David Geringas 80: Der Universalist des Cellos

vor 14 Stunden 3

Man greift zu kurz, wenn man David Geringas nur als Cellisten fasst, obwohl er in diesem Metier zu den bedeutendsten weltweit gehört. Er ist zugleich auch Dirigent und Arrangeur. Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, in dem die Kultur mündlichen Fabulierens aus Ostmitteleuropa, wie sie bei Scholem Alejchem oder Isaac Bashevis Singer zur Literatur wurde, in leibhaftiger Gestalt vor einen tritt. Er ist ein äußerst fruchtbarer Lehrer, der an den Hochschulen in Lübeck und Berlin oder durch seine zahllosen Meisterkurse die deutschen Orchester mit Solocellisten und die Hochschulen mit neuen Professoren versorgt hat.

Durch seinen Unterricht sind Boris Andrianow und Jens-Peter Maintz, Wolfgang Emmanuel Schmidt und Sol Gabetta, Pierre Noack, Johannes Moser, Maximilian Hornung und Jakob Spahn, auch die erfolgreiche Koreanerin Seungmin Kang gegangen. Er selbst unterrichtet bis heute an der Accademia Musicale Chigiana in Siena oder bei Blackmore’s in Berlin. Und David Geringas ist litauischer Kulturpatriot, der seit Jahrzehnten die Musik seines Heimatlandes mit Nachdruck im gesamteuropäischen Bewusstsein verankert, womit er im Frühjahr 2015 auch Wolfgang Schäuble im Bundesfinanzministerium begeisterte.

Geringas wurde in Vilnius als Sohn einer jüdischen Familie geboren, deren meiste Angehörige im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen waren. Obwohl er als Kind im kleinen Rest der Familie noch viele Geschichten, Lieder, Feste und Theateraufführungen in sich einsog, erfuhr er das ganze Ausmaß der Tragik menschlicher Schändung und Vernichtung seiner Vorfahren erst im Erwachsenenalter und nicht durch seine Eltern. Deren Beklemmung und Angst vor politischer Verfolgung war zu groß, um die Geschichten der Grausamkeit an die Kinder weiterzugeben.

DSGVO Platzhalter

Geringas ging 1963 von Vilnius nach Moskau, um bei Mstislaw Rostropowitsch zu studieren, der größten Inspiration seines Lebens. Von ihm erbte er die technische Abenteuerlust, den großen Ton, die Unerschrockenheit auf dem Podium, die Lust an zeitgenössischem Repertoire und die Fähigkeit, als Lehrer mitzureißen, indem er sich auf jeden Schüler individuell einstellt. In Moskau lernte er 1966 seine Frau, die Pianistin Tatjana Schatz, kennen; ein Jahr später heirateten sie und wurden ein Kammermusikduo, von dessen Mut wie Sensibilität zahlreiche Schallplatten zeugen. Ein Markstein ist gewiss die Gesamteinspielung der Kammermusik für Violoncello von Alfred Schnittke.

Nach der Ausbürgerung Rostropowitschs aus der Sowjetunion wegen dessen Einsatz für den Menschenrechtler Alexander Solschenizyn ging 1975 auch das Ehepaar Geringas ins Exil und kam über Österreich und Italien 1976 nach Deutschland. Schon auf der ersten Schallplatte des Ehepaars aus dem Jahr 1976, mit Musik von Robert Schumann und Johannes Brahms, muss man die Einheit aus Lyrismus und Entschiedenheit, die atmende Freiheit, die aber nirgends ins Vage flüchtet, bewundern. Geringas beschäftigte sich mit historischer Aufführungspraxis, lernte ebenso Gambe, fünfsaitiges Cello und Baryton (das Lieblingsinstrument des Fürsten Esterházy, für das Joseph Haydn Unmengen an Trios schrieb).

Zugleich aber suchten die führenden Gegenwartskomponisten die Zusammenarbeit mit Geringas für Ur- und Erstaufführungen: Henri Dutilleux, György Ligeti, Ernst Krenek, Krzysztof Penderecki, Sofia Gubaidulina. Bis heute hat er noch längst nicht alle Werke, die ihm gewidmet wurden, darunter viele von Komponisten aus dem Baltikum, eingespielt. Da bleibt noch Arbeit zu tun. Diesen Mittwoch wird der große Universalist des Cellos, der sich sogar im Jazz ausprobierte, 80 Jahre alt.

Gesamten Artikel lesen