Manchmal lassen einen die Entscheidungen anderer einsam zurück. Manchmal ringt man mit ihnen ganze Nächte, ganze Wochen lang. Manchmal spürt man die Selbstwirksamkeit des Subjekts als jähe Gewalttätigkeit, als etwas, das sich ohne Rücksicht auf Verluste vor das idyllische Bild der Dauer drängt. Denn die Entscheidung hat immer etwas Plötzliches, Unausgeglichenes an sich. Überlegen, erwägen, ausloten, das kann man zusammen und hin und her, aber die Entscheidung treffen, das ist eine Sache der subjektiven Vollendung. Da spielt dann all der Austausch von vorher keine Rolle mehr.
Es ist nicht so ganz klar, ob Entscheidungen sich wirklich leichter treffen lassen, wenn man sich vorher ausgetauscht und in Gemeinschaft abgewogen hat, ob sich Entscheidungen wirklich zusammen treffen lassen, denn die Missgunst, die Eifersucht, das Eigeninteresse, die Verlustangst der anderen ist als Faktor nie ganz auszuschließen. Deshalb ist man am Scheideweg, der ja in der Entscheidung steckt, am Ende irgendwie doch immer allein – auch, wenn man dabei an andere denkt und sich erinnert, was sie dazu gesagt haben.
Leben heißt Kadenz an Entscheidungen
Der Schritt in die eine oder andere Richtung, den tun wir bekanntlich jeden Tag, jede Stunde. Wir nehmen die Treppe und nicht den Aufzug und verpassen deshalb vielleicht die Liebe unseres Lebens, wir rufen den an und nicht die, wir lesen das eine und nicht das andere, wir verhalten uns auf jene oder ganz andere Weise. Leben, das ist eine rapide Kadenz an Entscheidungen. Und im Grunde treffen wir sie immer allein. Deshalb ist auch die pathetische Ausdrucksform „einsame Entscheidung“ im Grunde ein Pleonasmus. Und insbesondere einer, dessen Konnotation nicht ganz klar ist. Ist es gut oder schlecht, arrogant oder heroisch, sich einsam zu entscheiden? Also ohne vorherige Rücksprache mit anderen, ohne emotionale Rückversicherung?
Vor allem nachts wirken die Folgen nach
Ein bisschen klingt „einsame Entscheidung“ nach dem Steuermann auf sturmregennassem Deck, der nachts, wenn alle anderen schlafen, allein und im Angesicht aller Konsequenzen eine folgenreiche Entscheidung trifft. Das Ruder herumreißt, den Kurs ändert. Und vielleicht werden „einsame Entscheidungen“ ja wirklich vor allem nachts getroffen. Wenn der Entscheider mit sich und seinen Entscheidungen allein ist. Und vielleicht wirken die Entscheidungen der anderen auf uns dann auch vor allem nachts nach. Wenn man allein mit sich und den Folgen ist.
Jedenfalls kann man sich vorstellen, dass der Berliner FDP-Politiker Sebastian Czaja, der seine Partei in der Hauptstadt immerhin in drei Abgeordnetenhauswahlen geführt hat, nachts in seinem Zehlendorfer Boxspringbett lag und sich dazu entschied, aus seiner Partei auszutreten und fortan die Berliner CDU zu unterstützen. Er habe diese Entscheidung „einsam“ getroffen, so gibt er jetzt zu Protokoll und will damit andeuten, dass es eine reine Gewissens- und keine Karriereentscheidung gewesen sei. Was natürlich angesichts der katastrophal niedrigen Umfragewerte der Liberalen durchaus im Bereich des Vorstellbaren gelegen hätte, aber wenn jemand seine Entscheidung „einsam“ trifft, dann verbietet sich so ein Gedanke.
Das „einsam“ schützt die Entscheidung vor der Assoziation von Kungelei und Opportunismus, es adelt den eigenen Willen mit einer Aura von Verantwortung. Und dennoch: so ehrenwert und richtig Entscheidungen wirken können – in Czajas Fall trieb ihn angeblich die Angst vor einer Regierungsbeteiligung der Linkspartei zur einsamen Entscheidung –, so hart und schwer bleiben sie am Ende doch für andere. Für die, die zurückbleiben, die sich gemeinsame Wege vorgestellt hatten, für die, die nicht mitentscheiden, sondern die Folgen tragen müssen. In diesem Falle die zurückbleibenden Berliner FPD-Mitglieder, die nun nicht wissen, wohin sie sich noch wenden, worauf sie noch hoffen sollen. Und die jetzt vielleicht nachts in ihren Betten liegen und sich sehr einsam fühlen.

vor 7 Stunden
2










English (US) ·