Nach jeder Gewalttat beginnt dieselbe Suche: War es der Islam? Was ist Rechtsextremismus? Das Internet? Eine psychische Erkrankung? Das Elternhaus? In meiner kinder- und jugendpsychiatrischen Arbeit begegnen mir diese Fragen seit vielen Jahren im Behandlungszimmer. Ich habe Jugendliche erlebt, die sich islamistischen Gruppen, rechtsextremen Szenen oder gewaltorientierten Hooligans angeschlossen hatten.
Die Ideologien waren unterschiedlich. Das Bedürfnis dahinter war oft erstaunlich ähnlich. Nach einer Tat beginnt die Suche nach dem, was den Täter geprägt hat. Das ist wichtig. Aber fast nie stellen wir die wichtigere Frage: Unter welchen Bedingungen werden Menschen empfänglich für Ideologien, die ihnen Feindbilder, Zugehörigkeit und einen vermeintlichen Lebenssinn anbieten?
Sie bieten Identität, Anerkennung und einfache Antworten
Radikale Gruppen unterscheiden sich in ihren Zielen. In einem Punkt ähneln sie sich jedoch. Sie geben Menschen das, was demokratische Gesellschaften oft nicht mehr vermitteln: das Gefühl, dazuzugehören. Sie bieten Identität, Anerkennung, Orientierung und einfache Antworten auf eine komplexe Welt. Wer dazugehören darf, erhält Bedeutung. Wer zweifelt, bekommt Gewissheiten. Wer sich überfordert fühlt, muss nicht mehr selbst denken. Andere übernehmen das. Darin liegt ihre Anziehungskraft. Dass Zugehörigkeit, Anerkennung und Identität eine zentrale Rolle bei diesen Prozessen spielen, wird inzwischen auch durch internationale Übersichtsarbeiten der Radikalisierungsforschung bestätigt.
Wir sprechen nach Anschlägen viel über Religion, Migration, Integration oder Sicherheitsgesetze. Nach Wahlerfolgen rechter Parteien suchen wir die Ursachen in Globalisierung, wirtschaftlicher Unsicherheit, demagogischer Manipulation oder generell dem Osten Deutschlands. All diese Fragen sind wichtig. Aber sie greifen zu kurz. Denn nicht nur Demokratiefähigkeit wird in der Kindheit angelegt. Auch die Bereitschaft, Freiheit gegen das Versprechen von Sicherheit und Zugehörigkeit einzutauschen, hat dort ihre Wurzeln. Wer als Kind nie erfahren hat, dass seine eigene Stimme zählt, erlebt Freiheit später oft nicht als Chance, sondern als Überforderung. Wer nie gelernt hat, sich selbst etwas zuzutrauen, sucht Halt im Außen. Dann gewinnen Menschen und Bewegungen an Attraktivität, die Orientierung versprechen, Komplexität reduzieren und Verantwortung abnehmen.
Sehnsucht nach autoritärer Ordnung
Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset beschrieb 1930 mit dem „Massenmenschen“ einen Typus, der wenig Ansprüche an sich selbst stellt, Verantwortung lieber delegiert und sich nach Orientierung und autoritärer Ordnung sehnt. Seine Analyse entstand in einem anderen historischen Kontext. Dennoch wirkt sie heute erstaunlich aktuell.
Ideologien mögen unterschiedlich sein. Die menschlichen Bedürfnisse, an die sie anknüpfen, sind es oft nicht. Wer verhindern will, dass Menschen sich radikalisieren, muss mehr tun, als Extremisten zu beobachten, ihre Organisationen zu verbieten oder ihre Straftaten zu verfolgen. Er muss verstehen, warum deren Versprechen verfangen. Menschen brauchen Zugehörigkeit. Sie brauchen Anerkennung. Sie müssen erleben, dass sie etwas bewirken können. Fehlt all das, entsteht eine Leerstelle. Demokratie kann es sich nicht leisten, diese Leerstelle zu ignorieren. Gerade deshalb ist Integration mehr als Sozialpolitik. Sie ist Demokratie- und Sicherheitspolitik.
Die wichtigsten Schutzfaktoren gegen Gewalt und Radikalisierung
Forschung zur Gewaltprävention und Resilienz zeigt seit Jahren, dass stabile Beziehungen, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe zu den wichtigsten Schutzfaktoren gegen Gewalt und Radikalisierung gehören. Wer Integrationsarbeit, Kinder- und Jugendhilfe oder politische Bildung lediglich als freiwillige Sozialleistungen betrachtet, verkennt ihre eigentliche Bedeutung. Sie gehören zu den wichtigsten Investitionen in die Zukunft einer demokratischen Gesellschaft. Wer hier spart, spart an den Voraussetzungen von Zusammenhalt, Freiheit und innerer Sicherheit.
Deutschland hat Menschen jahrzehntelang als Gäste bezeichnet, obwohl ihre Kinder längst Teil dieses Landes waren. Gäste gehen irgendwann wieder. Kinder aber bauen ihre Zukunft dort auf, wo sie aufwachsen. Wer ihnen dauerhaft vermittelt, nicht wirklich dazuzugehören, darf sich nicht wundern, wenn andere ihnen Zugehörigkeit versprechen. Dabei geht es um mehr als individuelle Schicksale. Es geht um die Frage, welche Bürger unsere Demokratie in zwanzig Jahren tragen werden.
Fehlende Zugehörigkeit betrifft nicht nur junge Menschen mit Migrationsgeschichte. Sie betrifft auch Jugendliche, die in strukturschwachen Regionen aufwachsen, keine Perspektive sehen oder früh die Erfahrung machen, dass sie nicht gebraucht, ja noch nicht einmal gesehen werden. Radikalisierung hat viele Gesichter. Doch fast immer beginnt sie dort, wo Zugehörigkeit verloren geht und Hoffnung schwindet. Innere Sicherheit beginnt deshalb nicht erst beim konkreten Einsatz von Polizei und Verfassungsschutz. Sie beginnt viele Jahre früher. Im Kinderzimmer, in der Kita, in der Schule.
Dort, wo Kinder erfahren, ob sie dazugehören, ob ihre Gedanken zählen, ob ihre Gefühle ernst genommen werden und ob sie erleben dürfen, dass ihr Handeln etwas bewirken kann. Dabei wird häufig übersehen, dass wir Kinder nicht nur einfach großziehen. Wir ziehen die Erwachsenen heran, die unsere Gesellschaft einmal tragen sollen. Oder jene, die sich von ihr abwenden. Radikale Gruppen nutzen die Leerstellen, die demokratische Gesellschaften hinterlassen. Wenn junge Menschen ihr Zugehörigkeitsgefühl zuerst bei Extremisten finden, hat der demokratische Staat seinen Auftrag zuvor bereits an entscheidender Stelle verfehlt. Die Zukunft unserer Demokratie entscheidet sich deshalb dort, wo Kinder lernen, ob diese Gesellschaft auch ihre Gesellschaft ist.
In meinen Therapien mit radikalisierten Jugendlichen habe ich Erstaunliches erlebt: Die ideologischen Überzeugungen verloren häufig an Bedeutung, sobald Zugehörigkeit auf andere Weise möglich wurde. Dadurch, dass ein Jugendlicher bei der Freiwilligen Feuerwehr gebraucht wurde. Dass er im Sportverein Verantwortung übernehmen durfte. Dass ihn ein Naturschutzverein oder ein Karnevalsverein aufnahm. Wir sollten nach einer Gewalttat nicht nur fragen, wodurch ein Täter radikal wurde. Wir müssen auch fragen, warum die Feinde unserer Demokratie ihm eher das Gefühl geben konnten dazuzugehören als wir. Es gibt einen Wettbewerb um Zugehörigkeit. Der demokratische Staat darf ihn nicht verlieren.
Jürgen Fleischmann ist leitender Arzt und Psychiater für Kinder und Jugendliche am Medizinischen Versorgungszentrum Mittelrhein der Johanniter in Sinzig.

vor 14 Stunden
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