Geld: Der Millionenerbe, der die Millionen nicht will

vor 2 Stunden 1

Mönchengladbach. Sollte es einen Bilderbuch-Millionär geben, dann erfüllt Kai Viehof kaum eines der Klischees. Die schmalen Schultern fallen auch unter dem schwarzen T-Shirt und dem schwarzen Hemd auf, der Bart ist leicht strubbelig, in beiden Ohren steckt ein Ring. So saß er jüngst zum Beispiel in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ zum Thema Erben. Er trat viel zurückhaltender auf als einer seiner Kontrahenten, ein ebenfalls vermögender Elektrotechnik-Unternehmer aus Neuss mit raumgreifendem Körper und Einstecktuch.

Viehofs Großvater baute in den 1960er-Jahren die Handelskette „Allkauf“ auf, die er 1998 für rund eine Milliarde Mark an die Metro AG verkaufte. Geld, das die Familie bekam.

Doch Kai Viehof lehnte seinen Anteil ab, als er an der Reihe war. Der Mönchengladbacher, 44 Jahre, ist ein neues Gesicht im Lager der Millionäre, die ihr Geld nicht vermehren, sondern verteilen wollen.

Zu dem Lager gehören auch Sebastian Klein, Autor des Buches „Toxisch reich“, der als Mitgründer der App Blinkist reich wurde. Oder Marlene Engelhorn, die der Gründerfamilie des Chemiekonzerns BASF entstammt.

Mehr als die Hälfte der privaten Vermögen werden laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung nicht erarbeitet, sondern kommen durch Erben oder Schenkungen zustande. Nur die USA und China haben laut dem Global Wealth Report 2025 der Boston Consulting Group mehr Superreiche als Deutschland, also Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar. Das macht 27 Prozent des Finanzvermögens in Deutschland aus.

Tritt jetzt öffentlich auf

Wie Marlene Engelhorn hat Viehof nichts für seinen Reichtum getan – und wollte ihn gar nicht erst haben. Sein Vater schenkte ihm schon in jungen Jahren einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Das eigentliche Erbe jedoch, einen bis zu dreistelligen Millionenbetrag, schlug der Sohn aus.

Das ist für mich keine Neiddebatte. Kai Viehof

Trotz seines zurückhaltend wirkenden Auftretens hat sich Kai Viehof entschieden, öffentlich über das Thema Geld zu sprechen. Er wolle nicht hinnehmen, sagt er, dass Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit regelmäßig mit dem Begriff „Neiddebatte“ abgeschmettert werden. „Das ist für mich keine Neiddebatte“, sagt er. „Das ist für mich eine zentrale Debatte, der sich auch die stellen müssen, die im System gewonnen haben.“

Damit meint er auch sich selbst und hat sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden: Sieben Achtel des zweistelligen Millionenbetrags, den er bereits bekommen hatte, will er spenden – oder in Unternehmen investieren, die eher eine gesellschaftliche als eine finanzielle Rendite versprechen.

Reichtum

„Millionäre in Deutschland haben 60 Mal mehr Vermögen als Milliardäre“

Viehof hat mal Steuerberater gelernt, arbeitet aber kaum noch in diesem Beruf. Jetzt ist er vor allem damit beschäftigt, Geld sinnvoll auszugeben. Und zwar bis es weg ist. Zumindest fast.

Warum hat er entschieden, so viel Geld wegzugeben? Wer bekommt es? Und was will er damit erreichen?

Wollte mal in die Entwicklungshilfe

Viehof war 17, als die Familie das Unternehmen verkaufte. Schon damals beschloss er, dass er später einmal sein Erbe spenden werde, sagte seiner Familie aber erst mal nichts. Zu groß war damals noch der innere Konflikt, erinnert er sich heute. In seiner Jugend hatte er mal vor, in die Entwicklungshilfe zu gehen. Großer Reichtum und große Armut waren für ihn schon immer zwei Seiten einer Medaille.

Es war so ein Gefühl, Gerechtigkeitsempfinden. Kai Viehof

Damals schenkte ihm sein Vater, der wie der Großvater Eugen heißt, Aktien und andere Werte, die heute einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag wert sind. Er habe damals gar nicht so genau gewusst, was er da eigentlich unterschrieb und wie viel das wert war, sagt Viehof.

Würde er heute ablehnen? „Da bin ich im Zwiespalt“, gesteht er. „Wenn ich darüber verfüge, kann ich das auch für andere Zwecke einsetzen.“ Zum Beispiel für gute. Nicht zum letzten Mal räumt er hier einen Widerspruch ein, von dem er gar nicht behauptet, ihn auflösen zu können.

Mit Mitte 30, vor ungefähr zehn Jahren, sollte Viehof dann einen weiteren dreistelligen Millionenbetrag bekommen. Das eigentliche Erbe. Doch er schlug es aus. Warum? Ihm sei bewusst, dass das alles Luxusprobleme sind, sagt er, aber man sei in vielerlei Hinsicht, in rechtlicher, aber auch moralischer, nicht frei, mit dem Geld zu machen, was man wolle.

Vermögen

Wie viel ist genug? Drei Antworten und der Grund, warum so wenige Reiche sie finden

Es gehe auch immer darum, es an die kommenden Generationen weiterzugeben. Er sah in seiner Familie die ernsthafte Sorge, die Nachfahren könnten einst am Hungertuch nagen. Das musste unbedingt verhindert werden.

Keine Geschäftsbeziehung zur Familie

So läuft das in Dynastien. Man reicht das Vermögen an die Blutsverwandten weiter. Viehof wurde bewusst, dass er zu seiner Familie deshalb auch immer eine Geschäftsbeziehung haben würde. Aber das wollte er nicht. Weder zu seinem Vater noch später zu seinen eigenen Kindern. Zudem haderte Viehof damit, ohne Leistung Anspruch auf so viel Geld haben zu sollen.

Kai Viehofs Vater Eugen: Ist für die gemeinnützige Stiftung vertretungsberechtigt, in die Kai Viehofs dreistelliges Millionenerbe geflossen ist. Foto: Rudolf Wichert für Handelsblatt

Ein schmaler Grat, wollte er doch auch nicht der Spaltkeil der Familie sein. Nach einem Gespräch mit seinem Vater, der nicht gerade begeistert vom Entschluss seines Sohnes war, einigten sie sich. Der bis zu dreistellige Millionenbetrag, der Kai Viehof zugedacht war, floss in eine gemeinnützige Stiftung. Kai Viehof allerdings hat mit dieser Stiftung nichts zu tun. Vertretungsberechtigt ist sein Vater.

Doch Kai Viehof blieb noch immer der mittlere zweistellige Millionenbetrag. Im Gegensatz zum eigentlichen Erbe kann er darüber viel freier verfügen. Ein Achtel davon will er für sich und seine Familie mit den beiden Kindern behalten, ein Puffer zur Sicherheit. Er hat nicht ausgerechnet, wie lange der reichen wird. Sollte er irgendwann weg sein, würde Viehof sich einen Job suchen. Dass er auch für dieses eine Achtel Kritik einstecken muss, irritiert ihn manchmal. Als ob es besser, weil konsequenter, wäre zu sagen: Ich behalte alles.

Für Demokratie spenden

Viehof versucht, sich auf die anderen sieben Achtel zu konzentrieren. Die will er spenden und in Unternehmen investieren, die vorgeben, nicht vorrangig an die eigenen Profite zu denken.

Sein Schwerpunkt: Demokratie. Ohne Demokratie könne man alle weiteren Themen, auch den Klimawandel, vergessen, so hat er es von Anna-Lena von Hodenberg gelernt, der Gründerin der Organisation Hate Aid. Dass es wirklich alle Bereiche betrifft, war ihm vorher nicht so klar gewesen.

Josephine Ballon (links) und Anna-Lena von Hodenberg: Setzen sich mit Hate Aid gegen Hass und Hetze im Internet ein. Foto: Sven Serkis/HateAid/dpa

Fünf Jahre lang will er mit jeweils einem sechsstelligen Betrag die Organisation unterstützen, die sich gegen Hass im Internet einsetzt und so dafür sorgen will, dass möglichst viele Menschen an Debatten teilnehmen können. Genauso wie das Medienunternehmen Correctiv, das vor allem mit seiner Berichterstattung zur AfD bekannt geworden ist.

Außerdem spendet Viehof unter anderem an Brand New Bundestag, eine Organisation, die progressive Politiker in die Parlamente bringen will, sowie die Bürgerbewegung Finanzwende, die sich nach eigenen Angaben für faire, stabile und nachhaltige Finanzmärkte einsetzt, die den Menschen dienen.

Vermögen

Wie Sie mit Ihrem Nachlass maximalen Nutzen stiften

Er selbst setzt sich auch öffentlich für eine Vermögensteuer ein und eine Reform der Erbschaftsteuer, weil er überzeugt ist, so sagt er, dass die Konzentration von Reichtum die Demokratie gefährdet.

Begegnung bei einem Retreat

Nach Organisationen, an die er spendet, sucht Viehof nicht systematisch. Er bekommt ohnehin regelmäßig Anfragen, ansonsten erhält er Hinweise aus seinem Netzwerk, zum Beispiel der Schöpflin-Stiftung, die sich für die Stärkung der Demokratie einsetzt. Stehen Organisationen auf deren Förderliste, ist das für ihn ein gutes Zeichen. „Manchmal ist es auch absolutes Bauchgefühl: Die finde ich nett, denen gebe ich Geld.“

2023 lernte er zum Beispiel Helene Wolf auf einem Retreat für Philanthropen und Sozialunternehmer kennen, Co-Geschäftsführerin von „Fair Share of Women Leaders“. Der Verein setzt sich für mehr Frauen in der Führung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Stiftungen und Sozialunternehmen ein. Auch das stärkt Demokratie, weil es darum geht, eine Hälfte der Bevölkerung stärker einzubeziehen.

Viehof unterstützt den Verein fünf Jahre lang mit einer jeweils sechsstelligen Summe. Angesichts fehlender Finanzierungsstrukturen für feministische Arbeit mache seine Spende bis zu zehn Prozent des Jahresbudgets aus, sagt Wolf.

Wichtig auch: Die Spende ist nicht gebunden wie Fördergelder für bestimmte Projekte. Seine Unterstützung hat auch den Wegfall einiger Gelder kompensieren können. „Sein Beitrag ist extrem wichtig für die langfristige, strategische Arbeit“, sagt Wolf. Er setze sich aber nicht nur finanziell ein, sondern auch ideell. Zusammen moderieren die beiden den Podcast „In Verbündung“. „Es gibt zu wenige Männer, die sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Kai zeigt mit seinem Engagement, wie auch sie aktiv werden können“, sagt Wolf.

Auf seinem Smartphone hat Viehof eine Liste, auf der er alle Spenden dokumentiert. Die größeren Summen fließen dorthin, wo mehr Wirkung zu erwarten ist, sagt er. Woran er das festmacht? Bei Hate Aid zum Beispiel daran, wie vielen Betroffenen die Organisation geholfen hat, wie viele Verfahren sie gegen Social-Media-Plattformen geführt und gewonnen hat.

Und wenn das rechte Online-Medium Nius die Organisation publizistisch angreift, zeigt es ihm, dass Hate Aid ernst genommen wird. „Da habe ich das Gefühl, ich habe es an der richtigen Stelle investiert.“

Spenden will gelernt sein

Viehof hat aber auch gemerkt: Spenden will gelernt sein. Er hat in Projekte investiert, die weniger Wirkung entfaltet haben. Er hat erlebt, dass großzügige Zusagen zu entsprechenden Strukturen geführt haben, die zu teuer wurden, als öffentliche Mittel ausblieben.

Er stückelt höhere Beträge über mehrere Jahre, statt einmal Geld zu überweisen. Erstens können gemeinnützige Organisationen so langfristiger planen, und zweitens sind sie verpflichtet, ihre Mittel zügig zu verwenden.

Porridge-Start-up Haferkater: Viehof hat dem Unternehmen geholfen, ins sogenannte Verantwortungseigentum zu wechseln. Foto: Haferkater

Schon mehrfach hat Viehof die Entscheidung getroffen, ein Projekt nicht weiter zu unterstützen. Seine Mittel sind zwar groß, aber nicht unbegrenzt. „Möglicherweise lässt man dann eine Organisation über die Klinge springen.“ Das mache ihm wieder bewusst, welche Macht Geld habe. „Dahinter stehen Einzelschicksale von Personen, die ihren Job verlieren. Das ist eine schwere Entscheidung.“ Die er aber treffen muss.

Wenn eine Organisation, der er gespendet hat, schlecht kalkuliert hat mit dem Geld, ihn bittet, noch mal einzuspringen, will er das eher nicht. Er sagt aber, dass er diese Regel auch immer wieder bricht.

Verantwortungseigentum

Keine Ausschüttungen, keine Boni: Hubig entwirft neue Gesellschaftsform für Firmen

Hinzu kommen die Investitionen in Unternehmen. Auch sie, so seine Vorgabe, müssen sich vorrangig dem gesellschaftlichen Wohl verschrieben haben. Impact-Investment nennt sich diese Unterstützung dann. Dem Tampon-Start-up Vyld etwa hat er 750.000 Euro als Darlehen gegeben, auch weil es für von Frauen geführte Unternehmen noch immer schwieriger sei, Geld einzusammeln. Dem Porridge-Start-up Haferkater hat er mit einer sechsstelligen Summe dabei geholfen, ins sogenannte Verantwortungseigentum zu wechseln, wofür es Anteile seiner GmbH zurückkaufen musste.

Sein Einfluss hat Grenzen

Wenn die Geschäfte gut laufen, bekommt er das Geld mit Verzinsung zurück, der Betrag ist allerdings gedeckelt. Denn er weiß: Geld, das man aus dem Unternehmen nimmt, steht dem Impact nicht mehr zur Verfügung. Das ist Risikokapital, das er gedanklich schon abgeschrieben hat. Sollte etwas zurückkommen, will er das in neues Impact-Investment stecken.

Sich sichtbar zu engagieren, ist für diese Erben eine Lose-lose-Situation. Felix OldenburgChef des Stiftungs-Start-ups Bcause

Letztlich habe sein Einfluss, stellt Viehof immer wieder fest, durchaus Grenzen. Weil auch sein Geld Grenzen hat. Knapp drei Achtel seien mittlerweile noch übrig, sagt Viehof. Schon zugesagte, wenn auch noch nicht geleistete Unterstützung eingeschlossen. Und wenn dann irgendwann alles weg ist? „Natürlich habe ich daran schon gedacht. Das wird mich zwar schmerzen, aber ich möchte die Rolle des Geldgebers auch irgendwann verlassen.“ Dann werde er sich stärker auf seinen Aktivismus für Verteilungsgerechtigkeit konzentrieren.

Felix Oldenburg, Chef des Stiftungs-Start-ups Bcause, sagt, Kai Viehof habe bereits eine ganz schöne Reise hinter sich. „Man merkt ihm an, dass er sich sehr viele Gedanken macht. Da stecken Jahre von Auseinandersetzungen hinter.“ Erben, die mit ihrem Geld aus der Familiendynastie aussteigen, müssen sich gegen den Willen von Familienmitgliedern und Vermögensberatern durchsetzen.

Das neue Geben

Das letzte Geheimnis – Warum der Großteil der deutschen Vermögen im Verborgenen wächst

Oldenburg sieht, dass sich da eine neue Generation von Erben entwickelt, die erste, die den Klimawandel bewusst wahrnimmt, die Krise der Demokratie. Früher ging es bei der Philanthropie eher um Tierschutz, Bildung, Kultur, nun verstärkt um Demokratieförderung. Deshalb entstehen auch neue Organisationen wie Hate Aid oder Correctiv, sagt Oldenburg. „Sich sichtbar zu engagieren, ist für diese Erben aber eine Lose-lose-Situation“, sagt er. Sie werden kritisiert von denen, die finden, dass sie noch zu wenig spenden, und denen, die finden, dass sie viel zu viel spenden. Viehof gehört zu denen, die trotzdem darüber reden.

Verwandte Themen

DeutschlandBASF

Auch mit der Familie? Was sagen seine Verwandten dazu, dass Viehof einen Teil des Familienvermögens auf diese Art ausgibt, was zu seinem Engagement? Sein Vater hat drei Brüder, auch diese und ihre Kinder haben viel Geld geerbt. Mit dem Großteil seiner Verwandten, außerhalb der Kernfamilie, habe er jedoch keinen allzu engen Kontakt, deutet Viehof an. Das Verhältnis zu seinem Vater ist wieder besser geworden. Er hat sogar bemerkt, dass auch der sich immer mehr die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit stellt. „Er ist in Diskussionen bei mir, dass sich da was tun muss. Ich bewundere ihn sehr dafür, dass er progressiv weiterdenkt.“

Was Viehof immer verhindern wollte, ist ihm gelungen: Sie sind keine Geschäftspartner geworden. Dafür fast schon Verbündete.

Dieser Artikel erschien bereits im März 2026. Der Artikel wurde am 13.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

Gesamten Artikel lesen