Die berühmte Welle von Nazaré in Portugal
Foto:Henrique Casinhas / imago images/ZUMA Wire
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Eines ist klar: Die Bilder von der Welle in Nazaré gehören ins Kino.
Die Wucht, wenn sich das Wasser an der portugiesischen Küste bricht, der pittoreske Leuchtturm im Vordergrund, der kleine Mensch unter der riesigen Woge: Man kann sich vorstellen, wie das auf der großen Leinwand wirkt. Überwältigend.
Surferfilme sind daher im Kino fast ein eigenes Genre geworden. Es gibt zig Filme, die der Welle huldigen, von »Gefährliche Brandung« mit Patrick Swayze und Keanu Reeves bis hin zum Dokumentarfilm »The Endless Summer« von 1966, der den Mythos von den coolen Jungs auf ihrem Board begründete.
Von Nürnberg nach Hawaii
»On the Wave«, die Geschichte des deutschen Big-Wave-Surfers Sebastian Steudtner, fügt dem jetzt ein neues Kapitel hinzu.
Steudtner ging einst als 16-jähriger junger Kerl ganz allein von Nürnberg, der Surf-Provinz, nach Hawaii ins Surf-Mekka, weil es ihn gepackt hatte.
Auf der Insel haben sie erst den Kopf geschüttelt über diesen Sonderling, der von Nürnberg daher kam. Dann hat er sich ihre Anerkennung ersurft.
Sebastian Steudtner bei der Filmpremiere von »On the Wave«
Foto: Rolf Vennenbernd / dpaSreudtner, der Weltrekordler, als er 2020 in Nazaré eine 26 Meter hohe Welle ritt, ist in Deutschland ein kleiner Medienstar. Er ist das, was im Segeln Boris Herrmann ist. Es ist schon viel über ihn geschrieben worden, auch im SPIEGEL, darüber, wie er sich seinen Kindheitstraum erfüllt hat. Aber auch darüber, wie er als noch unbekannter deutscher Outsider in der Surf-Szene in Los Angeles bei der Verleihung eines Surf-Awards als der »Stiefsohn von Hitler« verspottet wurde, als der »Scheiß-Deutsche«.
Steudtner sagt: »Das haftet bis heute an mir.«
Eine Welle und noch eine Welle
Das sind bekannte Geschichten, und die Filmemacher Peter Wolf und Axel Gerdau fügen dem in ihren zwei Stunden auf der Leinwand nur wenig Bekanntes hinzu.
Man kann sich an den atemberaubenden Bildern der brechenden Monsterwoge erfreuen, sie sind beeindruckend. Aber wie es der Welle ergeht, die irgendwann bricht, so passiert es auch dem Film. Er kann die Spannung nicht halten, irgendwann kommt die nächste Welle, und noch eine Welle und noch eine Welle. Dafür sind 120 Minuten Kinozeit einfach zu lang.
Dabei merkt man als Zuschauer schon beim Vorspann auf. Unter »Executive Producers« tauchen zwei äußerst prominente Namen auf: Wladimir Klitschko und Jürgen Klopp.
Über Klitschko hat Leopold Hoesch, der Produzent von »On the Wave«, schon 2011 und 2024 zwei Filme mitverantwortet. Hoesch und seine Firma Broadview TV sind so etwas wie die Experten für das Genre Sportfilm. Aus der Werkstatt von Broadview kam der Kinofilm über Toni Kroos, die mehrfach prämierte Dokumentation »Schwarze Adler«, Dokus über Franz Beckenbauer, Dirk Nowitzki, das Wunder von Bern und Colin Kaepernick, über Edwin Moses und Bernhard Langer.
Der kleine Mensch und die riesige Welle
Foto: Miguel Riopa / AFPDer Steudtner-Buddy Klopp
Klopp hingegen ist ein Buddy von Steudtner. Als Trainer des FC Liverpool hat er den Surfer mal zum Klub eingeladen, damit Steudtner den Profis etwas über Grenzerfahrungen erzählen konnte. Als der Surfer seinen Weltrekord erzielte, schickte Klopp ein Gratulationsvideo.
Im Vorfeld des Kinofilms wurden ein paar Instagram- und TikTok-Schnipsel mit Klopp produziert, in denen er den »außergewöhnlichen Typen« Steudtner preist: »Ich glaube, dass außergewöhnliche Menschen immer eine außergewöhnliche Geschichte haben.«
Klopp sollte eigentlich als Fußballchef im Red-Bull-Konzern ausgelastet sein, aber Big-Wave-Surfen gehört zumindest ins Red-Bull-Beuteschema.
»Eine außergewöhnliche Geschichte« ist es sicherlich, wenn man als Teenie die Heimat verlässt, um allein auf Hawaii das Surfen zu erlernen, aber sie ist eben auch nicht so außergewöhnlich, dass sie einen über zwei Stunden in Atem hält.
Steudtner ist ein passionierter Sportler, der für das Erreichen seiner Ziele größte Herausforderungen annimmt. Aber das gehört zum Wesen von Sportlern, gerade von Extremsportlern, dazu.
Was ihn wirklich motiviert, was ihn im Inneren antreibt, was ihn dazu bringt, sich auch der Gefahr auszusetzen, das arbeitet der Film nur bruchstückhaft heraus.
Steudtner in Nazaré. Dort lebt er auch.
Foto: Lars Baron/ Getty Images»Im Wasser bin ich frei«
»Im Wasser bin ich frei«, sagt Steudtmer am Anfang, und sein Mentor Laird Hamilton sagt am Ende: »Das Wasser ruft nach ihm.« Das klingt gut, aber sagt wenig dazu aus, was in Steudtner wirklich vorgeht. Man ist beeindruckt von dem, was er tut. Aber nah kommt man ihm nicht. Seine Schwester sagt im Film, die Erfahrungen von Hawaii hätten ihren Bruder »hart gemacht, unnachgiebig«. Was das bedeutet, dafür findet der Film keine Szenen, keine Bilder.
Wiederholt gibt es Momente, in denen man stutzt, einhaken möchte. Wenn an einer Stelle gesagt wird, unter den Surfern gebe es Neid und Rassismus, »Surfer sind Arschlöcher, sie mögen es nicht, andere gewinnen zu sehen«, das sind Sätze, über die man mehr erfahren möchte, über die Risse im lässigen Surfer-Universum, aber dann kommt schon die nächste Welle.
Es ist ein Film für Fans. Der Journalist Michel Eder sagt an einer Stelle über Steudtners Heimatstadt: »Nürnberg ist kein Ort für Watermen.« Das Kino ist es schon eher, aber nach diesem Film surft man dann doch schnell weiter. Selbst ein Film über die Urgewalt des Wassers kann vor sich hin plätschern.
On the Wave. Regie: Peter Wolf und Axel Gerdau. Produktion: Leopold Hoesch, 120 Minuten. Ab heute im Kino.

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