengung des Kamins des Penzberger Bergwerks am 17. Februar 1979Stadtarchiv Penzberg

Das Thema findet auch in der Gegenwart seine Fortsetzung. Die Regensburger Fotografin Lena Schabus, Jahrgang 1990,  ist keine Becher-Schülerin, wohl aber eine Nachfahrin im Geiste. Auf ihren großformatigen Montagen ballt sie Kühltürme, Halden und rauchende Kamine wie mit der  Faust zusammen, komponiert eine hyperrealistische Bilderwelt, deren Möglichkeitsfaktor irritiert.

Dass Penzbergs Bergwerk architektonisch mit den nachgerade royal anmutenden Bauten der belgischen Zeche Siège Cheratte oder dem wuchtigen Kohlebunker der Zeche Hannibal in Bochum nicht mithalten können, ist verschmerzbar. Die Stadt, so wünschen es sich Götzelmann und Oesterle, soll sich anhand dieser Verwandtschaften in einem größeren Kontext begreifen – Identitätsfragen gibt es hier wie dort.

Und Erzählungen vom gelingenden oder scheiternden Strukturwandel. Die Umstellung auf die Bus-Produktion wurde seinerzeit als „Wunder von Penzberg“ gefeiert, zumal die ersten dort gebauten Exemplare nach Herne und Castrop-Rauxel geliefert wurden. Was die „WAZ“ zu der Überschrift „Bergleute bauen Busse für Bergleute“ animierte.

Am Ende bedauert man beinahe, dass Bernd und Hilla Becher 1979 nicht zur Stelle waren, als der Kraftwerkskamin gesprengt wurde, und die Penzberger Betonteile hamsterten wie zehn Jahre später die Berliner Reste der Mauer.

Das Ende als Anfang. Bernd und Hilla Becher im Dialog mit Penzberg. Museum Penzberg – Sammlung Campendonk, bis 18. Oktober. Kein Katalog.

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