Capus’ neuer Roman: Höhere Langeweile im Grenzgebiet

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Ramsen 1933: Der Schmuggler Hermann wird bei einer illegalen nächtlichen Aktion durch NS-Schergen in einem Schweizer Gasthof aufgegriffen und über die Grenze verschleppt. Er hatte regelmäßig diverse Lebensmittel, aber auch kommunistische Zeitungen nach Deutschland eingeschmuggelt. Aus diesem Stoff webt Alex Capus seinen Roman „Querfeldein“.

Mit Gewinn: Das Buch hat einen spannenden, starken Plot – gerade weil er größere Dynamiken anhand einzelner Schicksale verhandelt. Freilich hält sich Capus nicht streng an historische Tatsachen. Der Aufstand der Dörfler gegen die Willkür der NS-Männer etwa ist frei erfunden. Auch bei der Vorgeschichte dürfte Capus vieles hinzugedichtet haben: so beim Lebensweg Arnolds, eines jungen Schweizers, der nach einem unverhofften Kasinogewinn einen Gasthof nahe der deutschen Grenze errichtet. Das „Moskau“ benannte Lokal floriert, und das noch mehr, als Arnold eine Fremde, Betty, heiratet. Beider Tochter Clara wiederum verliebt sich in den besagten Grenzschmuggler.

An diesen poetischen Freiheiten ist nichts auszusetzen; Capus fährt gut mit ihnen. So gut, dass man aus allen Wolken fällt, als in der Hermann-Episode plötzlich echtes Archivmaterial (Briefe, Protokolle et cetera) montiert wird und die Erzählstimme von der personalen in die Ichperspektive wechselt. Was mag Capus mit dieser erzählerischen Kehrtwende um 180 Grad bezweckt haben? Nun, zumindest dürfen wir dergestalt an den soliden Recherchen des Autors teilhaben.

Klamauk, Kitsch, Leerlauf

Weniger solide ist der Roman in anderer Hinsicht. In einem kürzlich erschienenen Interview äußert sich Capus prosaisch über die Rolle von Sprache in seinem Schreiben; sie sei dazu da, die Geschichte möglichst effizient „von A nach B zu transportieren“. Das merkt man seinem neuen Roman leider bisweilen an. Capus jongliert darin mit blumigen Metaphern, strapazierten Redewendungen und Vergleichen. (,,Es war, als hätte eine freundliche Macht die Schalthebel des Klimas übernommen“). Er verwendet Bilder von ausgemachter Zuckrigkeit: Betty bringt ,,den Sternenhimmel Italiens“ nach Hause, in einer Fabrikhalle leuchten „Myriaden tanzender Staubkörner“.

 „Querfeldein“Alex Capus: „Querfeldein“Hanser

Dann wieder entwickelt der Autor eine phrasenhafte Geschwätzigkeit. So bringt er es zuwege, seine Leser seitenlang mit den Gedanken eines Grenzwächters zu martern, einer absoluten Nebenfigur, die über geschnitzte Pferde und Kühe sinniert (,,Und wie wäre das, nur so zum Spaß, wenn man sich eine noch viel, viel größere Kuh vorstellte? Eine fünf Kilometer große Kuh zum Beispiel? Eine Holzkuh von hier bis nach Diessenhofen, auf ihrem Rücken ein Spazierweg für Kinder? Bürgi schüttelte lächelnd den Kopf“).

An dieser Stelle wäre gleich noch anzumerken, dass Capus’ Humor nicht allen Lesern gleichermaßen gefallen wird. Seine Reihungen etwa: Zu Hause wartet „keine Frau auf ihn, übrigens auch kein Freund und kein Kind und kein Hund und noch nicht mal eine Katze“. Mehr als zwanzig Mal traktiert der Autor uns mit dieser „witzigen“ Konstruktion. Irgendwann fragt man sich, wo eigentlich das Lektorat abgeblieben ist, das ihm diese Marotte hätte austreiben sollen. Offenbar aber nahm niemand Anstoß – kein Hund und keine Katz und noch nicht einmal ein Schwein, würde Capus wohl sagen.

Ein weites Feld: Capus’ Stil

Doch erstaunlicherweise finden sich neben fragwürdigen Stellen gute, ja mitunter sehr gute Passagen. Etwa, als erstmals von Betty die Rede ist. Zwei Seiten feine Prosa liefert Capus da. Eine Herde Pferde trabt „einsam und herrenlos in der weiten weißen Fläche, wie eine Luftspiegelung“. Später dann staksen die Fohlen „hoch- und vielbeinig“ über die Landstraße, „bleckten die Zähne und schnappten sich gegenseitig spielerisch in die Flanken“. Das sind anschauliche, schlackenlose, poetische Beschreibungen. Das ist ein Stil, den Capus also auch in seinem Repertoire hat.

Und Capus beweist abermals sein Händchen für Figuren. Die Tochter Clara zum Beispiel überzeugt durch frische, freimütige Auftritte: Ihre Dialoge sind oft herrlich. In der abgründigen Gestalt des Kasinocroupiers mit „ungesund roten Lippen“ und „flatterndem Augenaufschlag“ erweist Capus wiederum Texten aus der Zeit um die Jahrhundertwende die Reverenz.

Was raten bei einem derart widersprüchlichen Buch? Seinen Titel löst es ein: Man quert in der Tat weite Felder. Zwischen anspruchsvoller Belletristik und Groschenroman ist alles dabei. Unwilligkeit weiterzulesen und höhere Langweile – sie stellen sich hin und wieder ein, man kann es nicht verschweigen. Wieso ein Werk lesen, fragt man sich, dessen Verfasser seine ganz offenbar vorhandenen Qualitäten nur stellenweise zur Geltung bringen kann? Wer einen launigen Historienroman sucht, dem sei es aber bedenkenlos empfohlen.

Alex Capus: „Querfeldein“. Roman.
Hanser Verlag, München 2026. 288 S., geb., 25,– €.

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