Goldener Schnuller und Nuckelflasche (Symbolbild): »Ich bin Papa, nicht Krösus«
Foto: Frank Herfort / plainpictureTräumen Sie auch manchmal davon, einen anderen Beruf zu ergreifen und reich zu werden? Falls nein, können Sie an dieser Stelle getrost aufhören zu lesen. Für den Rest kommt hier der todsichere Weg zur ersten Million: Verkaufen Sie an Eltern! Es gibt wohl keine Zielgruppe auf der Welt, die ängstlicher ist – und Angst ist ein guter Verkäufer. Idealerweise vermarkten Sie an Erstlingseltern. Zur Unsicherheit kommt dann auch noch Unerfahrenheit: ideale Bedingungen für Geschäftemacher.
Beispiel Kinderschuhe: Sie sollen die Fußentwicklung fördern, am besten unkaputtbar sein und aussehen, als käme das Kind direkt aus einem skandinavischen Designkatalog. Vor Anbruch des Winters haben meine Frau und ich, vorbildliche Eltern, die wir sind, uns also auf den Weg in einen Kinderschuhladen gemacht. Man unterstützt ja lieber den lokalen Einzelhandel als den globalen Ausverkauf.
Was uns dann vor Ort empfohlen wurde, hat unsere angeblich grenzenlose Kinderliebe allerdings recht schnell in ihre Schranken gewiesen: 160 Euro für ein Paar Stiefel – und am besten noch ein zusätzliches »ordentliches« Paar, für den Fall, dass Hamburg über Nacht in die Arktis verlegt wird. Mehr als 300 Euro für zwei Paar Schuhe in Größe 25? Im allerbesten Fall ein halbes Jahr tragbar? Ich bin Papa, nicht Krösus.
Goldener Schnuller und Nuckelflasche (Symbolbild): »Ich bin Papa, nicht Krösus«
Foto: Frank Herfort / plainpictureQualität hat ihren Preis, sage ich gern, und: Wer billig kauft, kauft zweimal. Doch selbst bei aller Wertschätzung für gute Verarbeitung und meinetwegen auch liebevolles Design erschließt sich mir nicht, warum Schuhe, die nicht mal halb so viel Material verbrauchen wie meine, ungefähr doppelt so teuer sein sollen. Es sei denn, man kalkuliert ein, dass hier an Eltern verkauft wird: eine Spezies, bei der der präfrontale Cortex zwar voll ausgebildet, aber nicht immer voll funktionsfähig ist. Sobald man »Ergonomie« oder »Bio« sagt, können wir nicht mehr rechnen.
Bei Eltern setzt der für rationales Denken zuständige Teil des Hirns öfter mal aus, wenn es um den Nachwuchs geht. Anders hätte unsere Spezies vermutlich gar nicht überlebt. Trotzdem gibt es Exemplare, die 300 Euro für einen Windelmülleimer (»Gewinner des Baby Innovation Award 2023«), 60 Euro für einen Feuchttuchwärmer (»Hält Feuchttücher warm & feucht«), oder 40 Euro für Baby-Schuhe ausgeben, bevor das Kind läuft (»Im Vergleich zu Socken können die Krabbelschuhe nicht einfach abgestreift werden.«). Es geht aber auch günstig teurer: Vergleichen Sie mal den Preis für den Badezusatz Ihres Kindes mit Ihrem eigenen!
Natürlich soll kein Kind im eigenen Gestank leben, sich kalte Lappen durchs Gesicht ziehen oder ungeschützt laufen lernen müssen. Doch in den vergangenen Jahrtausenden haben die meisten Kinder auch ohne diese Dinge mehr oder weniger gut gelebt – sonst wäre keiner von uns heute hier. Fortschritt ist etwas Gutes, und seine Kinder besser als nötig auszustatten, ist kein Verbrechen. Leute auszunehmen, die ihren Nachwuchs zum Aushängeschild des eigenen Lifestyles machen – oder den Geruch von Babykacke als Zumutung empfinden, aber auch nicht.
Insofern freue ich mich schon auf die Angebote der oben genannten Produkte auf einer der vielen Secondhandplattformen, die wir Eltern bevölkern. Apropos: Wenn jemand einen Feuchttuchwärmer günstig abzugeben hätte …
Wie war das bei Ihnen? Für welches Kinderprodukt haben Sie unverschämt viel Geld ausgegeben? Schreiben Sie mir gern an familiennewsletter@spiegel.de . Einige Zuschriften würden wir gern veröffentlichen, auf Wunsch auch anonym.
Meine Lesetipps
Jugendliche sind in sozialen Netzwerken längst zu Hause. Eltern hingegen blicken oft nicht durch, sollten es aber. Sexual- und Medienpädagogin Madita Oeming erklärt, wie Gespräche über Pornos, Apps und Risiken trotzdem gelingen.
Fast drei Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig oder adipös. Es wird diskutiert, ob die Abnehmspritze auch für junge Menschen eine Lösung sein könnte. Das sagen Ärzte und Betroffene .
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Mein Buch-Tipp
Das Familienleben und besonders die Kindererziehung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Schon ab etwa dem ersten Geburtstag wird Betreuung und Erziehung immer öfter und über viele Stunden an externe Einrichtungen übertragen – hauptsächlich an Kitas. Ohne diese Betreuungsmöglichkeit geht es in den meisten Familien nicht. Auch ich könnte diesen Text hier nicht schreiben, wenn nicht jemand anderes auf meine Tochter aufpassen würde.
Doch ist die frühe und lange Krippenbetreuung wirklich das Beste fürs Kind? Erika Butzmann kritisiert dieses Modell und verweist auf Studien, deren negative Befunde in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kämen: Sprachliche Vorteile würden mögliche Überlastungen nicht rechtfertigen und seien zum Schulbeginn oft nicht mehr nachweisbar; wichtiger sei, dass viele Kinder Dauerstress erleben, der ihre Entfaltungschancen mindern könne.
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Stattdessen plädiert die Entwicklungspsychologin und Erziehungswissenschaftlerin, die seit mehr als 30 Jahren Eltern und Pädagogen berät, für eine Erziehung entlang natürlicher Entwicklungsverläufe. Sie betont die Bedeutung sicherer Eltern-Kind-Bindung, des selbst gesteuerten Spiels sowie der praxisnahen Orientierung für Eltern und Fachkräfte. Letztlich bräuchte es dafür eine Politik, die Kindern einen höheren Stellenwert einräumt. Bis dahin ist dieses Buch eine nicht immer bequeme, aber doch anregende Lektüre für Eltern kleiner Kinder.
Hot-Dog-Auflauf: Vielleicht nicht Ihr neues Lieblingsgericht, aber das Ihrer Kinder
Foto: Andrea ThodeDiese Nummer entstand zunächst aus Partyresten, Hot-Dog-Brötchen werden ja schneller trocken, als ein Sandsturm husten kann. Der Hot-Dog-Auflauf gelingt allerdings auch mit frischen Brötchen, denn auf dieses Gericht will niemand auch nur kurz warten. Und natürlich schmeckt er auch mit vegetarischen Würstchen.
Mein Moment
In der vergangenen Ausgabe meines Newsletters schrieb ich über den Tod meiner Mutter und darüber, wie meine Tochter darauf reagiert hat, dass ihre Oma tot ist. Zum Sterben muss man aber leider nicht alt sein. Daran erinnerte mich ein alleinerziehender Vater, der mir von seinem todkranken Sohn berichtete, einem extremen Frühchen mit Lungenhochdruck und Herzfehlern, die wegen des Lungenhochdrucks nicht operiert werden können. Schon früh habe ein Chefarzt prognostiziert, das Kind werde vermutlich nicht einmal das Kindergartenalter erreichen.
Trotz vieler Rückschläge und deutlicher Entwicklungsverzögerungen kämpft sich der Junge ins Leben: Er läuft erst seit wenigen Monaten, sagt erst seit Kurzem »Papa« und wird über eine Magensonde ernährt, weil er kaum etwas in den Mund nimmt. Gleichzeitig ist er lebensfroh, spielt und tobt gern.
Jede kleine Erkältung führte bislang ins Krankenhaus, oft mit lebensbedrohlichen Situationen – bisher immer mit gutem Ausgang. Doch die Krankheit zerstört die Lunge schrittweise; Medikamente (zwölfmal täglich) und nächtlicher Sauerstoff können nur verlangsamen, nicht stoppen. Die Ärzte beschreiben den absehbaren Verlauf als zunehmende Atemnot bis zum Einschlafen und Ersticken.
Im März wird das Kind vier Jahre alt und hat damit eine frühe Prognose bereits widerlegt. Der Vater schildert, wie ihn die Angst vor dem Ende immer wieder überrollt: »Es gab schon mehrfach Momente (nicht nur im Krankenhaus), in denen ich aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes weinen musste. Gerade letztens konnte er sich nachmittags nicht wach halten und schlief immer wieder auf meinem Arm ein. Da musste ich weinen, weil ich wusste, dass dies irgendwann für immer so sein wird.«
Über allem stehe die Frage: »Wie soll ich ihm mal erklären, dass er todkrank ist und früh sterben wird, wenn dies für mich selbst noch unbegreifbar schmerzlich ist?«
Was antwortet man in so einem Fall? Ich kann nur hoffen, dass der Vater seinem Jungen eines Tages womöglich nicht »erklären« muss, was Sterben ist – aber er ihm, solange es geht, das Leben zeigen kann.

vor 2 Stunden
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