Frau Faltermeier, charakterisieren Sie doch bitte mal Frau Dr. Hösl, die Sie in der ZDF-Reihe „München Mord“ spielen.
Die Frau Doktor Hösl ist eine Sphinx. Man weiß noch nicht so genau, ist sie eine Gute, eine Strenge, eine Hinterhältige. Sieht sie in der Belegschaft im Keller eine Superpower oder einen Klotz am Bein.
Wie war denn Ihr Bezug zu „München Mord“ bislang, insbesondere zu Ihrem Kabarettkollegen Christoph Süß, der Ihren Vorgänger, Kriminalrat Zangel, spielte? Gab es da schon vorab Gespräche?
Ich kenne Christoph Süß nur flüchtig von der Jubiläumssendung von „Quer“, war aber immer schon ein großer Fan. Über „München Mord“ haben wir nie gesprochen. Allerdings kannte ich meinen Kollegen Marcus Mittermeier schon davor. Wir wohnen ja beide in der Regensburger Gegend und treffen uns hie und da mal. Über „München Mord“ habe ich aber auch mit ihm erst gesprochen, als ich gefragt wurde, ob ich dabei sein will.
Alexander Held spielte in „München Mord“ von 2014 an die Hauptrolle des Kriminalhauptkommissars Ludwig Schaller. Im Mai ist Held leider verstorben. Geht Ihnen manchmal noch eine besondere Szene mit ihm durch den Kopf – vor oder hinter der Kamera?
Alexander Held war an sich eine eindrückliche Erscheinung. Er war ein feiner Charakter und ein lustiger Kollege. Seine Art zu spielen war faszinierend. Wenn man weiß, was so ein toller Kollege schon alles gespielt und gemacht hat, dann ist das schon auch einschüchternd. Alexander hat mich jedoch von der ersten Sekunde an sehr freundlich und offen behandelt, mich viel zum Schmunzeln gebracht und mir Tipps gegeben. Er war ein angenehmer Mensch und ein hervorragender Schauspieler. Ich kann das noch gar nicht begreifen, dass er verstorben ist.
Ihre oberfränkische Herkunft schlägt sich in Ihrer ersten Folge auch kulinarisch nieder. Wie schmeckt so ein Schmierkuchen?
Obacht! Sie meinen meine oberpfälzische Herkunft und den Schmierkoucha? Der Schmierkuchen ist vielleicht am ehesten mit einem Käsekuchen zu vergleichen. Ich fand ihn fein. Er kommt aber auch gar nicht aus der Gegend, aus der ich in der Oberpfalz stamme. Die Frau Dr. Hösl kommt aus Schwandorf. Ich aus der Regensburger Gegend. Da bedarf es alleine schon spitzfindigster Vorbereitung, sich in eine Schwandorferin reindenken zu können, wenn man aus dem Labertal kommt. Die 30 Kilometer muss man innerlich schon überwinden.
Wie steht es um Ihre bisherigen Kontakte mit der bayerischen Justiz?
Angenehm. Wir überlassen uns jeweils unsere Tanzbereiche. Ich hoffe sehr, dass das erst mal so bleibt. Natürlich gab es zarte Anbandelungen von beiden Seiten, aber dabei ist es fürs Erste geblieben. In meiner Zeit als Volontärin einer Tageszeitung und als Redakteurin war ich ziemlich regelmäßig in Gerichtsverhandlungen. Das hat mich schon sehr geprägt. Lustig war auch, als ich eine ehemalige Staatsanwältin, die ich hin und wieder zu Verhandlungen befragt hatte, als Richterin bei meiner Scheidung wieder getroffen habe. Da hat sie mich dann befragt. Man trifft sich immer zweimal im Leben. Vor allem in Regensburg.
Eva Karl Faltermeier als Dr. Linda Hösl in „München Mord“.ZDF/Susanne BernhardSie waren im Münchner „Tatort“ zu sehen, nun „München Mord“. Woher kommt die Affinität zum Krimi?
Das liegt bei uns tief in der Familie verwurzelt. Wir haben uns schon als Kinder zum „Edgar Wallace“ und „Miss Marple“ Schauen bei meinem Opa getroffen. Alle Enkel und mein Opa, und jeder durfte Spezi trinken. Außer der Opa, der hatte ein Bier. Und dann haben wir uns königlich gegruselt und mitgeraten. Und manchmal sind wir nach dem Schauen laut rufend durch den Garten im Dunkeln nach Hause gerannt, dass auch ja kein Mönch uns mit seiner Peitsche erwischen konnte. Am gruseligsten war es einmal, als in der Folge von „Edgar Wallace“ in Rom vor jedem Mord das Licht ausging. Und mein Onkel sich den Spaß erlaubt hat, kurz den Hauptschalter rauszudrehen. Das war ein ohrenbetäubendes Schreikonzert, der Opa hat Tränen gelacht. Mit dieser Ausbildung im Gepäck kann man eigentlich nur Krimi-Freundin werden. Angst habe ich aber auch heute noch. Mich gruselt es schon, wenn ich die Drehbücher in der Badewanne lese.
In einer Folge der BR-Dokumentationsreihe „Lebenslinien“ sprachen Sie offen über Ihre Depressionen und Ihre Darmerkrankung. Wie prägt der Umgang mit Ihren Krankheiten Ihr Leben und Ihre Pointen? Gibt es noch Tage, an denen gar nichts geht? Und was machen Sie dann?
Toi, toi, toi – in den letzten Jahren erging es mir mit den Depressionen sehr gut. Ich weiß inzwischen, was die Auslöser sind und wie ich vorbeugen kann. Und auch meine Angststörungen wurden in den letzten Jahren besser. Ein Trick dafür ist, dass ich eine Tageszeitung abonniert habe, auf Instagram höchstens fünf Minuten des Tages verbringe und ansonsten kein Social Media nutze. Diese ständige Aufgeregtheit unserer Zeit war für mich wohl der schlimmste Trigger von allen. Dafür gehe ich regelmäßig raus, in den Garten und in den Wald, pflanze, grabe und schaue mir die Tiere und die Pflanzen an. Das macht mich sofort glücklich. Erst neulich habe ich secondhand ein T-Shirt gefunden, auf dem steht: „Gardening – because murder is wrong“. Ich trage es jetzt eigentlich täglich.
Was motiviert einen dazu?
Ich spreche offen auf der Bühne und privat über meine Krankheiten. Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen. Und meine Erfahrungen weitergeben. Wenn ich daran denke, welche Schmerzen und emotionalen Täler ich so erlebt habe, das wünsche ich niemandem. Gleichzeitig versuche ich auch über meine Probleme rückwirkend zu lachen, es gibt so viele absurde, lustige und auch kuriose Erlebnisse, wenn man in so einem medizinischen Prozess drin ist, das hat mich trotz aller Schmerzen und Probleme auch immer erheitert. Lach beim Chaos, wenn es irgendwie geht.

Edmund Stoiber trug einst den Ehrentitel „Das blonde Fallbeil“. Das könnte auch die Überschrift für Ihre Dr. Hösl sein – zumindest in „Das Recht auf Glück“, oder?
Ja, sie hat schon eine Schärfe und – wie Dr. Stoiber – eine leicht ungelenke, aber überkorrekte Schreibtisch-Aura. Allerdings kann man sie mit vielen Adjektiven beschreiben – nur mit blond nicht. Sie ist optisch ja eher die Nana Mouskouri der TV-Polizei-Führungskräfte.
Als Studentin waren Sie in Mexiko. Was haben Sie von dort mitgenommen?
Dass ich Bairisch vermisse, wenn ich es zwei Monate mit niemandem gesprochen habe. Und dass ich mit 20 Minuten Verspätung die pünktlichste Studentin war. Sogar der Dozent kam meist 40 Minuten zu spät. Mir wurde in Mexiko klar, wie furchtbar spießig ich bin. Ich war in Deutschland immer die leicht chaotische Kreative, die zuerst auf sich warten lässt, aber wenn sie mal anwesend ist, wirbelt sie den ganzen Raum auf. Und in Mexiko habe ich mich selbst als sehr deutsch und regelkonform wahrgenommen. Das war für mein einundzwanzigjähriges Studentinnen-Ich ein ganz interessanter Spiegel. Ansonsten habe ich es in Süd- und Zentralamerika immer geliebt. Besonders Argentinien. Irgendwann ziehe dich da mal hin.
Wie sieht denn aktuell Ihre eigene Mediennutzung aus, und nehmen Sie Einfluss auf die Mediennutzung Ihrer Kinder?
Ich versuche wieder komplett ins Analoge zurückzugehen. Ich habe keinen Spaß mehr am Scrollen, Tippen und Rumsurfen. Ich brauche das oft beruflich. Aber das war es dann auch. Ich mochte nie irgendwelche Computerspiele, ich streame kaum mehr Musik, sondern höre wieder öfter Tonträger, und ich habe eine Tageszeitung abonniert. Wenn ich reise, kaufe ich mir ein Magazin und lese im ICE, ich nutze mit Absicht keine KI – und ich halte im Privaten lange enervierende Vorträge, wie dumm wir alle sind, weil wir so viel Zeit online verbringen.
Wie reagieren Ihre Kinder?
Wenn meine Tochter eine App downloaden will, muss sie mir erst in einem langen Gespräch erklären, wem die App gehört, was sie macht und wie es mit dem Datenschutz ausschaut. Dadurch beschäftigen wir uns beide dann damit. Und manchmal nimmt es ihr die Lust an einer App. Mein Sohn spielt bei seinen Kumpels heimlich „FIFA“, aber meistens findet man ihn bei jedem Wetter mit einem Fußball draußen oder mit den anderen Dorfkindern auf dem Rad.
Haben Sie ein bevorzugtes Medium?
Was wir alle in der Familie lieben, sind richtig gute Podcasts. Wir hören die Audiotheken rauf und runter. Meistens gemeinsam. Dann hören wir beim Kochen den Podcast über Uli Hoeneß und diskutieren darüber. Später werden sich meine Kinder vielleicht beschweren, dass ich so eine nervige analoge Mutter bin. Aber wenn sich meine Tochter mit einem 300-Seiten-Schmöker in die Hängematte verzieht und sich freut, dass sie mal Zeit zum Lesen hat, dann fühle ich eine große Zufriedenheit. Filme schauen wir übrigens auch nur gemeinsam. Und dann auch gerne Krimis. Man erzieht halt dann doch manchmal, wie man selbst aufgewachsen ist.
Lieder sind ein wichtiges Element in Ihrer Bühnenshow. Sie spielen die Autoharp. Wie wichtig ist Musik in Ihrem Leben?
Ich bin ein absoluter Musiknerd. Ich höre lieber, als ich spiele, weil ich mich für eine miserable Musikerin halte. Aber ich weiß so einiges. Ich habe schon immer nur Bücher und Zeitschriften zu Musikthemen gelesen. Niemand will mehr gegen mich Hitster spielen, weil ich auf eine unangenehme Weise ehrgeizig werde, die ich sonst überhaupt nicht von mir kenne. Ich liebe so viele Genres, und ich habe starke Phasen. Meine Kinder machen sich oft über mich lustig, wenn ich beispielsweise eine Zeit habe, in der ich nur wieder rare dramatische Chansons und alte Schlager höre und suche. Oder wenn ich nervös bin und Jazz daheim höre oder eine oldschool Hip-Hop-Phase habe, in der ich meine alte Run-DMC-Jacke trage und ihnen was vorrappe.
Haben Sie Lieblingssongs oder -bands?
Am meisten haben mich die Beach Boys und die Beastie Boys inspiriert. Außerdem bin ich mit Neunziger Indie und Alternative Music aufgewachsen. Auch Punk und Hip-Hop habe ich immer gerne gehört. Was mich immer sofort glücklich macht, ist aber – für ein Dorfkind ganz normal – AC/DC. Mein absolutes Lieblingslied ist „Long Promised Road“ von den Beach Boys. Und es vergeht kein Jahr, in dem ich nicht mindestens auf ein Tocotronic-Konzert gehe. Ich könnte da jetzt noch ewig referieren, aber das will ja niemand hören. Hören Sie lieber Musik. Das ist Balsam für die Seele.
Wie schwer oder leicht ist das Leben als Kabarettistin in Zeiten von Trump & Co.?
Ich gehe ja eher auf gesellschaftliche Phänomene ein als auf politische. Also wie sich die Politik auf das Dorf und das Dorf sich auf die Politik auswirkt. Wie sich die Nachbarschaft verändert, welche Mikrokosmen entlarvend für die gesamte Gesellschaft sind. Da hat man immer gleich viel zu tun. Ich finde das Leben allgemein unter Trump und Co. etwas anstrengend – für die meisten. Gerade die ohne Geld und mit wenig Geld. Ich möchte nicht, dass es Milliardäre ohne soziale Verantwortung gibt, die so viel Macht haben. Und ich betrachte es mit Sorge, wie so viele andere Menschen auch. Und das Gefühl, das bringe ich wiederum auf die Bühne. Die einzelnen politischen Show- und Egoaktionen von den Großkopferten jedes Mal kabarettistisch einzuordnen, das mache ich nicht. Da schaue ich lieber, ob meine Gurken Mehltau haben.
Sie leben mit Ihrer Familie in der Oberpfalz. Ist das Leben in der Großstadt überschätzt, oder was macht die Provinz so reizvoll? Oder steckt schon in der Frage zu viel Überheblichkeit?
Ich mache ja dienstlich viele Witze über die Stadtbevölkerung – und bin selbstkritisch mit uns Landeiern. Aber ich merke auf Tour schon, dass je nach Region und Urbanität andere Teile des Programms gefeiert oder nicht verstanden werden. Manche Menschen in Städten können einige Dinge nicht glauben und halten sie für dramaturgisch übertrieben, dabei ist das auf dem Land wirklich so. Andersherum ist es auch auf dem Land so, dass man mit ganz anderen Themen kämpft als in der Stadt. Beruflich sehe ich mich als humorvolle Korrespondentin aus dem ländlichen Bayern.
Ganz privat ist es so: Ich konnte mir schlicht in Regensburg mit meiner jungen Familie vor zehn Jahren weder Wohnung noch Haus leisten. Die Mieten wurden schon damals ständig erhöht, die neu geschaffenen Wohnungen waren so dermaßen teuer und High End, in die wollte ich mit zwei kleinen Kindern nicht einziehen, und so weiter. Das wurde in den letzten Jahren ja immer noch schlimmer. Irgendwann kam ein Angebot aus der Familie, einen Leerstand zu renovieren und dann im Mehrgenerationensystem zu bewohnen. Es war also keine Entscheidung fürs Land, sondern für erschwinglichen Wohnraum. Für mich wäre beides okay gewesen – Stadt und Land.
Um auf Dr. Hösl zurückzukommen: Sind Hierarchien gut, und werden sie bald abgeschafft?
Ich hab das gar nicht mitbekommen, will man die jetzt abschaffen? Da fragen Sie jetzt wirklich die genau Richtige. Ich war immer ein recht störrisches Kind und ein anstrengender Teenager. Alles war in Ordnung, solange es keine Hierarchien gab. Ich habe Rage against the Machine gehört und war gegen eingerostete Systeme. Und jetzt? Es ist schon fast zehn Jahre her, dass ich fest in einem hierarchischen Aufbau gearbeitet habe. Ein naher Vorfahre von mir war ein Aussteiger und hat in Beratzhausen in einer Höhle gewohnt, den beneide ich innerlich oft. Ich finde schon, dass ein jeder Mensch ein kleines Recht auf diese Höhle, den innerlichen Rückzug hat. Aber ich habe auch Politik studiert und weiß, dass es durchaus Hierarchien gibt, die Sinn ergeben und funktionieren. Ich glaube, es ist immer gut, solange die Schwächsten in einem System mitkommen. Es ist immer gut, wenn alle eine Stimme haben.
Wie sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber?
Neulich bin ich mit meinem Sohn durch den Wald gewandert, und er hat mir erzählt, wie er das in Deutschland politisch alles lösen würde. Und nach seinem Vortrag habe ich zu ihm gesagt: „Herzlichen Glückwunsch, du hast den Sozialstaat erfunden!“ – Das hat mir Hoffnung gegeben. Die guten Ideen sterben nicht. Die haben immer wieder ein Revival. Die schlechten Ideen, da sollte man nach einem Versuch daraus gelernt haben.
Was würde man bei Ihnen von außen betrachtet nicht vermuten?
Ich bin total schüchtern. Wenn ich jemanden oder eine Situation nicht kenne, brauche ich seeeeehr lange, bis ich auftaue und mich wohlfühle. Außerdem bin ich ein sehr gläubiger Mensch. Und ich fermentiere Lebensmittel, stelle meinen eigenen Tee her und ziehe jedes Jahr die Essiggurken und lege sie dann ein. Schrecklich langweilig eigentlich. Meine Freundinnen, die in der Stadt wohnen, ziehen mich schon auf. Die sagen, ich bin wie so ein Tradwive, das ab und zu auf ein Punk-Konzert geht. Das stimmt natürlich nicht ganz. Aber ich bin halt schon so eine alleinerziehende Mittvierzigerin mit langweiligen Oma-Hobbys und einer kleinen Kabarett-Manufaktur. Keine übliche Kombi. Bei Schulfesten meiner Kinder bin ich immer dankbar, wenn jemand sich mal mit mir unterhalten will.
Liebe Frau Faltermeier – warum eigentlich genau dieser selbst gewählte Künstlername?
Ich hatte eine Zeit lang privat diesen Doppelnamen. Karl-Faltermeier. Und ich dachte mir, ich lasse den Bindestrich weg, dann klingt das „Karl“ wie das Maria bei männlichen Künstlern. Oskar Maria Graf, Klaus Maria usw … Karl bedeutet „freier Mann“ – das ist einfach ein feiner Name, da kann man nichts sagen.

vor 11 Stunden
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