Kann man berühmt für etwas sein, was man gar nicht ist? Vielleicht im Rheinland. Konrad Beikircher, unzweifelhaft einer der berühmtesten Rheinländer unserer Zeit, war gar keiner. Er kam aus Südtirol, aus einem ganz anderen Winkel des weiland Heiligen Römischen Reiches, der Übergangszone zwischen den Königreichen von Deutschland und Italien, und hatte nach Bonn, wo er studierte und bis zuletzt lebte, einen noch viel weiteren Weg zurücklegen müssen als die Kölner Kurfürsten aus dem Haus Wittelsbach, die ihrer Residenzstadt die Schlösser hinterließen.
Die Rheinische Landesgeschichte, Abteilung Sprachwissenschaft, wird einmal erforschen, inwiefern der alpenromanische Zungenschlag des Zugezogenen ihn als Nachhilfelehrer in einem Flusslandschaftsidiom prädestinierte, das die Rheinländer heute nicht mehr auf den Schulhöfen lernen. Und umgekehrt gefragt: Enthält das Rheinische selbst schon ein mundartistisches Moment, das Angelerntes besonders überzeugend klingen lässt? Es steht also ein Forschungsprojekt zu den linguistischen Wurzeln der Migrationsgeselligkeit der Region an.
Der auf die Münsterturmspitze getriebene Singsang
Erste Arbeiten sind gemacht. Das bekannteste von Beikircher geschaffene Korpus des Rheinmündlichen sind die Telefongespräche aus einer fiktiven Bonner Bäckerei, die im WDR gesendet wurden und auch als Abschriften in Buchform dokumentiert sind. Alles hier klingt übertrieben, der auf die Domturm- oder wenigstens Münsterturmspitze getriebene Singsang ebenso wie das kommunikative Setting, mit der Geschäftsfrau mit endlosem Zeitbudget am Apparat und der engelsgeduldigen Anruferin, deren äußerst sporadische Einwürfe wir nur aus den ungnädigen Referaten der Bäckersfrau kennen. Aber vor sechs Jahren konnte Georg Cornelissen, ein Mitarbeiter des Landschaftsverbands Rheinland, nachweisen, dass das Fundament des phantastischen Ladenschlösschens realistisch ist: das Namenmaterial.
„Bäckerei Roleber, juten Tach! Aah, Tach Frau Walterscheidt!“ Roleber ist ein rechtsrheinischer Stadtteil von Bonn, Walterscheid liegt etwa 25 Kilometer Luftlinie entfernt, eine sehr kleine Siedlung bei Much im Rhein-Sieg-Kreis. Für das Rheinland ist es typisch, dass Menschen wie Orte heißen. Man denke an Wolfgang Overath, der nicht aus Overath stammt, sondern aus Siegburg, wo Beikircher als von 1971 bis 1986 als Gefängnispsychologe arbeitete. So wohnen heute die meisten Träger des Namens Walterscheidt nicht in Walterscheid, aber im Rhein-Sieg-Kreis und nach Cornelissens Vermutung konzentriert in dessen rechtsrheinischem Teil. Man hat also Frau Roleber und Frau Walterscheidt auf derselben Seite des Rheins zu suchen, obwohl Frau Roleber sich einbildet, dass sie Himmelsdistanz überwinden muss, wenn sie Frau Walterscheidt die rheinische Welt erklärt, weil ihre Bekannte Protestantin ist, also unsinnlich, moralistisch und humorlos.
Diese Religionssoziologie ist bloß eine rheinische Sage: Der Kulturkatholizismus muss Frau Walterscheidt längst zur Toleranz bekehrt haben, sonst hätte sie nicht immer wieder in der Bäckerei Roleber angerufen, als es noch keine Flatrate für Ortsgespräche gab. Konrad Beikircher ist am Dienstag im Alter von 81 Jahren gestorben.

vor 5 Stunden
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